Macron will Angriffe auf Russland erlauben - Die Nacht im Ăberblick
29.05.2024 - 06:35:04"Wir denken, dass wir ihnen erlauben sollten, die MilitĂ€rstandorte, von denen aus die Raketen abgefeuert werden, und im Grunde genommen die militĂ€rischen Standorte, von denen aus die Ukraine angegriffen wird, zu neutralisieren", sagte Macron am Dienstag nach einem GesprĂ€ch mit Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) auf Schloss Meseberg bei Berlin. Er stellte jedoch klar: "Wir sollten nicht erlauben, andere Ziele in Russland zu treffen, zivile KapazitĂ€ten natĂŒrlich oder andere militĂ€rische Ziele."
Erstmals hat damit der Staatschef eines fĂŒhrenden Nato-Staats den Einsatz westlicher Waffen gegen Stellungen in Russland so deutlich in der Ăffentlichkeit befĂŒrwortet. Zuletzt hatte Nato-GeneralsekretĂ€r Jens Stoltenberg den Druck erhöht, bestehende BeschrĂ€nkungen aufzuheben.
Scholz Ă€uĂerte sich weniger klar als Macron zu der Frage, lieĂ aber durchblicken, dass er keine rechtlichen EinwĂ€nde gegen ein solches Vorgehen hĂ€tte. Die Ukraine habe völkerrechtlich alle Möglichkeiten fĂŒr das, was sie gegen die russischen Angreifer tue. "Sie ist angegriffen und darf sich verteidigen", sagte der Kanzler. FĂŒr die Nutzung der von den USA, Frankreich oder Deutschland gelieferten Waffen gebe es Regelungen, "die besagen, dass das sich immer im Rahmen des Völkerrechts bewegen muss. Das ist das, was wir vereinbart haben, das hat bisher praktisch gut funktioniert und wird es auch sicher."
Das Völkerrecht erlaubt es angegriffenen Staaten nach Ansicht von Experten, Aggressoren auch auf deren eigenem Territorium zu attackieren, um sich zu verteidigen. Woher die Waffen dafĂŒr stammen, ist dabei rechtlich gesehen nicht relevant.
Putin droht Europa mit Konsequenzen
Russlands PrĂ€sident Wladimir Putin drohte Europa mit "ernsten Folgen", sollte die Ukraine die gelieferten westlichen PrĂ€zisionswaffen mit groĂer Reichweite kĂŒnftig gegen russisches Staatsgebiet einsetzen dĂŒrfen. "Diese Vertreter der Nato, besonders in Europa und speziell in den kleinen LĂ€ndern, sollten sich darĂŒber im Klaren sein, womit sie spielen", sagte Putin am Dienstag in der usbekischen Hauptstadt Taschkent zum Abschluss seines Staatsbesuchs. Er deutete die Möglichkeit militĂ€rischer GegenschlĂ€ge an.
Putin hat vor mehr als zwei Jahren den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine begonnen, wirft dem Westen aber selbst fortwĂ€hrende Eskalation vor. Moderne Waffensysteme wie der Raketenkomplex ATACMS wĂŒrden nicht von ukrainischen Soldaten, sondern von hoch qualifizierten Nato-Spezialisten auf Basis von Daten aus der SatellitenaufklĂ€rung gelenkt, behauptete der Kremlchef. Die Waffen zielen bisher vor allem auf von Russland besetztes ukrainisches Gebiet.
Die Ukraine fordert die Erlaubnis der USA und anderer westlicher Staaten, schlagkrĂ€ftige Raketen mit gröĂerer Reichweite und Marschflugkörper fĂŒr Angriffe auf Russland zu nutzen, um den Gegner effektiver zu bekĂ€mpfen. Bisher nutzt Kiew fĂŒr diese Angriffe vor allem Drohnen und Raketen aus eigener Produktion. Bislang kann das russische MilitĂ€r praktisch ungestört Einheiten hinter der Grenze fĂŒr neue Angriffe auf ukrainisches Gebiet zusammenziehen oder von sicherer Stellung aus mit Flugzeugen grenznahe StĂ€dte wie Charkiw bombardieren.
