100 Tage Handelsdeal: Wie Trump-Zölle die Wirtschaft treffen
04.11.2025 - 04:00:19Mit dem Deal wurde eine Eskalation im Zollstreit mit Donald Trump abgewendet: Am 27. Juli einigten sich EU-KommissionsprĂ€sidentin Ursula von der Leyen und der US-PrĂ€sident in Schottland auf ein Abkommen, das fĂŒr die meisten EU-Importe in die Vereinigten Staaten einen Basiszollsatz von 15 Prozent vorsieht.Â
Doch 100 Tage danach ist die EU gespalten und die Kritik der Wirtschaft groĂ an dem Abkommen, mit dem sich das Europaparlament und die Mitgliedsstaaten derzeit in einem ordentlichen EU-Gesetzgebungsverfahren befassen. Zu klein habe sich Europa vor Trump gemacht, etwa bei Einfuhrerleichterungen zugunsten vieler US-Produkte. WĂ€hrend Trump teils mit neuen Zöllen droht, sind die Folgen seiner Politik lĂ€ngst spĂŒrbar.Â
Absturz der Exporte
Zwar wĂ€chst die Wirtschaft in Europa leicht und hĂ€lt sich robuster als gedacht, doch gerade die exportstarke deutsche Wirtschaft steht unter Druck. Im August brachen die Ausfuhren in die USA um 20 Prozent zum Vorjahresmonat ein - der fĂŒnfte monatliche RĂŒckgang in Folge. Die neuen Zölle machten einst profitable GeschĂ€ftsmodelle weniger attraktiv, sagt der PrĂ€sident des AuĂenhandelsverbands BGA, Dirk Jandura. «Wir sehen bei einigen HĂ€ndlern eine Abkehr vom USA-GeschĂ€ft.» FĂŒr die Exportnation Deutschland, wo fast jeder vierte Job vom Export abhĂ€ngt, sind die Zölle eine BĂŒrde. Wie sie wichtige Branchen und Konsumenten treffen.
Autoindustrie
Eigentlich sollte die Autobranche gröĂter Profiteur des Deals sein. SchlieĂlich sanken die US-Zölle auf Autos aus Europa ab 1. August von 27,5 auf 15 Prozent, auch wenn es bis Ende September dauerte, bis das rĂŒckwirkend in Kraft trat. Wirklich zufrieden ist der Branchenverband VDA trotzdem nicht. Denn 15 Prozent sind das Sechsfache der 2,5 Prozent, die frĂŒher galten.Â
VDA-PrĂ€sidentin Hildegard MĂŒller sieht daher «weiterhin eine erhebliche Herausforderung fĂŒr die deutsche Automobilwirtschaft». Hinzu kĂ€men Belastungen durch die zusĂ€tzlichen Zölle auf eine Reihe von Stahl- und Aluminiumprodukten sowie zusĂ€tzliche Abgaben auf Nutzfahrzeuge, Busse und Teile. «Diese ab 1. November geltenden zusĂ€tzlichen Zölle werden europĂ€ische Nutzfahrzeughersteller hart treffen», warnt MĂŒller.
Zudem mĂŒssen sich Europas Autohersteller womöglich auf stĂ€rkere Konkurrenz aus den USA einstellen: Denn die EU muss im Gegenzug fĂŒr den niedrigeren Zollsatz US-Autos zollfrei nach Europa lassen. Bisher galten hier 10 Prozent Einfuhrzoll. Von der Senkung profitieren dĂŒrften aber auch deutsche Hersteller wie BMW, die in den USA auch SUVs fĂŒr den europĂ€ischen Markt produzieren.
Handel und Verbraucher
Im Einzelhandel sind dem Handelsverband Deutschland (HDE) zufolge bisher keine Preiserhöhungen wegen der US-Zölle zu beobachten. FĂŒr eine abschlieĂende Bewertung sei es aber zu frĂŒh, da der Deal auf EU-Ebene formal noch nicht umgesetzt sei, sagte HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer Stefan Genth. Erhöhte Abgaben auf US-Produkte seien derzeit ausgesetzt - gut fĂŒr Verbraucher.Â
Die Zölle drĂŒcken die Stimmung, beeinflussen das Konsumverhalten aber kaum, sagte Katharina Gangl, Direktorin des NĂŒrnberger Instituts fĂŒr Marktentscheidungen. Und Marktexperte Thomas Els von der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft sieht bei frischen Lebensmitteln noch keine Auswirkungen auf Preise oder Einkaufsverhalten.Â
BGA-PrĂ€sident Jandura kann sich vorstellen, dass einige Preise fĂŒr Verbraucher sogar sinken, falls bestimmte US-GĂŒter zollfrei in die EU eingefĂŒhrt werden dĂŒrfen. Dies hĂ€nge jedoch vom Ausgang der Verhandlungen ab.
