EU-Emissionshandel, Milliarden

EU-Emissionshandel: 100 Milliarden für Industrie-Dekarbonisierung

Veröffentlicht am: 20.07.2026 um 08:32 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Die EU-Kommission schlägt eine Verlangsamung der CO2-Zertifikatskürzungen und Milliardenhilfen für die Industrie vor. Umweltverbände kritisieren die Pläne scharf.

EU-Kommission plant grundlegende Reform des Emissionshandels
Grafische Darstellung fallender Emissionskurven vor einem Hintergrund stilisierter Industrieanlagen, die den Übergang zu sauberer Energie symbolisieren. Illustration mit AI erstellt übermittelt durch boerse-global.de

Der Vorschlag sieht niedrigere Reduktionsraten, mehr Zertifikate und Milliardenhilfen für die Industrie vor. Umweltverbände sprechen von einem „Geschenk an Großverschmutzer".

Weniger Tempo bei der CO2-Reduktion

Ein Kernpunkt der Reform: Die jährliche Kürzung der Emissionszertifikate soll verlangsamt werden. Von 2031 bis 2035 sinkt die Rate von 4,3 auf 3,7 Prozent. Für die Jahre 2036 bis 2040 ist sogar nur noch eine Reduktion um 1,7 Prozent geplant. Die Folge: Bis 2040 wären rund 38 Prozent mehr Zertifikate im Umlauf als bisher vorgesehen.

Auch die Marktstabilitätsreserve (MSR) wird angepasst. Die Kommission will die automatische Löschung von Zertifikaten stoppen. Die Absorptionsrate, mit der überschüssige Zertifikate vom Markt genommen werden, halbiert sich auf 12 Prozent. Um Preisspitzen abzufedern, sollen ab 2036 wieder internationale Gutschriften erlaubt sein – allerdings nur bis zu einem Anteil von 2 Prozent.

100 Milliarden für die Industrie

Die Kommission plant eine „Industrial Decarbonisation Bank" mit 100 Milliarden Euro Volumen. Hinzu kommt ein „Investment Booster" über 30 Milliarden Euro, finanziert durch den Verkauf von 400 Millionen Zertifikaten. Die Mitgliedstaaten müssen künftig mindestens 50 Prozent ihrer ETS-Einnahmen direkt in die Dekarbonisierung der Industrie stecken.

Für Unternehmen, die unter das CO2-Grenzausgleichssystem (CBAM) fallen, gibt es eine Verlängerung: Kostenlose Zertifikate bleiben bis 2038 erhalten. Eigentlich sollten sie früher auslaufen. In einer Übergangsphase können Firmen Zertifikate sogar vorab erhalten – wenn sie konkrete Investitionen in klimafreundliche Technologien nachweisen.

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Neue Sektoren und negative Emissionen

Der Emissionshandel wird ausgeweitet. Die Müllverbrennung soll zwischen 2031 und 2034 ins System integriert werden. Im Luftverkehr plant die Kommission, das ETS auf Flüge mit bis zu 5000 Kilometern Distanz auszuweiten.

Ein Novum: Die Kommission will 250 Millionen Zertifikate für zertifizierte CO2-Entnahmen bereitstellen. Unternehmen könnten damit technische Verfahren zur Kohlenstoffbindung nutzen, um ihre Emissionsbilanz auszugleichen. Der Start des separaten ETS2 für Gebäude und Verkehr verschiebt sich auf 2028.

Heftige Kritik von allen Seiten

Bundesumweltminister Carsten Schneider lobt den Vorschlag als „ausgewogene Balance" zwischen Klimaschutz und Wettbewerbsfähigkeit. Der Emissionshandel bleibe das zentrale Instrument, erhalte aber die nötige Flexibilität.

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Ganz anders sehen das Umweltorganisationen. CAN Europe spricht von einem „Geschenk an Großverschmutzer" und befürchtet eine Schwächung der Klimaziele. Branchenanalysten von Agora warnen vor einem Überangebot an Zertifikaten. Der CO2-Preis, zuletzt bei rund 80 Euro, könnte unter Druck geraten.

Auch die Luftfahrtbranche schlägt Alarm. Der internationale Verband IATA bezeichnet die Ausweitung auf längere Flugstrecken als „historischen Fehler". Das führe zu Doppelbelastungen und gefährde die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Airlines. Zehn EU-Mitgliedstaaten sollen bereits im Vorfeld Widerstand gegen Teile der Reformpläne signalisiert haben.

Seit seiner Einführung 2005 hat das ETS rund 270 Milliarden Euro Einnahmen generiert. Die Emissionen in den erfassten Sektoren haben sich etwa halbiert. Das übergeordnete Ziel bleibt: Klimaneutralität bis 2050.

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