ROUNDUP, US-Regierung

Neue US-Regierung sieht Nahen Osten am 'Wendepunkt'

23.01.2025 - 06:35:01

Die neue US-Regierung sieht die Waffenruhe im Gaza-Krieg als große Chance, um die Normalisierung der Beziehungen zwischen Israel und den arabischen Staaten im Nahen Osten voranzutreiben.

Sollte dies gelingen, wĂ€re das ein enormer Fortschritt fĂŒr Israel und die gesamte Region, sagte Steve Witkoff, der Nahost-Gesandte des neuen US-PrĂ€sidenten Donald Trump, dem Sender Fox News.

Schon wÀhrend Trumps erster Amtszeit begann Israels Isolation im Nahen Osten zu bröckeln. Nun nÀhrt ein Telefonat des Republikaners mit dem einflussreichen saudischen Königshaus Hoffnungen auf erneutes Tauwetter in der Region. Trump hatte 2020 die sogenannten Abraham-Abkommen zur Normalisierung der Beziehung zwischen Israel und mehreren arabischen Staaten auf den Weg gebracht - damals ein historischer Durchbruch.

Durch die seit Sonntag geltende Waffenruhe im Gaza-Krieg und den Machtwechsel in den USA gebe es jetzt wieder eine besondere Dynamik, sagte Witkoff. Katar und Ägypten hĂ€tten sich schon sehr erfolgreich als Vermittler bei den Verhandlungen mit der Hamas eingebracht, nun könnten andere LĂ€nder folgen. "Ich glaube, dass man jeden in dieser Region an Bord holen könnte", sagte Witkoff. "Das ist ein Wendepunkt."

"Der Anfang vom Ende des Krieges"

Politische Normalisierung sei "eine unglaubliche Chance fĂŒr die Region" und "der Anfang vom Ende des Krieges" - was wiederum bedeute, dass Investitionen möglich wĂŒrden, weil Banken sich nicht mehr gegen Kriegsrisiken absichern mĂŒssten. Die Voraussetzung fĂŒr all das, meint Witkoff, sei die mĂŒhsam ausgehandelte Waffenruhe in Gaza gewesen.

Saudi-Arabien hat politisch und wirtschaftlich besonderes Gewicht in der Region. In einem Telefonat anlÀsslich seiner Vereidigung habe Kronprinz Mohammed bin Salman am Mittwochabend mit Trump besprochen, wie beide LÀnder gemeinsam "Frieden, Sicherheit und StabilitÀt im Nahen Osten" voranbringen könnten, berichtete die saudische Agentur Spa. Trump habe ebenfalls Bereitschaft zur Zusammenarbeit signalisiert. Seitens der neuen US-Regierung gab es zunÀchst keine Stellungnahme zu dem GesprÀch.

Weitreichendes Verteidigungsabkommen geplant?

Medienberichten zufolge war es Trumps erstes Telefonat mit einem auslĂ€ndischen StaatsfĂŒhrer seit der Vereidigung am Montag - zumindest wurde bislang nichts ĂŒber ein anderes GesprĂ€ch davor bekannt. Dass er als Erstes mit Salman sprach, dem faktischen Herrscher der Regionalmacht Saudi-Arabien, gebe Aufschluss ĂŒber die PrioritĂ€ten der neuen US-Regierung, kommentierte die Zeitung "Times of Israel". Das GesprĂ€ch deute darauf hin, dass Trump ein weitreichendes Verteidigungsabkommen mit Saudi-Arabien anstrebe und die historischen Abraham-VertrĂ€ge erweitern wolle.

Als jĂŒdischer Staat umgeben von islamisch geprĂ€gten LĂ€ndern war Israel im Nahen Osten ĂŒber Jahrzehnte isoliert und unterhielt nur mit Ägypten und Jordanien einen "kalten Frieden". Die mit den Vereinigten Arabischen Emiraten, Bahrain, Marokko und dem Sudan geschlossenen Abraham-VertrĂ€ge waren ein Meilenstein - brachen sie doch mit dem Grundsatz, vor einer AnnĂ€herung an Israel mĂŒsse dessen Konflikt mit den PalĂ€stinensern gelöst werden.

