COP28 / ROUNDUP 6: Klimagipfel im Schlussspurt - Kritik an Abschlusstextentwurf
11.12.2023 - 17:34:25(neu: Zitat Baerbock
DUBAI (dpa-AFX) - Ein neuer Entwurf fĂŒr den Abschlusstext der Weltklimakonferenz in Dubai sieht keinen Ausstieg aus Kohle, Ăl und Gas mehr vor. In dem 21-Seiten-Papier, das am Montag veröffentlicht wurde, ist nur noch von einer Reduzierung beim Verbrauch und der Produktion fossiler Brennstoffe die Rede. In einer vorherigen Version war der Ausstieg noch als eine von mehreren Optionen erwĂ€hnt worden. Umweltorganisationen reagierten enttĂ€uscht - ebenso wie Staaten, die besonders von der Klimakrise bedroht sind.
Der Chef-Verhandler der vom steigenden Meeresspiegel bedrohten Marshall-Inseln, John Silk, sagte, man sei nicht nach Dubai gekommen, "um unser Todesurteil zu unterschreiben". Man werde nicht "stillschweigend in unsere wÀssrigen GrÀber" steigen.
AuĂenministerin Annalena Baerbock (GrĂŒne) sagte, der vorliegende Vorschlag der PrĂ€sidentschaft der Vereinigten Arabischen Emirate sei eine EnttĂ€uschung. "Insgesamt ist er nicht ausreichend, wesentliche Elemente sind fĂŒr uns als EuropĂ€ische Union nicht akzeptabel." EU-Klimakommissar und Chef-Verhandler Wopke Hoekstra Ă€uĂerte sich Ă€hnlich und nannte den Entwurf "eindeutig unzureichend" und inakzeptabel.
Der geschĂ€ftsfĂŒhrende Vorstand von Greenpeace Deutschland, Martin Kaiser, sagte, er sei "wirklich fassungslos", dass der Entwurf die WĂŒnsche und Interessen der Ăl- und Gasindustrie bediene, aber nicht der Menschen, die jetzt schon unter den Ăberschwemmungen und DĂŒrren am meisten litten. Gerade beim Ausstieg aus den fossilen EnergietrĂ€gern, die ĂŒber 100 Staaten eingefordert haben, sei der Entwurf sehr unverbindlich. "Er kann, wenn er so verabschiedet wird, diese Konferenz zum Scheitern bringen", warnte Kaiser. Jetzt liege es an Baerbock und ihren EU-Kollegen, gemeinsam mit den Inselstaaten und den am meisten verwundeten Staaten dafĂŒr zu sorgen, "dass diese Unverbindlichkeit aus dem Dokument wegkommt" und es einen verbindlichen Ausstieg aus Kohle, Ăl und Gas gebe.
Die zweiwöchigen Verhandlungen sollen am Dienstagvormittag enden, waren aber zuletzt ins Stocken geraten. Wie immer in den vergangenen Jahren könnte die Konferenz in die VerlÀngerung gehen.
KonferenzprĂ€sident Sultan al-Dschaber, zugleich Chef des staatlichen Ălkonzerns, deutete an, dass er noch Nachbesserungen am Text erwartet. "Wir mĂŒssen noch viele LĂŒcken schlieĂen", sagte er. "Wir mĂŒssen ein Ergebnis liefern, das die Wissenschaft respektiert und das 1,5-Grad-Ziel in Reichweite hĂ€lt." Er erwarte von den Delegierten in allen Punkten höchste Ambition - "auch in Bezug auf die Sprache zu fossilen Brennstoffen".
Zuvor hatte mittags UN-GeneralsekretĂ€r Antonio Guterres die knapp 200 Staaten noch aufgerufen, sich zusammenzuraufen und den Ausstieg aus Kohle, Ăl und Gas im Abschlusstext festzuschreiben. "Jetzt ist es an der Zeit fĂŒr maximalen Ehrgeiz und maximale FlexibilitĂ€t", sagte er bei einem Auftritt vor der Weltpresse.
Der Oxfam-Experte Jan Kowalzig sagte, in dem Textentwurf fĂ€nden sich sogar die anderen angestrebten Ziele - eine Verdreifachung der erneuerbaren Energien und die Verdoppelung der Energieeffizienz - nicht als Ziel wieder, sondern nur als mögliche MaĂnahme. "So darf die COP28 nicht enden", warnte er. Das 2015 in Paris vereinbarte Ziel, die Erderhitzung auf 1,5 Grad zu begrenzen, werde mit diesem Entwurf "wohl aus dem Fenster geworfen". Auch Kowalzig forderte, die EuropĂ€ische Union dĂŒrfe der ErklĂ€rung in keinem Fall zustimmen und mĂŒsse erhebliche Nachbesserungen einfordern.
Strittigster Punkt war seit Konferenzbeginn Anfang des Monats, ob sich die Staatengemeinschaft einstimmig auf einen Ausstieg aus den klimaschĂ€dlichen EnergietrĂ€gern Kohle, Ăl und Gas einigen kann. Etliche LĂ€nder leisteten Widerstand, darunter das ölreiche Saudi-Arabien, aber auch China, der Irak und Russland.
Viviane Raddatz, Klima-Chefin des WWF Deutschland, sagte, der Textentwurf enttĂ€usche sehr und lasse befĂŒrchten, dass diese COP zu einem gigantischen Misserfolg fĂŒhren könnte.
AuĂenministerin Baerbock hatte zuvor auf Instagram geschrieben, die Mehrheit aller Staaten wolle aus den fossilen Energien aussteigen. Einige LĂ€nder hĂ€tten aber Sorge, weil ihnen UnterstĂŒtzung bei der Umsetzung fehle. "Wir wissen, dass es unsere Verantwortung als Industriestaaten ist, auch ihnen den Ausstieg zu ermöglichen."
Auch UN-Klimachef Simon Stiell pochte auf Ehrgeiz im Kampf gegen die Erderhitzung. "Jeder Schritt weg von den höchsten Ambitionen kostet unzĂ€hlige Millionen Menschenleben - und zwar nicht im nĂ€chsten politischen oder wirtschaftlichen Zyklus, mit dem kĂŒnftige Staats- und Regierungschefs zu kĂ€mpfen haben, sondern bereits jetzt, in jedem Land." Weiter sagte er: "Die Welt schaut zu, so wie die 4000 Medienvertreter und tausende Beobachter hier in Dubai. Nirgendwo kann man sich verstecken."
Klima-Aktivisten prangern Israel an
Ein Netzwerk von Umweltorganisationen vergab auf der COP28 den Negativpreis "Fossil des Tages" an Israel - mit drastischen Formulierungen zum laufenden MilitÀreinsatz im Gaza-Krieg. "Das Handeln Israels zielt darauf ab, das palÀstinensische Volk durch den sich entfaltenden Völkermord und ethnische SÀuberung zu eliminieren", erklÀrte das Climate Action Network (CAN). Ihm gehören nach eigenen Angaben mehr als 1900 zivilgesellschaftliche Organisationen in mehr als 130 Staaten und auf internationaler Ebene an - darunter Greenpeace, Oxfam, WWF und Germanwatch. Die deutschen Organisationen gingen auf Distanz.