Nach Darstellung Putins liefe eine solche Erlaubnis westlicher Staaten auf eine direkte Konfrontation Russlands mit dem Westen hinaus. Der 71-JĂ€hrige verwies in dem Zusammenhang einmal mehr auf die strategischen Atomwaffen Russlands. Schon mehrfach hat die russische FĂŒhrung seit Beginn des Kriegs mit den Nuklearwaffen gedroht, um den Westen von einer stĂ€rkeren UnterstĂŒtzung fĂŒr die Ukraine abzuhalten.
Plan zur französischen MilitÀrausbildung in der Ukraine in Arbeit
Macron wurde auch in einer anderen Frage recht deutlich, was die UnterstĂŒtzung der Ukraine angeht. Zur Frage einer möglichen Entsendung französischer MilitĂ€rausbilder in die Ukraine wolle er in der kommenden Woche einen Plan vorlegen - nĂ€mlich beim Besuch des ukrainischen PrĂ€sidenten Wolodymyr Selenskyj am 6. Juni in der Normandie zum Gedenken an die alliierte Landungsoperation im Zweiten Weltkrieg. Er werde sich zu diesem Zeitpunkt "sehr genau Ă€uĂern, um anzukĂŒndigen, was wir tun werden".
Bereits im Februar hatte Macron das Entsenden von Bodentruppen in die Ukraine ins Spiel gebracht und spÀter konkretisiert, dass damit keine Kampftruppen gemeint seien. Scholz hatte einem solchen Schritt eine klare Absage erteilt.
UnterstĂŒtzung fĂŒr die Ukraine aus Portugal und Tschechien
Portugal hat der Ukraine fĂŒr ihren Kampf gegen die russischen Angreifer fĂŒr dieses Jahr MilitĂ€rhilfe in Höhe von 126 Millionen Euro zugesichert. Das sei Teil des bilateralen Kooperations- und Sicherheitsabkommens, das er am Dienstag in Lissabon mit Selenskyj unterzeichnet habe, sagte der portugiesische MinisterprĂ€sident LuĂs Montenegro auf einer gemeinsamen Pressekonferenz. Das Abkommen habe eine zehnjĂ€hrige Laufzeit.
Ăhnliche - allerdings deutlich höher dotierte - Abkommen hatte Selenskyj am Montag mit Spanien und am Dienstag mit Belgien unterzeichnet. Inzwischen hat die Ukraine mehr als ein Dutzend solcher Abkommen geschlossen. LĂ€nder wie GroĂbritannien, Deutschland und Frankreich machten im Januar und Februar den Anfang. Russland tut die Vereinbarungen als unkonkrete symbolische Gesten ab.
Selenskyj: Brauchen Luftabwehr "wie Wasser in der WĂŒste"
Selenskyj bezeichnete die in dieser Woche mit den drei EU-LĂ€ndern unterzeichneten Abkommen hingegen als "sehr wichtig". Es gehe aber "nicht nur um Geld", betonte er in Lissabon. "Diese Zehn-Jahres-Abkommen bedeuten nicht, dass der Krieg noch zehn Jahre lang weitergehen wird. Es sind strategische Abkommen, die die Modernisierung und den Wiederaufbau der Ukraine sowie humanitĂ€re Hilfe umfassen." Aktuell benötige sein Land vor allem Hilfe bei der Luftabwehr, also Raketen, Drohnen und Informationssysteme. Das alles benötige die Ukraine so dringend "wie Wasser in der WĂŒste", sagte er.
Die Lage fĂŒr die ukrainischen Truppen an der Front gilt als schwierig. Eine tschechische Initiative machte Hoffnung auf baldigen Nachschub an Artilleriemunition. Die erste Lieferung soll im Juni eintreffen. Spitzenpolitiker aus fĂŒnf europĂ€ischen Nato-Staaten bekrĂ€ftigten bei einem Treffen mit dem ukrainischen MinisterprĂ€sidenten Denys Schmyhal in Prag ihre UnterstĂŒtzung. Hauptthema bei einem gemeinsamen Arbeitsessen am Dienstagabend war die tschechische Initiative zur Beschaffung von bis zu 800 000 Artilleriegranaten aus Staaten auĂerhalb der EU.
Die Ukraine könne in den nĂ€chsten Tagen mit einer ersten Lieferung rechnen, die aus Zehntausenden 155-Millimeter-Granaten bestehe, sagte der tschechische Regierungschef Petr Fiala. Insgesamt hĂ€tten inzwischen 15 EU- und Nato-Staaten rund 1,6 Milliarden Euro fĂŒr das Vorhaben zugesagt - darunter auch Deutschland.

