ROUNDUP, UN-Expertin

UN-Expertin prangert systematische Folter in Russland an

30.10.2024 - 06:35:02

Eine UN-Expertin wirft Russland in einem neuen Bericht systematische Folter von Kritikern im Inland und feindlichen Soldaten vor.

Das Papier dokumentiere, "wie Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Bestrafung als staatlich sanktionierte Instrumente zur systemischen UnterdrĂŒckung in der Russischen Föderation verwendet werden", hieß es in einem in New York vorgestellten Bericht.

Ausgearbeitet wurde er von der Sonderberichterstatterin fĂŒr Menschenrechte in Russland, Mariana Katzarova. Sonderberichterstatter werden zwar vom UN-GeneralsekretĂ€r eingesetzt, arbeiten aber unabhĂ€ngig von den Organen der Vereinten Nationen. Russland hatte Katzarova fĂŒr ihre Recherchen keinen Zugang gewĂ€hrt, die Informationen hĂ€tten sie und ihr Team aber durch Kontakte zu Menschenrechtsgruppen und anderen Quellen erhalten.

Folter sei "kein neues PhĂ€nomen in der Russischen Föderation, aber jetzt ist es nach der vollstĂ€ndigen Invasion (in der Ukraine) zu einer konzertierten Strategie geworden", sagte die Bulgarin. "Ein Instrument, um den BĂŒrgerraum zu unterdrĂŒcken, um alle Kriegskritiker oder Dissidenten zum Schweigen zu bringen, die nicht einverstanden sind mit der Politik der russischen Behörden und ihrer sogenannten besonderen militĂ€rischen Operation."

Folter mit Methode

Seit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine 2022 habe sich Folter "als Instrument fĂŒr Repressionen zu Hause und im Ausland" ausgebreitet, hieß es weiter. Die Behörden mĂŒssten selten Rechenschaft ablegen, Straflosigkeit sei zum Alltag geworden. In Russland gebe es mindestens 1300 politische Gefangene - die Zahl könne aber auch bei 1700 oder höher liegen. Unter ihnen seien auch 30 Journalisten.

Zudem sind wohl auch Tausende Ukrainerinnen und Ukrainer nach Russland gebracht worden. "Sie verrotten in russischen GefĂ€ngnissen, werden ohne Kontakt zur Außenwelt festgehalten, gefoltert, Elektroschocks ausgesetzt - allem von Elektroschocks bis hin zu Vergewaltigung und sexueller Gewalt", so Katzarova.

Russland dulde die QuĂ€lerei von Gefangenen nicht nur, sondern nutze diese aktiv als Methode, "um GestĂ€ndnisse zu extrahieren, Dissens zu bestrafen und die Kontrolle aufrechtzuerhalten", hieß es in dem Bericht.

Schlimme Qualen mit unschuldigen Namen

Demnach bedienen sich Folterer einer Reihe grausamer Methoden, die teilweise unschuldige Namen haben, aber fĂŒr die Opfer mit grausamen Qualen verbunden sind. Unter dem Namen "Empfang" werden neue Gefangene brutal geschlagen und gedemĂŒtigt. Bei der Foltermethode "Taucher" wird das Ertrinken simuliert und der Kopf des Opfers in einem Eimer oder einer Toilette lange Zeit unter Wasser gehalten.

Auch werden HĂ€ftlinge mit dem Kopf nach unten an einer Decke aufgehĂ€ngt oder es wird ihre vermeintliche Hinrichtung inszeniert. Sexualisierte Gewalt wie die Vergewaltigung von Insassen mit Gummi-Schlagstöcken, Besenstielen oder Flaschen ist demnach ebenso weit verbreitet. Die Foltermethode mit dem Namen "Anruf bei Putin" beinhaltet Elektroschocks an sensiblen Körperstellen wie den Genitalien. Seinen Namen dĂŒrfte das Vorgehen deswegen haben, weil dabei manchmal ein modifiziertes militĂ€risches FeldmilitĂ€rtelefon benutzt werde.

Die Rolle Putins?

Russlands Staatschef Wladimir Putin beschuldigte die Sonderberichterstatterin dabei nicht direkt. "PrÀsident Putin ist eine Person, die die Regierung der Russischen Föderation leitet", sagte Katzarova. "Dann gibt es ein ganzes System. Die Justiz ist mit verstrickt. Die Gesetzgeber sind mit verstrickt."

Die UN-Expertin betonte, dass in Russland nicht mehr nur heimlich und versteckt in Hinterzimmern gefoltert werde. Der Terrorangriff auf das Moskauer Veranstaltungszentrum Crocus City Hall im MĂ€rz markiere einen Punkt: Die TatverdĂ€chtigen seien vor Gericht mit eindeutigen Folterspuren vorgefĂŒhrt worden, ohne dass der zustĂ€ndige Richter nach dem Gesundheitszustand der mutmaßlichen TĂ€ter gefragt habe.

@ dpa.de