ROUNDUP, Gaza-GesprÀche

Gaza-GesprÀche sollen auch Nahost-FlÀchenbrand verhindern

14.08.2024 - 15:02:55

DOHA/TEL AVIV - Begleitet von Sorgen wegen eines drohenden FlÀchenbrands im Nahen Osten stehen im Konflikt zwischen Israel und der islamistischen Hamas möglicherweise entscheidende GesprÀche an.

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DOHA/TEL AVIV (dpa-AFX) - Begleitet von Sorgen wegen eines drohenden FlĂ€chenbrands im Nahen Osten stehen im Konflikt zwischen Israel und der islamistischen Hamas möglicherweise entscheidende GesprĂ€che an. Auf DrĂ€ngen der Vermittler USA, Katar und Ägypten ist am Donnerstag eine Verhandlungsrunde ĂŒber eine Waffenruhe geplant, bei der es erneut um den Austausch von Geiseln gegen palĂ€stinensische Gefangene gehen soll. Ein Durchbruch könnte aber auch einen Vergeltungsschlag des Irans gegen Israel verhindern - und damit eine Ausweitung des Krieges deutlich ĂŒber den Gazastreifen hinaus.

Die GesprĂ€che sollen in Katars Hauptstadt Doha stattfinden, wie die Deutsche Presse-Agentur aus mit den GesprĂ€chen vertrauten Kreisen erfuhr. Teilnehmen sollen wie bei den jĂŒngsten GesprĂ€chen in Rom demnach erneut CIA-Chef William Burns, Katars MinisterprĂ€sident Mohammed bin Abdulrahman Al Thani und Ägyptens Geheimdienstchef Abbas Kamel. FĂŒr Israel werde der Chef des Auslandsgeheimdienstes Mossad, David Barnea, erwartet.

Die islamistische Hamas will nicht an den GesprĂ€chen teilnehmen ohne eindeutigen Plan zur Umsetzung der VorschlĂ€ge von US-PrĂ€sident Joe Biden fĂŒr eine Waffenruhe. Man werde "nicht unter Beschuss verhandeln", erfuhr die dpa aus Hamas-Kreisen. Dem "Wall Street Journal" zufolge wollen arabische Vermittler die Hamas nach den GesprĂ€chen ĂŒber die besprochenen Punkte informieren. Die Hamas und Israel verhandeln nicht direkt miteinander.

Nervenkrieg vor Gaza-GesprÀchen - Hoffnung auf Erfolg

Nach der Tötung eines wichtigen Vertreters der proiranischen Hisbollah-Miliz im Libanon und des Auslandschefs der Hamas in der iranischen Hauptstadt Teheran vor gut zwei Wochen wird seit Tagen ein großer Angriff Irans und seiner VerbĂŒndeten auf Israel befĂŒrchtet. Die Islamische Republik, die Hisbollah und die islamistische Hamas im Gazastreifen kĂŒndigten Vergeltung an.

Im April hatte der Iran erstmals direkt Israel angegriffen als Vergeltung fĂŒr einen mutmaßlich israelischen Angriff auf ein iranisches KonsulargebĂ€ude in Syrien. Die Attacke fiel begrenzt aus - die mehr als 300 Drohnen, Raketen und Marschflugkörpern konnten zum Großteil von Israel mit UnterstĂŒtzung von Partnern und LĂ€ndern in der Region abgewehrt werden. BefĂŒrchtet wird, dass es nun einen koordinierten Angriff gegen Israel geben könnte - gemeinsam mit der Hisbollah, der Huthi-Miliz im Jemen sowie Iran-treuen Milizen in Syrien und im Irak. Mit schĂ€tzungsweise 150.000 Raketen, Drohnen und Marschflugkörpern gilt die Hisbollah in der Region als schlagkrĂ€ftigste Miliz.

Die israelische Armee ist in Alarmbereitschaft und behĂ€lt sich nach offiziellen Angaben auch Offensivmaßnahmen vor. Sie kann unter anderem auf die UnterstĂŒtzung der USA setzen. Diese haben ihre MilitĂ€rprĂ€senz in der Region stark ausgebaut. Im Iran gelten die USA wie Israel als erklĂ€rte Erzfeinde. Zwischen beiden LĂ€ndern wurde mehrfach ein offener militĂ€rischer Konflikt befĂŒrchtet, vor allem nach der Tötung des iranischen Top-Generals Ghassem Soleimani durch einen US-Drohnenangriff im Jahr 2020 im Irak.

Ausgang der GesprÀche ungewiss - Was macht der Iran?

