ROUNDUP, Netanjahu

Netanjahu will Hamas zu ZugestÀndnissen zwingen

19.07.2024 - 06:35:03

Eine knappe Woche vor seiner geplanten Reise nach Washington hat der israelische MinisterprÀsident Benjamin Netanjahu weiteren Druck auf die islamistische Hamas im Gazastreifen angemahnt.

"Der militĂ€rische Druck, der hier angewendet wird, auf die Kehle der Hamas, hilft uns (...) beim Vorantreiben des Geisel-Deals", sagte er bei einem Truppenbesuch in der sĂŒdlichen Gaza-Stadt Rafah.

Der doppelte Druck, bestehend aus entschlossenem militĂ€rischen Vorgehen und dem "unerschĂŒtterlichen Beharren auf unseren gerechten Forderungen", wĂŒrde ein Abkommen zur Befreiung von 120 Geiseln in der Gewalt der Hamas "nicht verzögern, sondern voranbringen", fĂŒgte er hinzu.

Seit Monaten laufen indirekte GesprĂ€che zwischen Israel und der Hamas, bei denen Ägypten, Katar und die USA vermitteln. Sie kreisen um einen dreistufigen Plan, der den Austausch der Geiseln gegen palĂ€stinensische HĂ€ftlinge in israelischen GefĂ€ngnissen sowie Wege hin zu einer dauerhaften Waffenruhe vorsieht. Teilnehmer der indirekten GesprĂ€che hatten kĂŒrzlich noch vorsichtigen Optimismus gezeigt. Derzeit sind jedoch keine weiteren ranghohen Treffen mehr angekĂŒndigt.

Explosion in Tel Aviv

Unterdessen kam es Medienberichten zufolge in der Nacht in der israelischen KĂŒstenmetropole Tel Aviv zu einer schweren Explosion. Augenzeugen berichteten demnach von einem lauten Knall nahe einer Niederlassung der US-Botschaft. Umliegende GebĂ€ude seien beschĂ€digt worden. Die Ursache der Explosion war zunĂ€chst unklar. UnbestĂ€tigten Medienberichten zufolge könnte es sich um einen Drohnenangriff gehandelt haben. Das israelische MilitĂ€r untersucht eigenen Angaben zufolge den Vorfall.

In Den Haag soll der Internationale Gerichtshof (IGH) heute ein Gutachten zur RechtmĂ€ĂŸigkeit der israelischen Besatzung palĂ€stinensischer Gebiete vorlegen.

Neue Forderungen des Regierungschefs

Den neuerlichen Stillstand der indirekten GesprĂ€che dĂŒrften neue Forderungen Netanjahus ausgelöst haben, die im ursprĂŒnglichen Plan nicht enthalten sind. Dazu zĂ€hlt, israelische Truppen lĂ€nger oder dauerhaft in strategischen Positionen des Gazastreifens zu belassen. Netanjahu forderte zuletzt, dass israelische Einheiten in der Mitte des abgeriegelten KĂŒstenstreifens dafĂŒr sorgen mĂŒssten, dass keine Hamas-MilizionĂ€re vom SĂŒden in den Norden des Gebiets zurĂŒckkehren. Israelische Soldaten mĂŒssten außerdem in Teilen von Rafah verbleiben, um die dort verlaufende Grenze zu Ägypten zu kontrollieren.

Bei seinem vorher nicht angekĂŒndigten Truppenbesuch am Donnerstag stieß Netanjahu ins selbe Horn. Er fĂŒhle sich in der Überzeugung gestĂ€rkt, dass Israels Kontrolle ĂŒber den Philadelphi-Korridor und ĂŒber den GrenzĂŒbergang Rafah von entscheidender Bedeutung sei fĂŒr die nĂ€chste Phase im Kampf gegen die Hamas, sagte Netanjahu in einer Videoaufnahme vom Schauplatz, die das MinisterprĂ€sidentenamt veröffentlichte.

Der Philadelphi-Korridor ist ein etwa zwölf Kilometer langer Streifen, der auf der Gaza-Seite der Grenze zu Ägypten verlĂ€uft. Israel geht davon aus, dass sich die Hamas durch Tunnel, die unter dem Korridor verlaufen, mit Waffen, GĂŒtern und Geld versorgt hat. Der GrenzĂŒbergang zu Ägypten ist seit Mai geschlossen, nachdem israelische Truppen dessen Gaza-Seite besetzt haben. Der Vermittler Ägypten ist strikt gegen einen dauerhaften Verbleib von Teilen Rafahs unter israelischer Besatzung.

Unter Berufung auf hochrangige israelische Beamte schrieb der Journalist Barak Ravid im Nachrichtenportal "walla.co.il", dass die Vermittler Ägypten und Katar von Israel wissen wollten, ob es sich bei den neuerlich von Netanjahu erhobenen Forderungen um "politische" oder substanzielle Bedingungen handle. In den nĂ€chsten Tagen wĂŒrden israelische Verhandler nach Doha und Kairo aufbrechen, um den tatsĂ€chlichen Standpunkt Israels zu ĂŒbermitteln.

Netanjahu reagiert in einer Koalition mit ultra-religiösen und rechtsextremen Partnern, die mit einer Sprengung des RegierungsbĂŒndnisses drohen, sollte der Regierungschef ZugestĂ€ndnisse an die Hamas machen. Vorgezogene Neuwahlen dĂŒrften Netanjahu das Amt kosten. Gerichtsverfahren wegen mutmaßlicher Korruption könnten ihn gar ins GefĂ€ngnis bringen.

