ROUNDUPPalÀstinenser, Tote

Viele Tote bei Angriff auf FlĂŒchtlingslager

10.09.2024 - 06:34:59

Die israelische Luftwaffe hat nach eigenen Angaben eine in einer humanitÀren Zone im Gazastreifen untergebrachte Kommandozentrale der islamistischen Hamas angegriffen.

Nach Angaben des Direktors fĂŒr Versorgung bei der Zivilverteidigung in Gaza kamen mindestens 40 Menschen bei dem Luftangriff ums Leben, mehr als 60 seien verletzt worden. Demnach wurden Zelte getroffen, in denen BinnenflĂŒchtlinge untergebracht sind. Laut dem israelischen MilitĂ€r wurden vor dem Angriff mit PrĂ€zisionsmunition zahlreiche Maßnahmen ergriffen, um das Risiko zu verringern, dass Zivilisten zu Schaden kommen.

Angaben zu möglichen Opfern machte die Armee in der Nacht nicht. Sie erklĂ€rte lediglich, dass Terroristen von der Zone in Chan Junis im SĂŒden des umkĂ€mpften KĂŒstengebiets aus gegen die israelischen Truppen und den Staat Israel vorgegangen seien. Die Hamas erklĂ€rte auf ihrem Telegram-Kanal, Israels Behauptung, ihre KĂ€mpfer hĂ€tten sich in der humanitĂ€ren Zone Al-Mawasi bei Chan Junis aufgehalten, sei "eine eklatante LĂŒge".

Israels MilitĂ€r hatte im Juli ein abgezĂ€untes Objekt in der humanitĂ€ren Zone zwischen Chan Junis und Al-Mawasi bombardiert, das nach israelischer Darstellung als Basis fĂŒr Hamas-Terroristen diente. Bei dem Angriff wurden demnach der MilitĂ€rchef der Hamas, Mohammed Deif, und der Kommandeur der Chan-Junis-Brigade der Hamas, Rafa Salama, getötet. Nach Angaben der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde kamen bei dem massiven Luftangriff damals 90 Menschen ums Leben und weitere 300 wurden verletzt.

Behörden: Bereits rund 41.000 tote PalÀstinenser in Gaza

Deif gilt als einer der Drahtzieher des Terrorangriffs der Hamas und anderer extremistischer Gruppen vom 7. Oktober vergangenen Jahres. Dabei wurden mehr als 1.200 Menschen in Israel getötet und etwa 250 weitere als Geiseln nach Gaza verschleppt. Das beispiellose Massaker wurde zum Auslöser des Kriegs. Seit Kriegsbeginn ist die Zahl der getöteten PalĂ€stinenser in Gaza nach Angaben der örtlichen Behörden auf knapp 41.000 gestiegen. Die Zahl unterscheidet nicht zwischen KĂ€mpfern und Zivilisten und lĂ€sst sich kaum ĂŒberprĂŒfen.

Die im Gazastreifen laufende Polio-Impfkampagne ist laut Angaben der Vereinten Nationen auf Kurs. In der abgeschlossenen zweiten von drei Phasen seien mehr als 446.000 Kinder im Kampf gegen das hochansteckende Virus erreicht worden, sagte UN-Sprecher Stéphane Dujarric in New York. Das entspreche fast 70 Prozent der Gesamtzahl an 640.000 zu impfenden Kindern. Ab heute solle nun die dritte Phase der Kampagne beginnen, bei der die Kinder im Norden des abgeriegelten Gazastreifens die Schluckimpfung bekommen.

Angehörigen-Forum: Furchtbare UmstĂ€nde fĂŒr Geiseln

Nach israelischer ZĂ€hlung befinden sich noch 101 Menschen in der Gewalt der Hamas, wobei unklar ist, wie viele davon noch leben. Die EntfĂŒhrten werden nach Angaben ihrer Angehörigen unter grauenhaften Bedingungen festgehalten. Das Forum der Familienmitglieder der EntfĂŒhrten teilte mit, eine erste Untersuchung des Schicksals von sechs zuletzt getöteten Geiseln durch die Armee habe ergeben, dass die ermordeten Geiseln zuvor "in engen unterirdischen Tunneln mit wenig Luft festgehalten wurden". Sie hĂ€tten unter extremer MangelernĂ€hrung sowie Gewichtsverlust gelitten und "klare Zeichen langanhaltender körperlicher VernachlĂ€ssigung" aufgewiesen, hieß es. Die Untersuchungsergebnisse seien den Angehörigen vorgelegt worden. Die Armee Ă€ußerte sich dazu offiziell nicht.

