ROUNDUP, Wirtschaftsforscher

Wirtschaftsforscher senken Wachstumsprognosen

06.03.2024 - 15:46:00

Die Erholung der deutschen Wirtschaft dauert lÀnger als erhofft.

Das MĂŒnchner Ifo-Institut und das Kieler Institut fĂŒr Weltwirtschaft (IfW) sehen die Wirtschaft momentan weiter in der Rezession und haben ihre Wachstumsprognosen am Mittwoch deutlich gesenkt: FĂŒr das Gesamtjahr erwartet das Ifo-Institut jetzt nur noch 0,2 Prozent, das IfW 0,1 Prozent Wirtschaftswachstum statt bisher 0,9 Prozent. Ein Hoffnungszeichen kam von den deutschen Exporteuren, die im Januar ĂŒberraschende ZuwĂ€chse verbuchten.

GrĂŒnde fĂŒr das schwache Wirtschaftswachstum sehen die Wirtschaftsforscher in der mauen Weltkonjunktur und den gestiegenen Zinsen, aber auch in vielen hausgemachten Problemen. Die Unsicherheit ĂŒber wirtschaftspolitische Weichenstellungen bremse Investitionen und Konsum, sagte Ifo-PrĂ€sident Clemens Fuest. Hier könnte die Bundesregierung ansetzen.

Positive Entwicklungen erwarten die Forschungsinstitute bei der Inflation und am Arbeitsmarkt. Die Preise dĂŒrften dieses Jahr nur noch um 2,3 Prozent steigen. Wachsende Löhne dĂŒrften zu einem Anstieg der Konsumausgaben fĂŒhren. Die meisten Unternehmen seien weiter auf der Suche nach FachkrĂ€ften, die Zahl der BeschĂ€ftigten dĂŒrfte dieses Jahr von 45,9 auf 46,1 Millionen steigen und im kommenden Jahr die Rekordzahl von 46,2 Millionen erreichen. Zwar werde die Zahl der Arbeitslosen dieses Jahr von 2,6 auf 2,7 Millionen zunehmen. Aber das liege vor allem an den ukrainischen KriegsflĂŒchtlingen, sagte Ifo-Konjunkturchef Timo WollmershĂ€user.

Ein Lichtblick kam am Mittwoch vom Außenhandel: Die deutschen Exporte sind im Januar im Vergleich zum Vormonat Dezember um 6,3 Prozent auf 136 Milliarden Euro gewachsen, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mitteilte. Zum Vorjahresmonat stand noch ein Plus von 0,3 Prozent. Vor allem die Ausfuhren nach Europa, aber auch das zuletzt schwache China-GeschĂ€ft zogen an. Die gedĂ€mpfte Wirtschaft in der Volksrepublik war zuletzt ein Belastungsfaktor fĂŒr die deutsche Wirtschaft, die 2023 leicht schrumpfte.

Die ZuwĂ€chse machten nach dem ExportrĂŒckgang im Dezember etwas Hoffnung auf eine Belebung des AuslandsgeschĂ€fts, sagte Carolin Herweg, Außenwirtschaftsexpertin beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK).

Der deutsche Export zeige sich zwar robust, trotz geopolitischer Krisen und konjunktureller AbkĂŒhlung in wichtigen AbsatzmĂ€rkten, sagte Dirk Jandura, PrĂ€sident des Außenhandelsverbands BGA. "Eine Schwalbe macht aber noch keinen Sommer." Die Weltwirtschaft sei zunehmend von Protektionismus geprĂ€gt. Der DIHK erwartet fĂŒr das laufende Jahr ein preisbereinigtes Exportwachstum von 0,5 Prozent und ist damit weit optimistischer als die Forschungsinstitute, die ein Minus von 1,4 bis 1,5 Prozent erwarten.

Die deutsche Chemieindustrie produziere immer noch 20 Prozent weniger als vor dem Ukraine-Krieg, sagte WollmershĂ€user. Die Erwartung, dass die Produktion mit den sinkenden Energiepreisen zurĂŒckkomme, habe sich nicht erfĂŒllt. "Jetzt haben wir sie abgeschrieben." Auch das werde dem deutschen Export fehlen.

Der Blick auf das Rekordhoch der global tĂ€tigen deutschen Dax-Konzerne tĂ€usche, sagte Fuest. Das GeschĂ€ft der im MDax DE0008467416 notierten, stĂ€rker in Deutschland tĂ€tigen Unternehmen laufe schlechter, "weil die heimischen Aussichten nicht so toll sind." WollmershĂ€user sagte, die Auftragslage habe sich verschlechtert, der Auftragsbestand sei zu gering, die Unsicherheit sei groß: "Die deutsche Wirtschaft ist wie gelĂ€hmt."

Auch die Bundesregierung rechnet in diesem Jahr nur noch mit einem Mini-Wachstum von 0,2 Prozent. Wirtschaftsminister Robert Habeck (GrĂŒne) hatte die Lage der Wirtschaft als "dramatisch schlecht" bezeichnet und mehr Investitionen gefordert.

IfW-PrĂ€sident Moritz Schularick sagte, die Sparanstrengungen der Bundesregierung "versprĂŒhen zusĂ€tzlichen Pessimismus". Fuest sagte: "Die Schuldenbremse ist kein Wachstumshindernis." Der Staat mĂŒsse aber mehr Geld in die Infrastruktur, in die Digitalisierung des Gesundheitswesens oder die klimafreundliche Transformation investieren, statt es fĂŒr mehr Konsum auszugeben. Das soeben vorgestellte Rentenkonzept sei ein weiteres Negativ-Beispiel. Die Finanzierung sei fraglich und bremse Investitionen.

Gut wĂ€re, wenn sich die Ampel auf ein tragfĂ€higes wirtschaftspolitisches Konzept einigen und es umsetzen könnte, um die Unsicherheit zu beenden. Die Bedingungen fĂŒr private Investitionen könnte sie auch ĂŒber Steuern und Abgaben, mehr Leistungsanreize und den Abbau ĂŒberkomplexer Regulierungen verbessern.

Die Wirtschaftsinstitute erwarten, dass die deutsche Wirtschaft im zweiten Halbjahr besser in Fahrt kommt und im nĂ€chsten Jahr dann um 1,2 bis 1,5 Prozent wĂ€chst. Sollte sich die Unsicherheit jedoch "nicht auflösen, dĂŒrfte die erwartete Erholung weiter in die Ferne rĂŒcken", warnten die Ifo-Forscher. Das Staatsdefizit sinkt laut ihrer Prognose von 87,4 auf 76 Milliarden Euro in diesem Jahr und 44,6 Milliarden Euro im nĂ€chsten Jahr.

@ dpa.de