Taktieren fĂŒr den Erhalt des Premiersessels

Im MinisterprĂ€sidentenamt, schreibt Ravid weiter, versichere man, dass Netanjahu an einem Geiselabkommen ehrlich interessiert sei. Zugleich habe er die diesbezĂŒglichen Agenden ganz an sich gezogen, behalte sich jede Entscheidung selbst vor. Vielen Beamten sei nicht klar, ob der Premier "auf Zeit" spiele oder wirklich etwas voranbringen möchte.

Manche gehen davon aus, dass Netanjahu einen Deal nicht vor dem Beginn der Sommerpause des Parlaments, der Knesset, unter Dach und Fach bringen wolle. Diese beginnt Ende Juli und dauert drei Monate. In dieser Zeit wÀre dann ein Regierungssturz infolge eines Absprungs der ultra-rechten Koalitionspartner nicht möglich.

Auslöser des Krieges war das Massaker in Israel, das Terroristen der Hamas und anderer Gruppen am 7. Oktober in Israel verĂŒbt hatten. Sie töteten rund 1.200 Israelis und verschleppten rund 250 weitere Menschen in den Gazastreifen. Nach Angaben der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde wurden seit Beginn des Krieges bereits fast 39.000 Menschen im Gazastreifen getötet. Die Zahl, bei der nicht zwischen Zivilisten und KĂ€mpfern unterschieden wird, lĂ€sst sich derzeit nicht unabhĂ€ngig verifizieren.

Grundsatzrede vor US-Kongress

Am kommenden Mittwoch will Netanjahu vor beiden Kammern des US-Kongresses eine Rede zum israelischen Vorgehen im Gazastreifen halten. Die Spitzen beider Parteien im amerikanischen Parlament hatten Netanjahu dazu eingeladen. Voraussichtlich wird er auch mit US-PrÀsident Joe Biden zusammentreffen, teilte der Kommunikationsdirektor des Nationalen Sicherheitsrates, John Kirby, am Donnerstag mit. Zuletzt waren Biden und Netanjahu im vergangenen Herbst in Tel Aviv persönlich zusammengekommen, kurz nach den Angriffen der Hamas am 7. Oktober.

Indes setzte Israel seine Angriffe in Gaza und im Libanon fort. Im Stadtteil Al-Saitun in der Stadt Gaza griff die Armee eigenen Angaben zufolge mehrere Hamas-KÀmpfer an, die ein vom UN-PalÀstineneserhilfswerk UNRWA verlassenes GebÀude als lokales Hauptquartier genutzt hatten.

Gezielte Tötungen im Libanon

In der libanesischen Bekaa-Ebene tötete das israelische MilitĂ€r eigenen Angaben zufolge ein im Libanon tĂ€tiges Mitglied der Hamas. Die PalĂ€stinenser-Miliz bestĂ€tigte den Tod ihres "MĂ€rtyrers". Mohammed Dschabara sei verantwortlich gewesen fĂŒr AnschlĂ€ge und Raketenangriffe auf Israel, teilte das israelische MilitĂ€r mit. Der Mann kam libanesischen Angaben zufolge ums Leben, als sein Fahrzeug aus der Luft getroffen wurde und in Brand geriet.

SpĂ€ter am Donnerstagabend zerstörte ein israelischer Luftangriff ein Haus in der sĂŒdlibanesischen Ortschaft Dschamamije. Der Kommandant einer lokalen Hisbollah-Einheit sowie drei seiner LeibwĂ€chter wurden getötet, bestĂ€tigten libanesische Sicherheitskreise. Die Schiiten-Miliz bestĂ€tigte den Tod ihres Kommandanten Habib Matuk. Auch Israel bestĂ€tigte die gezielte Tötung des Hisbollah-Mannes.

Israel und die libanesische Hisbollah-Miliz liefern sich seit dem Beginn des Gaza-Kriegs nahezu tĂ€glich Gefechte. Auf beiden Seiten gab es Tote. Die vom Iran unterstĂŒtzte Hisbollah handelt nach eigenen Aussagen aus SolidaritĂ€t mit der Hamas, die auch im Libanon aktiv ist. Seit langem wird befĂŒrchtet, dass sich der Konflikt ausweiten könnte.

Das wird heute wichtig

Der IGH in Den Haag wird heute ein Gutachten zur RechtmĂ€ĂŸigkeit der israelischen Besatzung palĂ€stinensischer Gebiete vorlegen. Ein solches Gutachten ist rechtlich zwar nicht bindend. Doch wenn die 15 höchsten UN-Richter in Den Haag feststellen, dass Israel gegen internationales Recht verstĂ¶ĂŸt, dann kann das den internationalen politischen Druck auf Israel erhöhen. Israel hatte nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 das Westjordanland, Ost-Jerusalem und den Gazastreifen besetzt.

Die UN-Vollversammlung hatte den IGH bereits 2022 damit beauftragt festzustellen, welche rechtlichen Folgen die Besatzungspolitik Israels hat - also lange vor Beginn des heutigen Gaza-Kriegs im Oktober 2023./wh/trö/ab/cir/gm/DP/zb

@ dpa.de