ROUNDUP, Ukraine

EU entzieht Ukraine vorerst Zollvorteile

06.06.2025 - 13:57:18

Die EuropĂ€ische Union hat Handelsvorteile fĂŒr die Ukraine auslaufen lassen, mit denen das von Russland angegriffene Land drei Jahre lang unterstĂŒtzt wurde.

Um Mitternacht deutscher Zeit traten nach Angaben der EU-Kommission Übergangsregeln in Kraft, die gelten sollen, bis Verhandlungen ĂŒber ein neues Handelsabkommen abgeschlossen sind.

Was bedeutet das fĂŒr die Ukraine?

Nach Angaben ukrainischer Agrarorganisationen deuten vorlĂ€ufige SchĂ€tzungen darauf hin, dass die Änderungen der Ukraine einen Milliardenverlust bescheren könnten. Sie befĂŒrchten einen Wegfall von Deviseneinnahmen von bis zu 3,3 Milliarden Euro und einen RĂŒckgang der Wirtschaftsleistung um rund 2,5 Prozent in diesem Jahr.

Auf die Frage, ob die EU die Ukraine nun mit mehr Finanzhilfen unterstĂŒtzen mĂŒsse, sagte ein Sprecher der EU-Kommission jĂŒngst, fĂŒr eine Antwort darauf sei es noch zu frĂŒh. "Das sind genau die Fragen, denen wir in unseren GesprĂ€chen mit unseren ukrainischen Partnern auf den Grund gehen mĂŒssen", so der Sprecher.

Auf Nachfrage wollte sich die Kommission am Freitag nicht dazu Ă€ußern, wie groß der Schaden fĂŒr die Ukraine vermutlich sei. Die Behörde stelle keine Modelle zu den wirtschaftlichen Auswirkungen dieser Änderungen zur VerfĂŒgung, sagte ein Sprecher. Da die SchwarzmeerhĂ€fen im Wesentlichen wieder geöffnet seien, dĂŒrfte die Ukraine gute Aussichten haben, den Handel auf das Vorkriegsniveau zu bringen, so die EU-Kommission.

Welche Erleichterungen fallen nun weg?

Die EU hatte rund 100 Tage nach Beginn des russischen Angriffskriegs im Februar 2022 ukrainische Waren von Einfuhrzöllen ausgenommen. Damit sollte die Wirtschaft des Landes gestĂ€rkt werden, denn im Zentrum der Maßnahmen stehen landwirtschaftliche Erzeugnisse. Das osteuropĂ€ische Land hat einen vergleichsweise großen Agrarsektor, der 2023 mehr als sieben Prozent der Wirtschaftsleistung ausmachte. Zum Vergleich: In Deutschland ist es nicht einmal ein Prozent.

Vergangenes Jahr wurden die Handelserleichterungen noch verlĂ€ngert, aber gleichzeitig strengere Vorgaben fĂŒr bestimmte Lebensmittelimporte in die EU eingefĂŒhrt. Dabei ging es um GeflĂŒgel, Eier, Zucker, Hafer, Mais, Grobgrieß und Honig.

Warum sind die Erleichterungen umstritten?

Die UnterstĂŒtzung der Ukrainer durch Zollbefreiung war vielen europĂ€ischen Bauern ein Dorn im Auge, vor allem in östlichen NachbarlĂ€ndern wie Polen und Ungarn. Sie beklagten unverhĂ€ltnismĂ€ĂŸige Konkurrenz durch gĂŒnstige Agrarimporte aus der Ukraine. Auch aus Frankreich kamen Rufe nach strengeren Zollregeln. Nationale Interessen im Agrarbereich spielten nach Angaben aus EU-Diplomatenkreisen auch in der aktuellen Debatte zum Auslaufen der Handelserleichterungen eine Rolle.

Der Vorsitzende des Handelsausschusses im EU-Parlament, Bernd Lange (SPD), bezeichnete es als "unsĂ€glich", dass es nicht gelungen sei, vor dem Auslaufen der Handelserleichterungen eine einvernehmliche Lösung zu finden. Er wertete den Wegfall der Zollbefreiung als unangemessene RĂŒcksichtnahme auf Befindlichkeiten in Polen.

Dort hatte am Sonntag der rechtskonservative EU-Skeptiker Karol Nawrocki die PrĂ€sidentenwahl mit knappem Vorsprung gewonnen. Nawrocki hatte auch mit antieuropĂ€ischen Parolen Wahlkampf gemacht und will dem regierenden Mitte-Links-BĂŒndnis des ProeuropĂ€ers Donald Tusk das Leben schwermachen.

Welche Regeln gelten nun?

Seit Mitternacht gelten nach Angaben der EU-Kommission wieder die Zollkontingente eines seit 2016 angewendeten Abkommens. Da fast die HĂ€lfte des Jahres schon vorbei ist, stehen bis Ende 2025 demnach sieben Zwölftel der Jahresmengen aus dem alten Handelsabkommen zur VerfĂŒgung.

Die Kommission teilte mit, sie arbeite zĂŒgig auf ein neues Abkommen hin. Dabei gehe man auch auf die von europĂ€ischen Landwirten und einigen EU-Mitgliedstaaten vorgebrachten Bedenken ein.

Wie geht es jetzt weiter?

UnterhĂ€ndler der EU und der Ukraine sind im GesprĂ€ch ĂŒber ein dauerhaftes neues Abkommen. Der Druck auf die Ukraine, möglichst schnell zu einem Ergebnis zu kommen, ist mit dem Auslaufen der bisherigen Erleichterungen gestiegen. Wie lange die GesprĂ€che dauern werden, ist noch unklar. Handelspolitiker Lange hofft darauf, "jetzt zĂŒgig ein Ergebnis zu erzielen"./mjm/DP/mis

--- Von Marek Majewsky, dpa ---

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