Analyse: Edeka, Lidl & Co. zu mĂ€chtig - schlecht fĂŒr Kunden
21.11.2025 - 13:13:04Bei Verbrauchern sorgen sie vielfach fĂŒr Frust - die steigenden Lebensmittelpreise. Laut einem neuen Sondergutachten der Monopolkommission profitieren LebensmittelhĂ€ndler und -hersteller davon unverhĂ€ltnismĂ€Ăig stark, Landwirte jedoch immer weniger.Â
«Die Macht des Lebensmitteleinzelhandels und teilweise der Hersteller ist zulasten der Verbraucherinnen und Verbraucher deutlich gestiegen», sagte der Vorsitzende Tomaso Duso. Grund dafĂŒr seien zahlreiche Fusionen, zudem betĂ€tigten sich HĂ€ndler zunehmend auch auf Herstellerebene. Der Handelsverband Deutschland (HDE) und der Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels (BVLH) wiesen die Kritik zurĂŒck.
Wegen steigender Preise und der Bauernproteste hatte die damalige Bundesregierung die Kommission im vergangenen Jahr beauftragt, die Lebensmittellieferkette unter die Lupe zu nehmen. Das Gremium ist unabhÀngig und berÀt die Politik zu Wettbewerbspolitik, Wettbewerbsrecht und Regulierung.
Wettbewerb geschwÀcht?
Laut Statistischem Bundesamt kosteten Nahrungsmittel und alkoholfreie GetrĂ€nke im Oktober in Deutschland 37 Prozent mehr als 2020. Die Gewinnmargen von HĂ€ndlern und Herstellern stiegen seit ĂŒber zehn Jahren, kritisiert Duso. Im gleichen Zeitraum hĂ€tten sich die Verbraucherpreise stĂ€rker erhöht als in vielen anderen EU-LĂ€ndern. Zudem gebe es Hinweise, dass Kostensenkungen nicht an Kunden weitergegeben wurden.
Die Schere zwischen Erzeuger- und Verbraucherpreisen geht dem Gutachten zufolge immer weiter auseinander. So seien etwa die Preise fĂŒr Milcherzeugnisse im Supermarkt in den vergangenen Jahren deutlich stĂ€rker gestiegen als die Erzeugerpreise.Â
Rund 85 Prozent des deutschen Lebensmitteleinzelhandels werden von Edeka, Rewe, der Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland) und Aldi kontrolliert. «Die hohe Marktkonzentration und steigende PreisaufschlĂ€ge auf Lebensmittel durch Hersteller und Einzelhandel sind besorgniserregend», sagte Duso. Der Wettbewerb sei geschwĂ€cht.Â
Höhere Gewinne «ein Trugschluss»
Die BranchenverbĂ€nde des Handels widersprachen den ĂuĂerungen. Die Mitteilung der Kommission dramatisiere die Lage. «Der Wettbewerb im Lebensmittelhandel funktioniert», sagte Björn Fromm, BVLH-PrĂ€sident und HDE-Vize. Dass steigende Lebensmittelpreise zu höheren Gewinnen der HĂ€ndler fĂŒhrten, sei «ein Trugschluss».
Den Preisanstieg begrĂŒndete er mit höheren Kosten fĂŒr Energie, Personal und Wareneinkauf. In einigen FĂ€llen seien schlechte Ernten und weltpolitische Unsicherheiten die Ursache. Fromm sagte weiter: Im Wettbewerb könne es sich kein Handelsunternehmen leisten, «seine Margen auf Kosten der Kundinnen und Kunden zu erhöhen». Diese lĂ€gen im Lebensmittelhandel nur bei ein bis drei Prozent.
Laut einer Auswertung des bundeseigenen ThĂŒnen-Forschungsinstituts sind die Preissteigerungen bei Lebensmitteln weniger von steigenden Margen im Handel als von höheren Produktions- und Einkaufskosten getrieben. Der starke Preisanstieg seit 2021 hĂ€nge auch mit Kriegen, gestörten Lieferketten, dem Klimawandel und der fortschreitenden Verschlechterung der Böden zusammen. Das weltweite Angebot an Agrarrohstoffen werde knapper.
