ROUNDUPBĂŒrgergeld, AuslĂ€nderquote

Was die gestiegene AuslÀnderquote bedeutet

04.10.2024 - 11:53:21

Die Zahl der AuslĂ€nderinnen und AuslĂ€nder mit BĂŒrgergeld ist in den vergangenen Jahren deutlich auf zuletzt 2,7 Millionen gestiegen.

Rund 48 Prozent der BĂŒrgergeldempfĂ€ngerinnen und -empfĂ€nger haben damit keinen deutschen Pass. 2021 waren rund zwei Millionen AuslĂ€nder in der Grundsicherung. Hauptgrund fĂŒr den Anstieg ist die FlĂŒchtlingsbewegung nach Russlands Einmarsch in der Ukraine.

Die Meinungen ĂŒber den AuslĂ€nderanteil im BĂŒrgergeld gehen weit auseinander. WĂ€hrend die BSW-ParteigrĂŒnderin Sahra Wagenknecht deswegen vor einer Bedrohung des Sozialstaats warnt, betont etwa der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) die Erfolge bei der Vermittlung von BĂŒrgergeld-Beziehenden in Jobs.

Vor Ukraine-Krieg weniger AuslÀnder in Grundsicherung

Von den rund 5,6 Millionen EmpfĂ€ngerinnen und EmpfĂ€ngern der Grundsicherung waren im Mai 2,9 Millionen Deutsche, wie aus einer der Deutschen Presse-Agentur vorliegenden Regierungsantwort auf eine BSW-Anfrage weiter hervorgeht. Laut Statistik der Bundesagentur fĂŒr Arbeit war der AuslĂ€nderanteil 2023 mit rund 2,6 Millionen AuslĂ€ndern und 2,9 Millionen Deutschen im BĂŒrgergeld noch leicht geringer. 2021, im Jahr vor Russlands Angriff auf die Ukraine, waren erst 2 Millionen AuslĂ€nder und 3,3 Millionen Deutsche in der Grundsicherung, dem VorlĂ€ufer des BĂŒrgergeldes.

Wagenknecht sagte der dpa: "Dass inzwischen fast die HĂ€lfte der BĂŒrgergeldempfĂ€nger keinen deutschen Pass hat, belegt das Scheitern der deutschen Migrations- und Integrationspolitik und trĂ€gt dazu bei, dass das BĂŒrgergeld immer unpopulĂ€rer geworden ist." Anja Piel vom Vorstand des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) hingegen sagt: "KriegsgeflĂŒchtete suchen sich ihr Schicksal nicht aus, und BĂŒrgergeld gibt es ausschließlich fĂŒr anerkannte GeflĂŒchtete." Es koste geflĂŒchtete Menschen Kraft und Zeit, um eine Sprache zu lernen, den Abschluss anerkennen zu lassen und dann Arbeit zu finden, sagt Piel. "Deshalb steigt die ErwerbstĂ€tigkeitsquote mit der Dauer ihres Aufenthalts."

Viele mĂŒssen aufstocken

Piel erlĂ€utert zudem, dass ein FĂŒnftel der rund vier Millionen arbeitsfĂ€higen BĂŒrgergeld-Beziehenden durchaus arbeiteten und eigenes Einkommen bezögen. Ihr Gehalt aber sei so niedrig, dass sie es mit Staatshilfe aufstocken mĂŒssten. Wagenknecht hingegen sagt: "Dass immer noch ĂŒber 700.000 Ukrainer und ĂŒber 700.000 Syrer und Afghanen BĂŒrgergeld beziehen, statt ihr Einkommen durch eigene Arbeit zu sichern, ist eine traurige Bilanz fĂŒr eine Bundesregierung, die einen Job-Turbo zĂŒnden wollte."

Forscher: Bei Syrien-Integration an Spitze

Seit Russlands Überfall auf die Ukraine 2022 haben rund 1,2 Millionen Menschen von dort in Deutschland Schutz gefunden. Bei den Ukrainerinnen und Ukrainern liegt der Anteil der BĂŒrgergeld-Beziehenden an der Bevölkerungsgruppe insgesamt bei knapp 65 Prozent. Bei den Menschen aus Afghanistan betrĂ€gt die BĂŒrgergeld-Quote 47 Prozent, so die BA-Statistik. AuffĂ€llig: Bei den Menschen aus Syrien ist der Anteil stark gesunken - vom 85-Prozent-Höchststand 2017, also zwei Jahre nach dem immensen Zuzug von 2015, auf noch 55 Prozent.

