Milliarden, Matratzen

Milliarden unter den Matratzen: Bargeldmenge steigt weiter

01.06.2025 - 14:29:56

Die hĂ€ufigen Unkenrufe zum bevorstehenden Verschwinden des Bargelds sind verfrĂŒht: Ungeachtet der stetig abnehmenden Bedeutung von Scheinen und MĂŒnzen beim alltĂ€glichen Einkauf steigt die im Umlauf befindliche Bargeldmenge im Euroraum nach wie vor.

Zentralbanken und Fachleute gehen davon aus, dass Bargeld in dreistelligem Milliardenwert nicht ausgegeben, sondern gehortet wird.

SchÀtzung: vierhundert Milliarden Euro Bargeld lagern in Privathaushalten

Nach Zahlen der Bundesbank liegt der Anteil der in Deutschland zur "Wertaufbewahrung" gehaltenen Banknoten bei etwa 42 Prozent, knapp zweieinhalbmal so hoch wie noch 2013. In absoluten Zahlen: Ende 2024 lagerten nach SchÀtzung der Bundesbanker 395 Milliarden Euro in Deutschlands Privathaushalten - sehr ungleich verteilt, da Umfragen zufolge viele Haushalte keine oder nur geringe Barreserven haben.

"Bargeld-Paradoxon"

Im MĂ€rz waren nach Zahlen der EuropĂ€ischen Zentralbank im Euroraum insgesamt 1,564 Billionen Euro in bar im Umlauf. Das waren knapp 30 Milliarden mehr als im FrĂŒhjahr 2022 und sogar 300 Milliarden Euro mehr als zu Beginn der Corona-Pandemie fĂŒnf Jahre zuvor. Seit 2022 hat sich die Wachstumsrate zwar stark verlangsamt, doch die im Umlauf befindliche Bargeldmenge nimmt nach wie vor zu und nicht ab. In der Bundesbank wird das PhĂ€nomen "Banknoten-Paradoxon" genannt. Es sei seit "vielen Jahren zu beobachten, und zwar in vielen LĂ€ndern", sagt eine Bundesbank-Sprecherin in Frankfurt.

"Noch bis ins Jahr 2021 war die Wachstumsrate der Banknoten im Umlauf stets ein Vielfaches der jÀhrlichen Inflationsrate", sagt Johannes GÀrtner, Bezahlfachmann bei der Unternehmensberatung Strategy&.

Paradox ist das PhĂ€nomen deshalb, weil bekanntermaßen die Zahl der Menschen abnimmt, die mit Scheinen und MĂŒnzen bezahlen. Im Jahr 2023 wurde laut Bundesbank zwar noch die HĂ€lfte aller BezahlvorgĂ€nge an Deutschlands Kassen bar abgewickelt, das machte jedoch lediglich ein gutes Viertel der gesamten UmsĂ€tze aus.

Elektronische Zahlung weiter auf dem Vormarsch

Laut einer kĂŒrzlichen Umfrage von Strategy& unter 5.500 Befragten in neun europĂ€ischen LĂ€ndern und der TĂŒrkei hat die Debitkarte mittlerweile Bargeld als am weitesten verbreitetes Zahlungsmittel abgelöst - nur noch 23 Prozent zahlten bevorzugt bar. Viele EinzelhĂ€ndler bevorzugen mittlerweile ebenfalls die elektronische Zahlung, vor allem die kontaktlose, bei der die Kundschaft keine PIN-Nummer eingeben muss. "Das ist bis zu sieben Mal schneller als Bargeldzahlung", sagt Bernd Ohlmann, der Sprecher des Handelsverbands Bayern.

"Unsicherheit ist der treibende Faktor"

Doch warum ist mehr Bargeld im Umlauf, wenn immer weniger Menschen es im Alltag nutzen? "Der Euro wird sehr stark gehortet", sagt Ralf Wintergerst, Vorstandschef des MĂŒnchner Banknoten- und Sicherheitstechnikherstellers Giesecke+Devrient, der weltweit gut 150 Zentralbanken zu seinen Kunden zĂ€hlt. "Das Produktionsvolumen des Euro wird zwar auch zum Bezahlen benutzt, aber mittlerweile eben halt auch zum Weglegen." Das Unternehmen sei seit 20, 30 Jahren mit den Zentralbanken immer wieder in Diskussionen: "Was geschieht eigentlich im Bargeldkreislauf, warum und wofĂŒr nutzen die Menschen Bargeld?" Wintergersts ErklĂ€rung fĂŒr den offenkundigen Trend zur Bargeldhortung: "Unsicherheit ist der treibende Faktor."

Laut Bundesbank erreichte der zur Wertaufbewahrung gelagerte Anteil des Bargelds wĂ€hrend der Corona-Pandemie einen Höchstwert von 43 Prozent - was allerdings maßgeblich an den monatelangen Lockdowns in der ersten Phase der Pandemie lag: "Der Anstieg des Banknotenumlaufs in Krisen - nicht nur wĂ€hrend der Corona-Pandemie - aufgrund der mit diesen einhergehenden Unsicherheit ist ein hĂ€ufig beobachtetes PhĂ€nomen", sagt die Bundesbank-Sprecherin.

Gangster brauchen Cash

Unternehmensberater GĂ€rtner bringt noch zwei weitere Faktoren ins Spiel, die mutmaßlich zum Anstieg des Bargeldumlaufs beitragen. "GrundsĂ€tzlich ist das Wachstum der Bargeldmenge nicht dem klassischen Zahlungsverkehr zuzuordnen", sagt der Finanzexperte. "Die GrĂŒnde liegen vielmehr in einer Mischung aus "Hoarding", Schattenwirtschaft und der Rolle als ReservewĂ€hrung im Ausland." "Schattenwirtschaft" bezeichnet wirtschaftliche AktivitĂ€ten jenseits von Recht und Gesetz, ob klassische Schwarzarbeit oder kriminelle GeschĂ€fte. So ist die Autobahn A3 in Bayern dafĂŒr bekannt, dass die Polizei bei Kontrollen immer wieder auf immense Summen Bargeld stĂ¶ĂŸt: Im November fanden Schleierfahnder im Auto eines 34 Jahre alten Mannes eine Million Euro, mutmaßlich aus kriminellen GeschĂ€ften stammend und verpackt in PlastiktĂŒten.

Altmodisch, aber sicher

Doch auch wenn die Bedeutung des Bargelds im Alltag der gesetzestreuen BĂŒrgerschaft weiter sinken dĂŒrfte, ist nicht zu erwarten, dass kĂŒnftig nur noch Gangster Scheine und MĂŒnzen im Geldbeutel - oder in PlastiktĂŒten - mit sich schleppen. Die Bundesbank hat sich den Erhalt des Bargelds und der dazugehörigen Infrastruktur auf die Fahnen geschrieben. Denn Bargeld hat unbestreitbare Vorteile. Dazu zĂ€hlt nicht zuletzt, dass Scheine und MĂŒnzen keinen Strom und keine elektronische Infrastruktur brauchen. "Die Zentralbank muss fĂŒr eine dauerhafte, resiliente Bezahlinfrastruktur sorgen", sagt G+D-Vorstandschef Wintergerst. "Wenn es Krieg gibt, wenn es Krisen gibt, bei Hochwasser muss es trotzdem möglich sein zu bezahlen. DafĂŒr spricht Bargeld."

@ dpa.de