Gutachten kritisiert Ăbernahme von Kaiser's Tengelmann
Die Monopolkommission fordert im Gutachten auch eine strengere Kontrolle kĂŒnftiger ZusammenschlĂŒsse. «Der verbleibende Wettbewerb in den Lieferketten muss dringend geschĂŒtzt werden», heiĂt es. Fusionen könnten die Verbraucherpreise demnach weiter in die Höhe treiben. Die 2016 erfolgte Ăbernahme von Kaiser's Tengelmann durch Edeka hat aus Sicht der Experten negative Folgen gehabt. Der damalige Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel hatte dem Deal zugestimmt.Â
Deutschlands gröĂter LebensmittelhĂ€ndler Edeka verteidigte das Vorgehen. «Nur durch die Ăbernahme der Standorte konnte ihre wirtschaftliche Zukunft gesichert werden. Wir haben diese MĂ€rkte wieder wettbewerbsfĂ€hig aufgestellt», sagte ein Sprecher der Edeka-Zentrale.
Anlass zur Sorge sieht die Monopolkommission auch darin, dass die HÀndler zunehmend selbst Lebensmittel produzieren und direkt mit Landwirten verhandeln - das verschaffe ihnen zusÀtzliche Macht. Eigenmarken haben in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen. Wegen der allseits gestiegenen Preise griffen Verbraucher hier hÀufiger zu.
So reagiert die Lebensmittelindustrie
Die Bundesvereinigung der Deutschen ErnĂ€hrungsindustrie (BVE) reagierte positiv auf das Gutachten. Es bestĂ€tige im Wesentlichen die Kritik und Sorge der Branche, sagte der stellvertretende HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer Peter Feller. «Das bestehende Oligopol im Lebensmitteleinzelhandel» fĂŒhre zu BeeintrĂ€chtigungen in der gesamten Lebensmittellieferkette.
In der Nahrungsmittelindustrie sieht die Monopolkommission den Wettbewerb jedoch ebenfalls schwinden. Als Beispiel wird im Gutachten die geplante Fusion von Arla Foods und der DMK Group genannt. Dadurch wĂŒrde die gröĂte Molkereigenossenschaft Europas entstehen. BVE-Vize Feller betonte, ĂŒber 90 Prozent der Akteure in der ErnĂ€hrungsindustrie seien kleine und mittlere Unternehmen.
Die Monopolkommission hĂ€lt es fĂŒr sinnvoll, entschiedener gegen Machtmissbrauch vorzugehen. Die zunehmende Marktkonzentration mache eine effektivere Aufsicht nötig. Duso fordert zudem bessere Bedingungen fĂŒr die Landwirtschaft. BĂŒrokratie mĂŒsse abgebaut werden. Kriterien fĂŒr Agrarsubventionen sollten sich stĂ€rker an ProduktivitĂ€t, Innovation und Nachhaltigkeit ausrichten.
VerbraucherschĂŒtzer fĂŒr Preisbeobachtungsstelle
Der deutsche Bauernverband drĂ€ngt darauf, die Stellung der Landwirtschaft zu stĂ€rken. Die Ergebnisse des Gutachtens zeigten «den massiven Druck, der auf den landwirtschaftlichen Betrieben lastet», sagte PrĂ€sident Joachim Rukwied. Die dominante Stellung des Lebensmitteleinzelhandels lasse wenig Spielraum fĂŒr ausgewogene Verhandlungen zwischen den Akteuren.
Der Verbraucherzentrale Bundesverband forderte die Bundesregierung indes auf, fĂŒr mehr Transparenz bei den Lebensmittelpreisen zu sorgen. «Verbraucher mĂŒssen darauf vertrauen können, dass sich die Preise entlang der Wertschöpfungskette â vom Bauern bis zum Supermarkt â fair bilden», sagte VorstĂ€ndin Ramona Pop. Es sei deshalb nötig, eine Preisbeobachtungsstelle einzurichten - nach dem Vorbild von LĂ€ndern wie Frankreich und Spanien.


