Keine Eile bei der Zinswende - EZB lÀsst Zinsen unverÀndert
18.07.2024 - 17:12:51Bei ihrer im Juni begonnen Zinswende lassen sich die WĂ€hrungshĂŒter rund um EZB-PrĂ€sidentin Christine Lagarde Zeit. Sie beschlossen in Frankfurt, den Leitzins, zu dem sich Banken frisches Geld bei der Notenbank besorgen können, bei 4,25 Prozent zu belassen. Der Einlagenzins, den GeldhĂ€user erhalten, wenn sie ĂŒberschĂŒssiges Geld bei der Notenbank parken, bleibt bei 3,75 Prozent.
Damit verzichtet die EZB darauf, ihre Geldpolitik direkt weiter zu lockern. Viele Ăkonomen erwarten aber, dass die Notenbank bei ihrer nĂ€chsten Sitzung Mitte September die Zinsen senkt.
Alle Augen auf September
FĂŒr die Entscheidung nach der Sommerpause lieĂ sich die EZB alle TĂŒren offen und vermied klare Hinweise. KĂŒnftige Zinsentscheidungen seien weiter abhĂ€ngig von den Konjunkturdaten, bekrĂ€ftigte Lagarde. Man entscheide von Sitzung zu Sitzung.
Lagarde verwies auf immer noch hohen Preisdruck: Die Gesamtinflation im Euroraum dĂŒrfte bis weit ins nĂ€chste Jahr ĂŒber dem Zielwert bleiben, sagte sie. Auf der anderen Seite dĂŒrfte sich der Trend zu hohem Lohnwachstum, der den WĂ€hrungshĂŒtern Sorge bereitet, im Jahresverlauf abschwĂ€chen und es bestĂŒnden Konjunkturrisiken: Die Wirtschaft der Eurozone sei im zweiten Quartal "wahrscheinlich langsamer gewachsen" als im ersten.
EZB bleibt vorsichtig
Um die nach dem russischen Angriff auf die Ukraine auf Rekordhöhe gestiegene Inflation in den Griff zu bekommen, hatte die EZB seit Juli 2022 zehnmal in Folge die Zinsen erhöht, ehe sie eine Pause einlegte. Im Juni senkte die EZB dann erstmals seit der Inflationswelle die Zinsen um 0,25 Prozentpunkte.
Die EZB muss mit ihrer Geldpolitik einen Spagat bewĂ€ltigen. Hohe Zinsen machen Kredite teuer. Das kann die wirtschaftliche Nachfrage bremsen und hohen Inflationsraten entgegenwirken. Teurere Kredite sind zugleich eine Last fĂŒr die Wirtschaft und Privatleute, die sich Geld leihen - etwa Hausbauer. Senkt die EZB die Zinsen wiederum zu schnell, lĂ€uft sie Gefahr, dass die Inflation wieder anzieht.
"Der Kampf der europĂ€ischen WĂ€hrungshĂŒter gegen zu hohe Inflationsraten ist noch nicht gewonnen", warnt Heiner Herkenhoff, HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer des Bankenverbandes. FĂŒr die Zinsentscheidung am 12. September fordert er AugenmaĂ. "Die EZB sollte die Zinsen nur dann senken, wenn sie sicher sein kann, dass die Inflation im Euroraum verlĂ€sslich auf die 2-Prozent-Marke zusteuert."
Inflation sinkt - aber langsam
Zuletzt hatte sich die Inflation im WÀhrungsraum abgeschwÀcht. Die Rate fiel im Juni auf 2,5 Prozent nach 2,6 Prozent im Mai. Die Inflation nÀhert sich damit dem Ziel der EZB, die mittelfristig eine jÀhrliche Rate von zwei Prozent im WÀhrungsraum anstrebt und hier PreisstabilitÀt gewahrt sieht.
Doch der RĂŒckgang der Inflation im Euroraum ist zĂ€h. Sorge bereitet Ăkonomen auch, dass die Teuerungsrate ohne die schwankungsanfĂ€lligen Preise fĂŒr Energie und Nahrungsmitteln, die "Kerninflation", im Juni bei 2,9 Prozent stagnierte.
Kritik an Lockerung
Manche Ăkonomen kritisieren daher die Zinswende der EZB. Der EZB-Rat dĂŒrfte die Leitzinsen bereits auf der nĂ€chsten Sitzung im September senken, "sofern es die Inflationsdaten halbwegs hergeben", meint Commerzbank DE000CBK1001-Chefvolkswirt Jörg KrĂ€mer. Weitere Schritte sollten im Dezember und im MĂ€rz nĂ€chsten Jahres folgen. Er monierte: "Diese Zinswende ist jedoch verfrĂŒht, weil das Inflationsproblem noch nicht gelöst ist."
Derzeit sehe es gut aus fĂŒr eine nĂ€chste Zinssenkung im September, meint auch Ulrich Kater, Chefvolkswirt der DekaBank. Eine sehr plausible Annahme fĂŒr alle, die Geld sparen oder aufnehmen wollten, laute, "dass sowohl die kurzfristigen Zinsen als auch die langfristigen Zinsen in den kommenden Quartalen weiter sinken werden".
Sparzinsen bereits gesunken
Die jĂŒngste Zinssenkung der EZB im Juni spĂŒren Sparer bereits bei ihrer Bank. Nach einer Analyse des Vergleichsportals Verivox zahlten ĂŒberregionale GeldhĂ€user zum Stichtag 15. Juli im Schnitt 1,69 Prozent fĂŒr Tagesgeld. Anfang Juni waren es noch 1,72 Prozent. Bei Sparkassen (0,62 Prozent) und regionalen Genossenschaftsbanken (0,64 Prozent) gab es im Mittel wesentlich weniger.
"Viele Banken und Sparkassen haben die jĂŒngste Leitzinssenkung der EuropĂ€ischen Zentralbank schnell an die Sparerinnen und Sparer weitergereicht", so Verivox. Auch die Festgeldzinsen ĂŒber zwei Jahre fielen - von im Schnitt 2,82 Prozent Anfang Juni auf zuletzt 2,79 Prozent.
Keine Erleichterung fĂŒr Hausbauer
Weniger erfreulich sieht es fĂŒr Schuldner aus. Baufinanzierungen etwa sind zwar etwas billiger als im vergangenen Herbst, seit mehreren Monaten haben sich die Konditionen aber auf erhöhtem Niveau eingependelt. Die Zinsen fĂŒr Kredite mit 10 Jahren Zinsbindung lagen laut FMH-Finanzberatung zuletzt bei rund 3,7 Prozent und bei 3,85 Prozent fĂŒr eine 15-jĂ€hrige Bindung. Zumindest in den kommenden Wochen dĂŒrfte es bei den Bauzinsen kaum Bewegung geben, erwarten Kreditvermittler.

