Gefahrstofftage, Regeln

Gefahrstofftage: Neue Regeln und wachsende Belastung fĂŒr Feuerwehren

13.05.2026 - 23:00:14 | boerse-global.de

Die Essener Gefahrstofftage fordern mehr Schutz vor Asbest und strengere EU-Chemikalienregeln. Brandenburg reformiert das Feuerwehrgesetz.

Gefahrstofftage: Neue Regeln und wachsende Belastung fĂŒr Feuerwehren - Foto: ĂŒber boerse-global.de
Gefahrstofftage: Neue Regeln und wachsende Belastung fĂŒr Feuerwehren - Foto: ĂŒber boerse-global.de

Die 15. Essener Gefahrstofftage endeten mit klaren Botschaften: Der Umgang mit gefĂ€hrlichen Stoffen wird komplexer, wĂ€hrend die EinsatzkrĂ€fte unter wachsendem Druck stehen. Rund 25 Prozent aller GebĂ€ude aus der Zeit vor 1995 enthalten noch immer Asbest – eine tickende Zeitbombe fĂŒr Feuerwehren und Sanierer.

Die Asbest-Last im GebÀudebestand

Die Bau-BG, der UnfallversicherungstrÀger der Bauwirtschaft, schlug auf der Konferenz Alarm. Jedes vierte GebÀude, das vor 1995 errichtet wurde, birgt Asbest-Risiken.

FĂŒr Feuerwehren bedeutet das: Bei jedem Einsatz in Ă€lteren GebĂ€uden mĂŒssen sie mit versteckten Gefahren rechnen. Die Sanierung dieser Altlasten wird zur Daueraufgabe fĂŒr die nĂ€chsten Jahre.

EuropĂ€ische Chemikalienpolitik auf dem PrĂŒfstand

Die Industrie steht vor einem grundlegenden Wandel. Vertreter von BASF und des Verbands der Chemischen Industrie (VCI) diskutierten in Essen die neuen technischen Regeln fĂŒr Gefahrstoffe. Im Fokus standen die Biozid-Verordnung und die anstehenden Arbeiten des Ausschusses fĂŒr Gefahrstoffe (AGS) fĂŒr den Zeitraum 2026 bis 2029.

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) nutzte die Konferenz, um auf das 20-jĂ€hrige JubilĂ€um der REACH-Verordnung zu blicken. Zwei Jahrzehnte europĂ€ische Chemikalienkontrolle – Zeit fĂŒr eine Bilanz.

Auf europĂ€ischer Ebene gibt es Bewegung: Das EuropĂ€ische Parlament hat das „Chemicals Omnibus VI“-Paket verabschiedet. Ziel ist eine Vereinfachung der CLP-Verordnung (Einstufung, Kennzeichnung und Verpackung von Stoffen), ohne die Schutzstandards zu senken. Alexis Van Maercke, Generaldirektor von A.I.S.E., dem europĂ€ischen Verband der Wasch- und Pflegemittelindustrie, begrĂŒĂŸte den Schritt: „Das ist ein positives Signal fĂŒr Vereinfachung und Sicherheit zugleich.“

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Feuerwehren im Dauereinsatz: Von BrÀnden bis Giftfunden

WĂ€hrend die Industrie ĂŒber langfristige Regulierungen diskutiert, kĂ€mpfen die EinsatzkrĂ€fte mit der akuten Belastung. Allein in den vergangenen Tagen rĂŒckten Feuerwehren in Nordrhein-Westfalen zu zahlreichen EinsĂ€tzen aus. Ein Kaminbrand in Detmold-Mosebeck, ein Fahrzeugbrand auf der A57 bei Alpen und ein Kellerbrand in Recklinghausen – die Liste der Alarmierungen ist lang.

Besonders schwer: Ein Verkehrsunfall auf der B64 in Paderborn, bei dem sieben Fahrzeuge beteiligt waren und drei Menschen verletzt wurden. Die Einsatzdichte zeigt: Die Feuerwehren in NRW arbeiten am Limit.

Ein Großeinsatz am 10. Mai in Bruchhausen-Vilsen verdeutlichte die besonderen Risiken. In einer Goldschmiede wurden Kaliumcyanid, FlusssĂ€ure und SchwefelsĂ€ure entdeckt. Rund 100 EinsatzkrĂ€fte rĂŒckten an. Zwar stellten Experten spĂ€ter fest, dass keine akute Gefahr fĂŒr die Bevölkerung bestand, doch der Fall zeigte: Der Umgang mit hochgiftigen Substanzen erfordert enormen logistischen Aufwand.

Brandenburg reformiert Brandschutzgesetz

Die Politik reagiert auf die Überlastung der Freiwilligen Feuerwehren. Brandenburgs Landeskabinett hat am 12. Mai den Entwurf fĂŒr ein neues Feuerwehr- und Katastrophenschutzgesetz verabschiedet. Kern der Reform: Betriebsfeuerwehren sollen kĂŒnftig offiziell die Freiwilligen Feuerwehren unterstĂŒtzen können.