"Bei der Integration der syrischen und anderen FlĂŒchtlinge von 2015 steht Deutschland inzwischen im internationalen Vergleich ganz oben", sagt Enzo Weber vom Institut fĂŒr Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in NĂŒrnberg. Die Zahl der regulĂ€r beschĂ€ftigten Syrerinnen und Syrer stieg von 2020 bis 2023 um 75.000 auf 205.000. IAB-Forschungsbereichsleiter Weber erlĂ€utert: "Eine nachhaltige Strategie hat sich bewĂ€hrt, die Menschen eher mit deutscher Sprache und Qualifizierung in den Arbeitsmarkt zu bringen als so schnell wie möglich."

Wagenknecht will Leistungen streichen

Wagenknecht sagt: "Ein starker Sozialstaat funktioniert nur, wenn nicht jeder in ihn einwandern kann." Die BSW-GrĂŒnderin fordert eine Reform des BĂŒrgergelds. Anerkannte FlĂŒchtlinge sollten eine Arbeit aufnehmen dĂŒrfen - aber ohne vorherige Einzahlungen keinen Anspruch auf soziale Leistungen haben.

IAB-Forscher Weber hingegen sagt: "Die Grundsicherung ist das richtige System, weil man Menschen hier arbeitsmarktpolitisch betreuen kann." Gewerkschafterin Piel meint, die intensive UnterstĂŒtzung der BĂŒrgergeld-Beziehenden durch die Jobcenter zahle sich aus. Sie spielt damit auf steigende Vermittlungszahlen an. So gehen laut IAB im laufenden Jahr pro Monat doppelt so viele Ukrainerinnen und Ukrainern aus der Arbeitslosigkeit in Jobs wie im Vorjahr.

Den "Job-Motor" der Regierung bewertete Piel als wirkungsvoll. 266.000 FlĂŒchtlinge aus der Ukraine sind derzeit mit Job in Deutschland, wie Kanzler Olaf Scholz (SPD) dieser Tage unterstrich.

Beispiel an DĂ€nemark nehmen?

Wagenknecht warf der deutschen Sozialdemokratie vor, nicht verstanden zu haben, dass das Sozialsystem Grenzen bei der Einwanderung brauche- im Gegensatz zur dĂ€nischen. Wissenschaftler Weber sagt hingegen, inDĂ€nemark seien die Leistungen stark gekĂŒrzt worden. "Die Folge: Bei MĂ€nnern zwar mehr BeschĂ€ftigung, aber nur vorĂŒbergehend. Spracherwerb und Bildungserfolge waren schwĂ€cher, gestiegen ist nur die KriminalitĂ€t."

Nadelöhr Integrationskurs

Doch warum dauert es oft lange, bis AuslĂ€nderinnen und AuslĂ€nder aus dem BĂŒrgergeld auf eine Stelle wechseln - gerade sichtbar bei vielen Menschen aus der Ukraine? "Die oft langen Wartezeiten auf einen Sprach- und Integrationskurs haben viel Zeit verstreichen lassen", sagt Weber. Inzwischen gab es Neueinstellungen von LehrkrĂ€ften, das Angebot wurde ausgeweitet. Mit 363.000 Integrationskurs-Teilnehmerinnen und Teilnehmern gab es 2023 einen Höchststand. Doch das Warten zwischen Verpflichtung oder Berechtigung bis zum Kursbeginn dauerte vergangenes Jahr immer noch im Schnitt mehr als vier Monate.

Gute Ausstattung der Jobcenter nötig

Weber und Piel sind sich einig: Die Jobcenter mĂŒssten gut aufgestellt und ausgestattet sein. "Angesichts von immer noch hohen Zahlen der GeflĂŒchteten im BĂŒrgergeld sollten wir nicht die Geduld verlieren", sagt IAB-Forscher Weber. "Wenn man in das System des BĂŒrgergelds mit seinem Qualifizierungs- und Vermittlungsfokus investiert, kann der Staat ein gutes GeschĂ€ft machen." Angesichts zu erwartender Steuern und Abgaben durch mehr vorher HilfsbedĂŒrftigen in Jobs hĂ€tten Investitionen in Sprache und Qualifikation "eine hohe Rendite".

@ dpa.de