Die sechs Leichen waren nach MilitĂ€rangaben vor gut einer Woche in einem Tunnel im Gebiet Rafah im SĂŒden Gazas gefunden und nach Israel ĂŒberfĂŒhrt worden. Die Geiseln seien kurz zuvor von den Kidnappern gezielt getötet worden. Ein Hamas-Sprecher sagte dagegen, sie seien bei israelischem Bombardement ums Leben gekommen.

Die Geiseln seien in einem etwa 80 Zentimeter breiten Tunnel festgehalten worden, in dem sie nicht stehen und sich auch nicht frei bewegen konnten, hieß es in der Mitteilung des Angehörigen-Forums weiter. Sie hĂ€tten dort auch keinen Zugang zu Duschen oder Toiletten gehabt. Nicht einmal "grundlegendste menschliche BedĂŒrfnisse" seien respektiert worden. "Einige von ihnen hatten unbehandelte Verletzungen aus der Zeit ihrer EntfĂŒhrung, an einem von ihnen wurden Anzeichen von Fesselung gefunden", hieß es.

Der israelische TV-Sender Channel 13 berichtete, die sechs Leichen seien nebeneinander aufgefunden wurden. Forensische Untersuchungen hĂ€tten ergeben, dass sich die EntfĂŒhrten vor ihrer Tötung "verteidigen und sich gegenseitig beschĂŒtzen wollten". Sie hĂ€tten offenkundig mit ihren Peinigern gekĂ€mpft, bevor sie erschossen wurden. "Die Beweise zeigen, dass sie ganz bis zum Ende um ihr Überleben gekĂ€mpft haben, bevor alle sechs brutal ermordet wurden", hieß es.

Forderung nach sofortigem Deal mit der Hamas

"Diese EnthĂŒllungen liefern unbestreitbare Beweise dafĂŒr, dass die Geiseln, die immer noch in Gaza festgehalten werden, in grĂ¶ĂŸter Gefahr schweben", betonte das Forum und forderte einen sofortigen Deal mit der Hamas ĂŒber ihre Freilassung. Die indirekten Verhandlungen zu ihrer Freilassung, bei denen die USA, Ägypten und Katar vermitteln, drehen sich jedoch seit Monaten im Kreis. Das im Raum stehende mehrstufige Abkommen wĂŒrde auch die Beendigung des Kriegs, den RĂŒckzug des israelischen MilitĂ€rs aus dem Gazastreifen und die Entlassung tausender palĂ€stinensischer HĂ€ftlinge aus israelischen GefĂ€ngnissen einschließen.

Kritiker werfen Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu vor, den Abschluss einer derartigen Vereinbarung mit ĂŒberzogenen Forderungen - wie etwa der nach einem dauerhaften Verbleib des israelischen MilitĂ€rs an strategischen Stellen Gazas - zu torpedieren. Netanjahu regiert in einer Koalition mit rechtsextremen Parteien, die jegliche ZugestĂ€ndnisse an die Hamas ablehnen und ihm mit dem Platzen der Regierung drohen.

Israel hÀlt UN-Konvoi auf - Angeblich VerdÀchtige an Bord

Israels Armee hat unterdessen nach eigenen Angaben einen UN-Fahrzeugkonvoi im Norden Gazas aufgehalten, um VerdĂ€chtige zu befragen. Hintergrund seien "Geheimdienstinformationen, denen zufolge sich eine Anzahl palĂ€stinensischer VerdĂ€chtiger darin aufhielt", teilte das MilitĂ€r mit. Es handele sich um Fahrzeuge, in denen UN-Mitarbeiter transportiert wĂŒrden.

Der israelische TV-Sender Kan berichtete, zwei verdĂ€chtige PalĂ€stinenser hĂ€tten den Konvoi "infiltriert" und sich in einem der Fahrzeuge verschanzt. Israelische Soldaten hĂ€tten WarnschĂŒsse abgegeben. UN-Sprecher StĂ©phane Dujarric sagte der Deutschen Presse-Agentur dazu: "Zu diesem Zeitpunkt kann ich nur sagen, dass wir Kenntnis von einem laufenden Zwischenfall haben, in den UN-Personal und -Fahrzeuge verwickelt sind."

Das ohnehin gespannte VerhĂ€ltnis zwischen Israel und den Vereinten Nationen ist durch den Krieg noch stĂ€rker belastet worden. Israelische Vertreter haben Mitarbeiter des UN-PalĂ€stinenserhilfswerks wiederholt in die NĂ€he von Terroristen gerĂŒckt. Im vergangenen Monat wurde nach Angaben der Vereinten Nationen ein fĂŒr humanitĂ€re Hilfe eingesetztes UN-Fahrzeug in einem Konvoi von israelischen Soldaten beschossen. Die israelische Armee kĂŒndigte eine Untersuchung dazu an.

@ dpa.de