EU-SouverÀnitÀt: Neues Gesetzespaket soll AbhÀngigkeit von USA und China reduzieren
04.06.2026 - 21:39:33 | boerse-global.de
Die EU-Kommission hat ein umfassendes Gesetzespaket vorgelegt, das Europas AbhĂ€ngigkeit von US-amerikanischer und chinesischer Technologie drastisch reduzieren soll. Das âEuropean Technological Sovereignty Package" umfasst vier zentrale Gesetzesvorhaben â von Cloud-Diensten ĂŒber Halbleiter bis zur Energie-Digitalisierung.
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Vier-Stufen-Sicherheit fĂŒr Cloud und KI
HerzstĂŒck des Pakets ist der Cloud and AI Development Act (CADA). Er fĂŒhrt ein vierstufiges Klassifizierungssystem fĂŒr Cloud-Dienste ein â das âCloud Cybersecurity Scheme for Trust" (CCSF). Der öffentliche Sektor soll kĂŒnftig bei sensiblen Daten bevorzugt europĂ€ische Anbieter wĂ€hlen.
Die höchste Sicherheitsstufe, Level 4, verlangt von Anbietern die vollstĂ€ndige operative Kontrolle innerhalb der EU. FĂŒr US-Konzerne ist diese Stufe praktisch unerreichbar. Grund: Das US-amerikanische Cloud Act erlaubt US-Behörden den Zugriff auf Daten unabhĂ€ngig vom Speicherort â ein unĂŒberbrĂŒckbarer Widerspruch zu den europĂ€ischen Anforderungen.
Bereits ab Level 2 wird das Training von KI-Modellen auĂerhalb der EU untersagt. Zudem ist ein europĂ€isches Cybersicherheitszertifikat Pflicht.
Hintergrund der VerschĂ€rfung: Anfang 2025 sorgte ein Vorfall fĂŒr Aufsehen, bei dem Richtern des Internationalen Strafgerichtshofs nach US-Sanktionen der Zugriff auf ihre Microsoft-Konten entzogen wurde. Das EU-Parlament hat bereits Konsequenzen gezogen und sucht intern nicht mehr ĂŒber Google, sondern nutzt die europĂ€ische Suchmaschine Qwant.
Chips Act 2.0: Vom Subventions- zum Nachfrageprogramm
Das Paket enthĂ€lt zudem den Chips Act 2.0 â die Fortschreibung des ersten Halbleitergesetzes von 2023. Dessen Bilanz kann sich sehen lassen: Rund 52 Milliarden Euro an Investitionen wurden ausgelöst, etwa 15.000 ArbeitsplĂ€tze entstanden. Ein Prestigeprojekt: die TSMC-Fabrik in Dresden.
Doch der globale Marktanteil der EU bei Halbleitern stagniert bei rund zehn Prozent. Das neue Gesetz soll diesen Anteil bis 2030 auf 20 Prozent verdoppeln.
Der entscheidende Unterschied zum VorgĂ€nger: Statt vor allem Subventionen zu verteilen, setzt der Chips Act 2.0 auf Nachfragestimulierung und privates Kapital. Genehmigungsverfahren werden beschleunigt, Halbleiterregionen erhalten ein Exzellenz-Siegel. Und fĂŒr Krisenzeiten gibt es Notfallregelungen: Bei globalen EngpĂ€ssen haben militĂ€rische und medizintechnische Anwendungen Vorrang.
Milliarden-Investitionen in Infrastruktur
Die Zahlen zur aktuellen AbhĂ€ngigkeit sind alarmierend: Rund 80 Prozent seiner digitalen Technologien bezieht die EU aus dem Ausland. Allein 2025 gab der Block ĂŒber 260 Milliarden Euro fĂŒr Software und digitale Dienste aus Drittstaaten aus.
EU-KommissionsprĂ€sidentin Ursula von der Leyen macht keinen Hehl aus der Dringlichkeit: âDiese AbhĂ€ngigkeit können wir uns nicht lĂ€nger leisten."
Die Lösung: Die EU will ihre Rechenzentrums-KapazitĂ€t in den nĂ€chsten fĂŒnf bis sieben Jahren verdreifachen. Von aktuell 12 Gigawatt auf 60 Gigawatt bis 2030. Die Kosten: geschĂ€tzte 200 Milliarden Euro.
Das Paket verknĂŒpft die Digitalisierung erstmals systematisch mit der Energiewende. Ein Fahrplan fĂŒr intelligente Stromnetze und ein Energie-Daten-Ăkosystem sollen den immensen Stromverbrauch groĂer KI-Modelle bewĂ€ltigen.
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Zwischen Begeisterung und Isolation-Sorge
Die Reaktionen fallen gemischt aus. Der Digitalverband Bitkom begrĂŒĂt die PlĂ€ne grundsĂ€tzlich und verweist auf eine Umfrage, wonach 99 Prozent der Deutschen digitale UnabhĂ€ngigkeit befĂŒrworten.
Doch die Computer & Communications Industry Association (CCIA) warnt vor einer gefĂ€hrlichen Abschottung des europĂ€ischen Marktes. Digitalminister Wildberger plĂ€diert fĂŒr einen Mittelweg: âSouverĂ€nitĂ€t ja, aber nicht um den Preis der totalen Isolation."
EuropĂ€ische IT-Unternehmen zeigen sich zudem besorgt ĂŒber das Tempo der Umstellung.
Das Gesetzespaket geht nun in den Trilog â das Vermittlungsverfahren zwischen Kommission, Parlament und Mitgliedstaaten. Eine endgĂŒltige Verabschiedung wird fĂŒr 2027 erwartet.
