Israel erklĂ€rt einflussreichen Hamas-MilitĂ€rchef fĂŒr tot
01.08.2024 - 14:27:28(neu: Details)
GAZA/TEL AVIV (dpa-AFX) - Gut zwei Wochen nach einem massiven Luftangriff im Gazastreifen hat Israel den MilitĂ€rchef der islamistischen Terrororganisation Hamas, Mohammed Deif, offiziell fĂŒr tot erklĂ€rt. Auf der Basis von Geheimdienstinformationen könne der Tod Deifs bei dem Angriff bestĂ€tigt werden, hieĂ es in einer Mitteilung der Armee.
Deif gilt als einer der zentralen Drahtzieher des Terrorangriffs auf Israel vom 7. Oktober. Er war Chef der Kassam-Brigaden und Stellvertreter des Gaza-Chefs der Hamas, Jihia al-Sinwar. Die Hamas hat Deifs Tod bislang nicht bestÀtigt.
Der als "Phantom" bekannte Deif hatte zahlreiche Tötungsversuche Israels ĂŒber die Jahre ĂŒberlebt. Bei einem Luftangriff auf ein Haus im Gazastreifen gegen Ende des Gaza-Kriegs 2014 waren seine Ehefrau und sein kleiner Sohn ums Leben gekommen. Deif konnte entkommen.
Die Mitteilung der Armee erfolgt einen Tag nach der Tötung des Auslandschefs der Hamas, Ismail Hanija, in Teheran. Der Iran und die Hamas beschuldigen Israel, dafĂŒr verantwortlich zu sein. Israel hat sich nicht zu dem Vorwurf geĂ€uĂert und lediglich erklĂ€rt, jeder, der das Land angreife, werde einen hohen Preis zahlen.
Tausende bei Trauerzeremonie fĂŒr Hanija in Teheran
In der iranischen Hauptstadt Teheran nahmen Tausende Menschen an einer staatlich organisierten Trauerzeremonie fĂŒr Hanija teil. Anwesend war auch die gesamte politische Elite des Irans, unter anderem der oberste FĂŒhrer Ajatollah Chamenei und der neue PrĂ€sident Massud Peseschkian.
Die Nachricht von Hanijas Tötung folgte nur wenige Stunden nach einem israelischen Luftangriff auf einen Vorort der libanesischen Hauptstadt Beirut, bei dem laut israelischer Armee Fuad Schukr getötet wurde, ein ranghoher Hisbollah-Kommandeur. Israel reagierte damit auf den Tod von zwölf Kindern und Jugendlichen in einer drusischen Ortschaft auf den Golanhöhen, fĂŒr den sie Schukr verantwortlich machte. Die Hisbollah erklĂ€rte dagegen, sie habe mit dem Angriff nichts zu tun.
Israel nach Drohungen in erhöhter Alarmbereitschaft
In Erwartung möglicher VergeltungsschlĂ€ge des Irans und seiner VerbĂŒndeten ist die israelische Armee in höchste Alarmbereitschaft versetzt worden. Der israelische Rundfunk meldete, die Luftabwehr des Landes sei in maximaler Bereitschaft. Kampfjets patrouillieren demnach im Luftraum des Landes, und Bodentruppen an den Grenzen erhöhten ihre Gefechtsbereitschaft.
Ein Kriegsziel Israels erreicht
Zum Tod Deifs teilte die Armee mit, Kampfjets hĂ€tten am 13. Juli einen "prĂ€zisen, gezielten Schlag gegen eine Anlage ausgefĂŒhrt, in der sich Mohammed Deif und der Kommandeur der Chan-Junis-Brigade der Hamas, Rafa Salama, aufhielten". Bei dem Angriff kamen nach Angaben der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde 90 Menschen ums Leben, weitere 300 wurden verletzt.
Israel hatte sich zu einem Ziel seines Krieges im Gazastreifen gesetzt, den Hamas-Chef Sinwar und seinen Stellvertreter Deif gefangenzunehmen oder zu töten. Im MĂ€rz bestĂ€tigte die Armee bereits die Tötung des dritthöchsten Hamas-FĂŒhrers im Gazastreifen, Marwan Issa, bei einem Luftangriff. Im Januar kam der zweithöchste AnfĂŒhrer der Hamas im Ausland, Saleh al-Aruri, bei einer Explosion in Beirut ums Leben. Die Hisbollah gab Israel die Schuld am Tod des Vize-Leiters des PolitbĂŒros der Hamas.
"Dies ist ein wichtiger Meilenstein im Prozess der Zerschlagung der Hamas als militĂ€rische und regierende AutoritĂ€t im Gazastreifen und bei der Erreichung der Ziele dieses Krieges", schrieb Verteidigungsminister Joav Galant auf der Online-Plattform X zu Deifs Tod. Israel werde die Terroristen der Hamas verfolgen, bekrĂ€ftigte er. "Wir werden nicht ruhen, bis dieser Auftrag erfĂŒllt ist."
Deif und Sinwar gelten als maĂgebliche Drahtzieher des Massakers in Israel vom 7. Oktober vergangenen Jahres. Damals wurden rund 1200 Israelis getötet und rund 250 Menschen nach Gaza verschleppt. Der TerrorĂŒberfall war Auslöser des Krieges. Angesichts der hohen Zahl ziviler Opfer und der katastrophalen humanitĂ€ren Lage im Gazastreifen steht Israel international immer stĂ€rker in der Kritik.
Nach EinschĂ€tzung des israelischen Politik-Professors Jonathan Rynhold hat Israel die militĂ€rischen Ziele der intensiven Kriegsphase fast erreicht. "Die Hamas ist als konventionelle militĂ€rische Kraft praktisch gebrochen und kann keine neuen Waffenlieferungen erhalten", sagte er. Die Tötung der FĂŒhrungsmitglieder diene der Abschreckung.
Die Strategie der Hamas-FĂŒhrung sei es gewesen, "schwere zivile Verluste in Kauf zu nehmen als ein Mittel, internationalen Druck auf Israel zu erzeugen, den Krieg zu stoppen und gleichzeitig Israels Ruf und LegitimitĂ€t zu schaden", sagte Rynhold. Er rechne zwar vorerst mit einer Fortsetzung des Krieges, "aber mit einer deutlich geringeren IntensitĂ€t". Das wichtigste Ziel, die Freilassung der israelischen Geiseln, sei bis jetzt nicht erreicht.
Geiseln seit 300 Tagen in Gefangenschaft
Der israelische PrĂ€sident Izchak Herzog rief Staats- und Regierungschefs in aller Welt dazu auf, "sich fĂŒr die Freilassung der Geiseln einzusetzen, die seit 300 Tagen in Gefangenschaft sind". Herzog sagte: "Jede Sekunde jeder Minute jeder Stunde dieser 300 Tage ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit."
Beobachter sehen nach Hanijas Tod wenig Chancen fĂŒr einen Durchbruch bei den indirekten Verhandlungen ĂŒber die Freilassung der Geiseln. Diese stockten ohnehin, nachdem der israelische MinisterprĂ€sident Benjamin Netanjahu Berichten zufolge seine Positionen verhĂ€rtet hatte. Die Hamas hat nach israelischer ZĂ€hlung noch 115 Geiseln in ihrer Gewalt, von denen aber viele nicht mehr am Leben sein dĂŒrften/edr/DP/ngu