Innenminister Jan Redmann erklĂ€rte den Hintergrund: „Viele Ehrenamtliche pendeln heute zu ihrem Arbeitsplatz außerhalb ihrer Heimatgemeinde. Die Reform trĂ€gt dieser RealitĂ€t Rechnung.“ Die Betriebsfeuerwehren großer Unternehmen sollen so zu einem festen Bestandteil der Sicherheitsarchitektur werden.

Digitaler Produktpass: Transparenz fĂŒr die Lieferkette

Die Digitalisierung hĂ€lt auch in der Gefahrstoff-Überwachung Einzug. Die EU-Ökodesign-Verordnung (ESPR) macht den Digitalen Produktpass (DPP) zur Pflicht. Ab Februar 2027 mĂŒssen Batterien damit ausgestattet sein, bis 2030 folgen Textilien, Möbel und Bauprodukte.

Experten von T-Systems erlĂ€uterten in Essen, wie der Pass funktioniert: Er erfasst Herkunft, CO?-Fußabdruck und RecyclingfĂ€higkeit eines Produkts – und das ĂŒber die gesamte Lieferkette bis zum kleinsten Zulieferer.

Strengere Vorschriften fĂŒr Löschmittel und Brandschutz

Seit 2022 mĂŒssen Feuerlöscher im gewerblichen Bereich PFAS-frei sein. Die persistenten Umweltgifte sollen so aus dem Kreislauf verschwinden. In der Gastronomie sind spezielle F-Klasse-Löscher fĂŒr FettbrĂ€nde Pflicht – Wasser auf brennendes Öl wĂ€re lebensgefĂ€hrlich.

Die Pflichten fĂŒr Unternehmen wachsen: Betriebe mit mehr als 20 Mitarbeitern mĂŒssen mindestens fĂŒnf Prozent ihres Personals zu zertifizierten Brandschutzhelfern ausbilden lassen.

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Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen bleibt die Industrie ein Risikofaktor. Das Umweltbundesamt (UBA) registrierte fĂŒr 2024 insgesamt 29 schwere IndustrieunfĂ€lle. Professor Dr. Karsten Wilke mahnte: „Die Störfallverordnung muss praxisnĂ€her angewendet werden. Wir brauchen robuste Sicherheitsmanagementsysteme, nicht nur Papiervorschriften.“

Nachwuchs: Hoffnung fĂŒr die Feuerwehren

Die Zukunft der Feuerwehren steht und fĂ€llt mit dem Nachwuchs. Die Deutsche Jugendfeuerwehr (DJF) meldet fĂŒr 2025 einen Mitgliederbestand von 380.441 Kindern und Jugendlichen – ein Plus von 6,11 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Über 86.000 davon sind MĂ€dchen.

Entscheidend: Mehr als 33.600 Jugendliche wechselten 2025 von der Jugendfeuerwehr in den aktiven Dienst. Ein Lichtblick fĂŒr die vielen Wehren, die unter Personalmangel leiden.

Die Belastung der Ehrenamtlichen bleibt jedoch enorm. Rund 127.000 Freiwillige investierten 2025 ĂŒber 4,5 Millionen Stunden in den Feuerwehrdienst. Diese Einsatzbereitschaft ist das RĂŒckgrat des deutschen Zivilschutzes – aber sie fordert ihren Tribut, auch von den Arbeitgebern der Ehrenamtlichen.

Spielzeug-Sicherheit: Strengere Regeln fĂŒr PFAS

Auch Verbraucherprodukte stehen im Fokus der Sicherheitsbehörden. Im Dezember 2025 trat die neue EU-Spielzeugverordnung in Kraft. Sie verschĂ€rft die Regeln fĂŒr PFAS und hormonell wirksame Stoffe.

Die MarktĂŒberwachung bleibt eine Herausforderung, besonders im Online-Handel. Das EU-Schnellwarnsystem Safety Gate meldete 2025 insgesamt 747 Warnungen zu unsicheren Spielzeugen. Rund die HĂ€lfte der FĂ€lle betraf chemische Gefahren. DEKRA warnt: Die Übergangsfrist fĂŒr die neue Verordnung lĂ€uft bis 2030 – bis dahin mĂŒssen Behörden und Verbraucher wachsam bleiben.

Ausblick: Mehr Daten, mehr Integration

Die nÀchsten Essener Gefahrstofftage sind bereits terminiert: Am 1. und 2. Juni 2027 wird die Branche die ersten Auswirkungen des Chemicals Omnibus VI-Pakets und die Fortschritte beim Digitalen Produktpass bewerten.

Bis dahin stehen die Zeichen auf Wandel. Die Fristen fĂŒr den PFAS-Ausstieg und die CO?-Bilanzierung rĂŒcken nĂ€her. Anbieter wie die DEKRA-Akademie und das VDI Wissensforum erweitern ihre Qualifikationsprogramme fĂŒr GefĂ€hrdungsbeurteilungen und die Umsetzung der Störfallverordnung.

Die Modernisierung der AusrĂŒstung schreitet voran: Ältere chemische Löschmittel werden durch umweltfreundlichere Alternativen ersetzt. Die Koordination zwischen Industrie und EinsatzkrĂ€ften bleibt der entscheidende Faktor fĂŒr die Sicherheitsinfrastruktur des Landes.

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