Hamas-Terror machte AnnÀherung zunichte

Viele Muslime werteten diese Kehrtwende als Verrat. Wohl auch deshalb wurde sie offiziell vor allem als wirtschaftlicher Erfolg verkauft, wobei die Golfstaaten und Israel auch der gemeinsame Feind Iran verbindet. Ende September 2023 teilte Israels Regierung dann mit, ein "historischer Frieden" mit Saudi-Arabien sei in greifbarer NĂ€he und werde "einen neuen Nahen Osten schaffen".

Zwei Wochen spĂ€ter ĂŒberfielen Terroristen der Hamas und anderer Gruppen den SĂŒden Israels. Das Massaker am 7. Oktober 2023 löste den Gaza-Krieg aus und stĂŒrzte den Nahen Osten in eine tiefe Krise. Vermutet wird, dass die Hamas mit dem beispiellosen Überfall die sich damals konkret abzeichnende AnnĂ€herung zwischen Israel und Saudi-Arabien verhindern wollte. TatsĂ€chlich kam der Normalisierungsprozess dadurch zum Erliegen.

Israel treibt MilitÀroperation im Westjordanland voran

Zwar wurde nun eine Waffenruhe im Gaza-Krieg erzielt. Allerdings gibt es BefĂŒrchtungen, dass die seit 2007 im Gazastreifen herrschende und von Israels MilitĂ€rschlĂ€gen der vergangenen Monate geschwĂ€chte Hamas jetzt radikale PalĂ€stinenser im Westjordanland aufrĂŒstet, um eine weitere Front gegen Israel zu eröffnen. So rief die Hamas die Bevölkerung zur "Generalmobilisierung" und zu Konfrontationen mit den israelischen SicherheitskrĂ€ften und Siedlern auf.

Am Dienstag ordnete die israelische Regierung eine groß angelegte MilitĂ€roperation im Westjordanland an, bei der seither rund ein Dutzend PalĂ€stinenser getötet wurden. Vor allem in der Stadt Dschenin, einer Hochburg militanter PalĂ€stinenser, kam es zu gewaltsamen ZusammenstĂ¶ĂŸen.

Die saudische Regierung reagierte empört, verurteilte den Gewalteinsatz der israelischen Armee und forderte die internationale Gemeinschaft auf, das völkerrechtswidrige Vorgehen der "Besatzungsmacht" zu stoppen. Ein UN-Sprecher warnte davor, das Leben unschuldiger Menschen aufs Spiel zu setzen und zivile Infrastruktur zu zerstören.

Berichten zufolge gab es Razzien in mehreren StÀdten des 1967 von Israel besetzten Westjordanlands, auch Drohnenangriffe wurden gemeldet. Die israelische Armee teilte mit, mehrere Terroristen seien getötet worden. Nach palÀstinensischen Angaben gab es mindestens zwölf Tote und Dutzende Verletzte.

Der MilitÀreinsatz in Dschenin ist der umfangreichste seit langem. Zuvor hatte sich die ohnehin schon gespannte Lage im Westjordanland angesichts des Erstarkens militanter PalÀstinenser und zunehmender Gewalt radikaler israelischer Siedler gegen palÀstinensische Zivilisten drastisch verschÀrft.

Gewalt und Truppenabzug im Gazastreifen

Ungeachtet der Feuerpause kam es auch in Gaza zu gewaltsamen Konfrontationen, bei denen ein PalÀstinenser getötet wurde. Nach Angaben eines MilitÀrsprechers handelte es sich um einen KÀmpfer der Terrororganisation Islamischer Dschihad. Das MilitÀr appellierte an die PalÀstinenser, sich nicht den Truppen zu nÀhern.

GemĂ€ĂŸ der getroffenen Vereinbarungen zogen israelische Truppen am Mittwoch mit ihren Fahrzeugen aus Dschabalija im nördlichen Gazastreifen ab. Das MilitĂ€r veröffentlichte Aufnahmen einer Panzerkolonne, die das Gebiet entlang des Grenzzauns verließ. Der von der Hamas geforderte Komplettabzug der Armee aus dem KĂŒstengebiet gehört zu den grĂ¶ĂŸten Streitpunkten der kommenden Verhandlungen ĂŒber die nĂ€chsten Phasen des Gaza-Abkommens, die bisher ausgeklammert wurden.

@ dpa.de