Bundesregierung und Union fĂŒr rasches Ende der Haushaltskrise
23.11.2023 - 06:35:05Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) rechnet damit, dass die Beratungen fĂŒr den Haushalt 2024 zĂŒgig abgeschlossen werden, obwohl die fĂŒr Donnerstag anberaumte finale Sitzung des Haushaltsausschusses zum Etat 2024 verschoben worden war. Die Union forderte fĂŒr die kommende Woche eine RegierungserklĂ€rung des Kanzlers. Auch erklĂ€rte sich die Partei "angesichts der gebotenen Eile" zu einer Videokonferenz des Ăltestenrates des Parlaments noch in dieser Woche bereit, um das weitere Vorgehen zu erörtern.
Das Bundesverfassungsgericht hatte in der vergangenen Woche die Umwidmung von 60 Milliarden Euro im Haushalt 2021 fĂŒr nichtig erklĂ€rt. Das Geld war als Corona-Kredit bewilligt worden, sollte aber nachtrĂ€glich fĂŒr den Klimaschutz und die Modernisierung der Wirtschaft eingesetzt werden. Zugleich entschieden die Richter, der Staat dĂŒrfe sich Notlagenkredite nicht fĂŒr spĂ€tere Jahre auf Vorrat zurĂŒcklegen. Dies hat zur Folge, dass weitere Milliardensummen fĂŒr Zukunftsvorhaben gefĂ€hrdet sind.
Da die genauen Auswirkungen auch auf den regulĂ€ren Haushalt noch unklar sind, entschied das Finanzministerium, vorsorglich bestimmte Zusagen aller Ministerien fĂŒr kommende Jahre im Haushalt zu sperren. Am Mittwoch wurde zudem die sogenannte Bereinigungssitzung des Haushaltsausschusses abgesagt, in der letzte Hand an den Haushalt 2024 gelegt werden sollte.
Scholz sagte am Mittwochabend nach einem Treffen mit der italienischen Regierungschefin Giorgia Meloni: "Der Respekt vor dem Parlament bedeutet, dass nicht die Regierung ansagt, wann das Parlament genau einen Abschluss findet, aber das soll sehr zĂŒgig und sehr zeitnah erfolgen und das kann auch zĂŒgig und zeitnah erfolgen." Scholz betonte, dass die Ampel an ihren PlĂ€nen in der Sozial-, Klima- und Wirtschaftspolitik festhalten will. Konkret sprach er von der Weiterentwicklung des Sozialstaates, der Modernisierung der Volkswirtschaft und ökologischen Transformation. Diese sei wichtig fĂŒr die WettbewerbsfĂ€higkeit Deutschlands und den Schutz des Klimas.
Der SPD-Vorsitzende Lars Klingbeil warnte vor vor ĂŒberhasteten Schritten bei der Verabschiedung des Haushalts 2024. "Lieber eine Woche, zwei Wochen lĂ€nger drĂŒber reden und die richtigen Entscheidungen treffen, als dass man jetzt zu schnell handelt und nachher dann vielleicht doch Fehler macht", sagte Klingbeil am Mittwochabend im ZDF-"heute journal". NatĂŒrlich wolle auch er, dass der Etat schnell verabschiedet werde. Ăhnlich Ă€uĂerte sich Helge Braun (CDU), der Vorsitzende des Haushaltsausschusses, in den ARD-"Tagesthemen".
Union schreibt an Kanzleramt und BundestagsprÀsidentin
Die Union verlangte von Scholz eine rasche RegierungserklĂ€rung zur aktuellen Haushaltskrise. "Aus der Haushalts- und Koalitionskrise droht eine Vertrauenskrise in die HandlungsfĂ€higkeit unseres Staates zu werden", heiĂt es in einem der Deutschen Presse-Agentur (dpa) in Berlin vorliegenden Brief des Parlamentarischen GeschĂ€ftsfĂŒhrers der Unionsfraktion, Thorsten Frei, vom Mittwoch an Kanzleramtschef Wolfgang Schmidt (SPD). "Um dies abzuwenden, braucht es endlich Klarheit und Wahrheit seitens der Bundesregierung." Nachdem die nĂ€chste Bundestagssitzung fĂŒr den 28. November einberufen worden sei, rege die Unionsfraktion an, diesen Termin zur Abgabe einer RegierungserklĂ€rung zu nutzen, schrieb Frei.
In einem weiteren der dpa ebenfalls vorliegenden Brief an BundestagsprĂ€sidentin BĂ€rbel Bas (SPD) fordert Frei eine zeitnahe Sitzung des Ăltestenrates des Parlaments, um das weitere Vorgehen rechtzeitig vor der am Montag beginnenden nĂ€chsten Sitzungswoche zu erörtern. Die Unionsfraktion sei "angesichts der gebotenen Eile" bereit, die Sitzung noch im Laufe der Woche per Videokonferenz durchzufĂŒhren. Mit der Absage der Bereinigungssitzung des Haushaltsausschusses an diesem Donnerstag seien die eigentlich kommende Woche geplanten Haushaltsberatungen "faktisch ausgeschlossen" und der Ablauf der Sitzungswoche unklar.
Warnung vor Schreddern des Sozialstaates
Gewerkschaften und SozialverbĂ€nde warnten eindringlich vor KĂŒrzungen im Sozialbereich wegen der aktuellen Haushaltskrise. "Wer glaubt, politisch punkten zu können, indem er Sozialpolitik gegen Zukunftsinvestitionen ausspielt, der wird in einem Land voller Klimaleugnern und Marktradikalen aufwachen", sagte die DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND/Donnerstag). Ulrich Schneider, der HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer des ParitĂ€tischen Gesamtverbandes, mahnte beim RND ebenfalls: "Wir können jetzt nur hoffen, dass möglichst schnell Planungssicherheit entsteht und nicht der Sozialstaat geschreddert wird."
Der HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer des Deutschen StĂ€dte- und Gemeindebundes, Gerd Landsberg, forderte dagegen in der "Neuen OsnabrĂŒcker Zeitung" (Donnerstag) einen Vorrang von Investitionen vor weiteren Sozialleistungen.
Auswirkungen auf Deutschlandticket und KfW-Förderprogramme
Auch auf die Förderprogramme der staatlichen Förderbank KfW wirkt sich das Haushaltsurteil aus. Die KfW verhĂ€ngte am Mittwoch einen vorlĂ€ufigen Antrags- und Zusagestopp fĂŒr vier Programme aus dem Bereich Wohnen und Bauen. Bereits zugesagte Förderdarlehen und InvestitionszuschĂŒsse dieser Programme seien nicht betroffen. Konkret handelt es sich um das Programm "Altersgerecht Umbauen", das kommunale Förderprogramm "Energetische Stadtsanierung", die Förderung genossenschaftlichen Wohnens sowie das BMWSB-HĂ€rtefallprogramm fĂŒr Wohnungsunternehmen infolge der gestiegenen Energiekosten.
Der CDU-Verkehrsexperte Thomas BareiĂ erwartet zudem, dass der Preis fĂŒr das Deutschlandtickekt deutlich steigen könnte. "Mit Blick auf das Urteil aus Karlsruhe ist klar, dass das 49-Euro-Ticket jetzt spĂ€testens im Juni nĂ€chsten Jahres zum 69-, 79- oder gar 89-Euro-Ticket wird", sagte der Bundestagsabgeordnete der "Rheinischen Post" (Donnerstag).

