Lagarde, Europa

Lagarde: Europa braucht dringend einheitlichen Kapitalmarkt

22.11.2024 - 09:49:18

Europa braucht viel Geld, um die Herausforderungen der nÀchsten Jahre zu bewÀltigen. Doch einen gemeinsamen Kapitalmarkt gibt es nicht. Nun setzen zunehmende Spannungen die EuropÀer unter Zugzwang.

  • Die EuropĂ€ische Zentralbank in Frankfurt: WĂ€hrungshĂŒter mahnen Fortschritte an. (Archivbild) - Foto: Boris Roessler/dpa

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  •  EZB-PrĂ€sidentin Christine Lagarde sieht einen Handlungsdruck in Europa. - Foto: Helmut Fricke/dpa

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Die EuropĂ€ische Zentralbank in Frankfurt: WĂ€hrungshĂŒter mahnen Fortschritte an. (Archivbild) - Foto: Boris Roessler/dpa EZB-PrĂ€sidentin Christine Lagarde sieht einen Handlungsdruck in Europa. - Foto: Helmut Fricke/dpa

EZB-PrĂ€sidentin Christine Lagarde dringt angesichts drohender Handelskonflikte auf Fortschritte beim Zusammenwachsen der Finanz- und KapitalmĂ€rkte in Europa. Die Kapitalmarktunion sei «der SchlĂŒssel, um in einer fragmentierten Weltwirtschaft widerstandsfĂ€higer zu werden», sagte die PrĂ€sidentin der EuropĂ€ischen Zentralbank (EZB) beim «Frankfurt European Banking Congress».

«Die KapitalmĂ€rkte sind das fehlende Bindeglied fĂŒr die EuropĂ€er, um ihre hohen Ersparnisse in grĂ¶ĂŸeren Wohlstand umzuwandeln - was sie letztendlich in die Lage versetzen wird, mehr auszugeben und unsere Binnennachfrage zu stĂ€rken», argumentierte Lagarde. Diese wachsende Dringlichkeit gehe jedoch nicht einher mit greifbaren Fortschritten auf dem Weg zur Kapitalmarktunion.

Bei der Kapitalmarktunion geht es im Kern darum, bĂŒrokratische HĂŒrden zwischen den einzelnen Staaten der EuropĂ€ischen Union abzubauen. Dann hĂ€tten zum Beispiel Unternehmen grenzĂŒbergreifend mehr Möglichkeiten, sich Geld fĂŒr Investitionen zu beschaffen. Seit 2015 liegen PlĂ€ne der EU-Kommission auf dem Tisch.

Bundesbank-PrÀsident fordert MentalitÀtswandel

Dass die FinanzmĂ€rkte in Europa bis heute zersplittert sind, liegt nach Ansicht von Bundesbank-PrĂ€sident Joachim Nagel «nicht zuletzt an der mangelnden Bereitschaft der Mitgliedstaaten, ihre nationalen Interessen der gemeinsamen Sache unterzuordnen». Der Bundesbank-PrĂ€sident mahnte: «Wir mĂŒssen diese MentalitĂ€t ĂŒberwinden und die unsichtbaren Mauern einreißen, die die Integration der FinanzmĂ€rkte behindern.» 

Nagel bekrĂ€ftigte, der Ausgang der US-Wahlen habe den Handlungsbedarf noch dringlicher gemacht. Der designierte US-PrĂ€sident Donald Trump hat neue Zölle von 10 bis 20 Prozent auf Einfuhren aus Europa angekĂŒndigt. Handelskonflikte mit den USA könnten die schwĂ€chelnde Konjunktur zusĂ€tzlich unter Druck setzen.

Deutschland und Frankreich als Motor

In einem gemeinsamen Appell fordern Nagel und der Chef der französischen Notenbank, François Villeroy de Galhau, dass Deutschland und Frankreich wie in frĂŒheren Krisen wieder an einem Strang ziehen. Die beiden LĂ€nder hĂ€tten trotz Meinungsverschiedenheiten immer wieder Kompromisse gesucht und Europa gemeinsam vorangebracht. 

«Wie wir uns mit einem klareren Blick fĂŒr das Dringliche weiterentwickeln mĂŒssen, lĂ€sst sich in drei Punkten zusammenfassen», schreiben Nagel und de Galhau in ihrem Beitrag, der in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» und in der französischen Tageszeitung «Le Monde» veröffentlicht wurde: «Vertiefung unseres Binnenmarktes, Schaffung einer Spar- und Investitionsunion und Abbau der BĂŒrokratie, um Innovationen zu fördern. Oder um es physiologisch auszudrĂŒcken: GrĂ¶ĂŸe × Kraft × Geschwindigkeit.»

Kapital wandert ab

Ziel der EU ist auch, dass mehr Kleinanleger an den hiesigen FinanzmĂ€rkten investieren, damit mehr Kapital fĂŒr den grĂŒnen und digitalen Wandel zur VerfĂŒgung steht. Europa mĂŒsse Sparerinnen und Sparern Produkte anbieten, die zugĂ€nglich, transparent und erschwinglich seien, meint EZB-PrĂ€sidentin Lagarde: «Meiner Meinung nach ist ein „europĂ€ischer Sparstandard“ - ein standardisiertes, EU-weites Paket von Sparprodukten - der beste Weg, um diese Ziele zu erreichen.»

Selbst wenn die Ersparnisse der EuropÀer die KapitalmÀrkte erreichten, breiteten sich diese nicht in der gesamten europÀischen Wirtschaft aus. «Das Kapital in Europa ist entweder innerhalb der nationalen Grenzen gefangen oder wandert in die Vereinigten Staaten ab», sagte Lagarde.

Bundesfinanzminister Jörg Kukies (SPD) bekrĂ€ftigte, Europa brauche «transparente, grenzĂŒberschreitende Anlageprodukte, die den BedĂŒrfnissen der Verbraucher entsprechen». Es brauche einen flexiblen europĂ€ischen Rahmen fĂŒr Investmentprodukte, der mit den verschiedenen nationalen Anlage- und Rentensystemen kompatibel sei. «Gemeinsam mit unseren französischen Kollegen werden Experten des Bundesfinanzministeriums das Konzept mit anderen Mitgliedstaaten und der Finanzindustrie diskutieren», sagte Kukies.

@ dpa.de