Was die GesprĂ€che bringen können, ist völlig ungewiss. Zuletzt hatten die Verhandlungen kaum Fortschritte gebracht. Israels MinisterprĂ€sident Benjamin Netanjahu wies VorwĂŒrfe zurĂŒck, neue Bedingungen gestellt und einen Deal so blockiert zu haben. Er warf der Hamas vor, neue Forderungen erhoben zu haben. Netanjahu will die Hamas militĂ€risch zerschlagen. Diese soll nicht mehr in der Lage sein, das KĂŒstengebiet zu regieren.

Netanjahu regiert in einer Koalition mit ultrareligiösen und rechtsextremen Partnern. Diese sind strikt gegen ZugestĂ€ndnisse an die Hamas. Seine Gegner werfen Netanjahu vor, sich an seine Koalitionspartner zu klammern, weil er bei Neuwahlen unterliegen könnte. Der Verlust seines Amtes wĂŒrde wiederum die strafrechtliche Verfolgung von KorruptionsfĂ€llen beschleunigen, in die Netanjahu verwickelt sein soll.

Die USA hatten Ende Mai den Entwurf eines Deals vorgestellt, der zunĂ€chst eine vollstĂ€ndige und uneingeschrĂ€nkte Waffenruhe von sechs Wochen vorsieht. In diesem Zeitraum wĂŒrde eine bestimmte Gruppe von Geiseln freigelassen. Im Gegenzug wĂŒrden PalĂ€stinenser freikommen, die in Israel inhaftiert sind. Danach wĂŒrden die KĂ€mpfe dauerhaft eingestellt und die verbliebenen Geiseln freigelassen. In einer letzten Phase soll demnach der Wiederaufbau des Gazastreifens beginnen.

Einem Fernbleiben der Hamas von den geplanten GesprĂ€chen bauen die Vermittler bereits vor. In dem Fall werde man die Gruppe ĂŒber die besprochenen Bedingungen fĂŒr ein Abkommen informieren, zitierte das "Wall Street Journal" arabische Vermittler.

Die Vermittler hatten Israel und die Hamas kĂŒrzlich zu einem Abkommen gedrĂ€ngt. Man werde versuchen, "kreativ und durchsetzungsfĂ€hig zu sein, um die Sache ĂŒber die Ziellinie zu bringen", sagte zuletzt John Kirby, der Kommunikationsdirektor des Nationalen Sicherheitsrates in den USA.

Irans Dilemma: Rache ĂŒben oder Gaza-GesprĂ€che abwarten?

Der Iran hat einen Vergeltungsschlag fĂŒr die Tötung von Hamas-Auslandschef Ismail Hanija vor fast zwei Wochen angedroht, seitdem aber nicht durchgefĂŒhrt. "Man kann sich einerseits als revolutionĂ€res und anti-israelisches Land nicht leisten, auf einen Racheakt zu verzichten, andererseits ist man sich aber auch der desaströsen Folgen eines Vergeltungsschlags bewusst", erklĂ€rt ein Politologe in Teheran das Dilemma.

Ein Krieg wĂŒrde nicht nur die Wirtschaftskrise im Iran verschĂ€rfen, sondern könnte auch zu erneuten Unruhen fĂŒhren. Rechnen mĂŒsste Teheran außerdem mit der Beteiligung der USA als wichtigsten VerbĂŒndeten Israels - und mit einer israelischen Antwort. Auf den Angriff des Irans im April hatte Israel mit einem begrenzten Schlag reagiert, was dem Iran ermöglichte, auf eine Gegenreaktion zu verzichten. Doch dass Israel eine Luftwaffenbasis in der Provinz Isfahan unweit iranischer Atomanlagen angriff, sahen einige Beobachter durchaus als klare Botschaft Israels an den Iran: dass ein Angriff auf Atomanlagen möglich ist.

Die Atomanlagen in der Islamischen Republik gelten als mögliche Ziele Israels und seiner VerbĂŒndeten. Der Iran behauptet, die Einrichtungen, insbesondere die in Natans in Zentraliran und Fordo sĂŒdlich Teherans, seien militĂ€risch bestens geschĂŒtzt.

Bislang deuteten die Aussagen in Teheran darauf hin, dass der Iran zumindest bis nach den Gaza-GesprĂ€chen von einem Vergeltungsschlag absehen wolle, sagt der iranische Politologe. "Danach werden wir sehen, ob das Regime sich starrköpfig fĂŒr eine Blutrache oder doch rational fĂŒr eine politische Option entscheidet."

@ dpa.de