Maschinenbau
Der Maschinenbauverband VDMA sieht sich beim Zollabkommen komplett ĂŒber den Tisch gezogen. Der Grund: Auf die 15 Prozent Basiszoll fĂŒr Maschinen schlagen die Amerikaner bei vielen Produkten noch 50 Prozent Extra-Zoll fĂŒr den enthaltenen Stahl- und Aluminiumanteil drauf. Diese Praxis soll dem VDMA zufolge ab Dezember auf weitere Produkte ausgeweitet werden. Zu den erhöhten, bis zur Einfuhr unklaren Endpreisen kommt noch eine komplexe Zoll-BĂŒrokratie mit umfangreichen Nachweispflichten etwa zur Herkunft des verarbeiteten Metalls. Die Branche rechnet angesichts des Zollkonflikts, wachsender Konkurrenz aus China und der SchwĂ€che bei ihren industriellen Abnehmern mehrheitlich mit sinkenden oder stagnierenden UmsĂ€tzen.Â
Pharma
US-Zölle sind das Thema in der Pharmaindustrie, die rund ein Viertel ihrer Exporte in die USA liefert. Dort sind die Arzneipreise viel höher als in Europa. In den USA dĂŒrften 2025 Pharmazeutika im Wert von rund 600 Milliarden Dollar (rund 519 Mrd Euro) verkauft werden und damit mehr als doppelt so viel wie in Europa, so der Branchenverband VFA. GroĂ sind daher die Sorgen vor US-Zöllen auf Arzneien aus der EU, fĂŒr die eine Obergrenze von 15 Prozent gelten soll. Noch profitiert die Pharmabranche vom Hin und Her im Handelsstreit: Dieses Jahr dĂŒrften Umsatz, Produktion und Investitionen um rund drei Prozent steigen - auch, weil aus Angst vor Zöllen Exporte in die USA vorgezogen wurden und umgelenkte Lieferungen in die ursprĂŒnglichen EmpfĂ€ngerlĂ€nder nun nachgeholt werden. 2026 erwartet der VFA schlechtere GeschĂ€fte.
Chemie
Hier ist der Zollstreit nur eine Sorge - neben teurer Energie, einer schwachen Nachfrage und einem weltweiten Ăberangebot an Basischemikalien. Von Januar bis August sank der Umsatz der Chemiebranche in Deutschland um 2,9 Prozent, auch im Ausland ging es bergab. «Besonders deutlich zeigte sich die Auftragsflaute in Nordamerika, wo neue US-Zölle den Absatz zusĂ€tzlich erschwerten», so der Branchenverband VCI. In die USA lieferte die Chemiebranche 2024 Erzeugnisse im Wert von 10,2 Milliarden Euro, ein Anteil von rund 8 Prozent. FĂŒr ihre GeschĂ€fte insgesamt ist die Chemiebranche verhalten. Die Produktion soll 2025 um zwei Prozent sinken. «Weder im Inlands- noch im AuslandsgeschĂ€ft zeichnet sich derzeit eine Trendwende ab.»
Sind Trumps Zölle ĂŒberhaupt rechtmĂ€Ăig?
Unterdessen hegt sich in den USA Widerstand gegen Trumps Zollpolitik, unter anderem hatte ein Dutzend Bundesstaaten dagegen geklagt. Mittlerweile liegen zwei zusammen behandelte Verfahren beim Obersten Gericht der Vereinigten Staaten, das die zentrale Frage klĂ€ren soll: Darf der PrĂ€sident auch Zölle erheben, wenn es im Grunde darum geht, im Notstand den Import zu regulieren? Unklar ist, welchen konkreten Einfluss der Ausgang des Prozesses auf die Handelsvereinbarung zwischen EU und USA haben könnte. Die nĂ€chste Anhörung vor dem Obersten US-Gericht ist fĂŒr den 5. November angesetzt.









