Arbeitsmarkt, Mittelstand

TrĂŒgerische Ruhe - warum der Mittelstand gerade eine wichtige Phase ungenutzt lĂ€sst

15.12.2025 - 15:06:54

Göttingen - Steigende Bewerbungszahlen und der RĂŒckzug großer Konzerne sorgen in vielen mittelstĂ€ndischen Unternehmen fĂŒr Entspannung. Doch hinter der scheinbaren Ruhe verbergen sich strukturelle Verschiebungen. Wer diese Phase nicht nutzt, riskiert, in den kommenden Jahren an WettbewerbsfĂ€higkeit zu verlieren.

Ein Moment der Entspannung und seine Kehrseite

In den Personalabteilungen vieler mittelstĂ€ndischer Unternehmen macht sich derzeit vorsichtige Erleichterung breit. Nach Monaten angespannter ArbeitsmĂ€rkte steigen die Bewerbungszahlen in einigen Regionen wieder leicht an. Gleichzeitig kĂŒndigen große Konzerne Einstellungsstopps, Umstrukturierungen oder Stellenabbau an. Was lange wie ein permanenter Kampf um jede Bewerbung wirkte, scheint sich zu entspannen.

Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch ein differenzierteres Bild. Zwar nimmt die Zahl der Bewerbungen zu, die Eignung der Bewerbenden bleibt jedoch hĂ€ufig gering. Nach einer Analyse des Instituts fĂŒr Arbeitsmarkt- und Berufsforschung lag der Anteil der von kleinen und mittleren Unternehmen als passend bewerteten Bewerbungen zuletzt bei unter 30 Prozent, trotz regional steigender Bewerberzahlen.

Personalverantwortliche berichten zudem von Bewerbungsunterlagen, die wenig Engagement erkennen lassen. LebenslĂ€ufe wirken hĂ€ufig schematisch, GesprĂ€che zeigen, dass sich viele Bewerbende kaum mit dem Unternehmen auseinandergesetzt haben. Hinzu kommen teils hohe Erwartungen an VergĂŒtung und Arbeitsbedingungen, die in keinem VerhĂ€ltnis zur Vorbereitung oder Eignung stehen.

„Der Markt ist komplexer, als viele Unternehmen ihn derzeit wahrnehmen", sagt Heiko Weiland, GeschĂ€ftsfĂŒhrer der auf Arbeitgeberentwicklung spezialisierten Vertriebskiste Consulting GmbH. „Viele Bewerbende wechseln aktuell aus Mangel an Alternativen, nicht aus Überzeugung. Unternehmen, die als Arbeitgeber nicht klar positioniert sind, ihre Kultur nicht sichtbar machen und keine verlĂ€sslichen Perspektiven bieten, sehen deshalb hĂ€ufiger kurzfristige Wechsel als langfristige Bindung."

Wenn ZurĂŒckhaltung als Entlastung missverstanden wird

Parallel zur leichten Belebung des Bewerbermarkts beobachten viele GeschĂ€ftsfĂŒhrer, dass auch die Sichtbarkeit großer Arbeitgeber derzeit abnimmt. Konzerne wie Bosch, VW oder Bayer melden Stellenabbau, Restrukturierungen und InvestitionszurĂŒckhaltung. FĂŒr manche mittelstĂ€ndische Betriebe entsteht daraus der Eindruck, der Wettbewerbsdruck lasse nach.

TatsĂ€chlich verlagern viele Großunternehmen ihre AktivitĂ€ten derzeit nach innen. WĂ€hrend sie nach außen weniger prĂ€sent sind, modernisieren sie interne Strukturen, digitalisieren Prozesse und bereiten sich auf verĂ€nderte Marktbedingungen vor. Investitionen in neue Technologie, Employer Branding und KI-gestĂŒtzte ArbeitsablĂ€ufe laufen hĂ€ufig im Hintergrund.

„Solche Phasen werden von Konzernen gezielt genutzt, um sich auf die nĂ€chste Marktphase vorzubereiten", sagt Weiland. „Wenn sie wieder aktiver werden, tun sie das meist mit höherer Effizienz und einer stĂ€rkeren PrĂ€senz."

Strukturelle EngpÀsse in den Personalabteilungen

Im Mittelstand zeigt sich der strukturelle RĂŒckstand besonders deutlich in den Personalabteilungen. Die dort Verantwortlichen arbeiten mit hohem Engagement, stoßen jedoch hĂ€ufig an systemische Grenzen. Viele Prozesse sind historisch gewachsen, wenig integriert und oft stark von manueller Arbeit geprĂ€gt.

Zwar nutzen nach einer Erhebung des Digitalverbands Bitkom rund 58 Prozent der mittelstÀndischen Unternehmen digitale Recruiting-Tools. Allerdings geben nur 19 Prozent an, den Bewerbungsprozess ganzheitlich digital abzubilden. Bewerbermanagementsysteme dienen hÀufig primÀr der Ausschreibung von Stellen, wÀhrend interne Abstimmungen, Kommunikation und Onboarding weiterhin fragmentiert ablaufen.

„In vielen Unternehmen existieren mehrere Einzellösungen parallel, ohne dass sie aufeinander abgestimmt sind", sagt Weiland. „In der Praxis zeigt sich dann, dass unter anderem Onboarding-Checklisten ausgedruckt oder Arbeitszeugnisse von FĂŒhrungskrĂ€ften in Word-Dokumenten vorbereitet werden. Das bindet KapazitĂ€ten und erhöht die Belastung in den HR-Teams."

KI verÀndert Erwartungen auch im Recruiting

Hinzu kommt die wachsende Bedeutung kĂŒnstlicher Intelligenz. WĂ€hrend große Unternehmen KI bereits produktiv in verschiedenen HR-Bereichen einsetzen, zeigt sich der Mittelstand hĂ€ufig zurĂŒckhaltend. Einzelne Anwendungen werden getestet, eine strategische Einbettung in bestehende Prozesse bleibt jedoch oft aus.

Laut einer PwC-Studie aus dem Jahr 2024 nutzen rund zwei Drittel der DAX-Unternehmen KI in mindestens einem HR-Anwendungsfeld. Im Mittelstand liegt der Anteil bei etwa 20 Prozent, meist im Pilotstadium.

FĂŒr Unternehmen bedeutet der gezielte Einsatz von KI vorwiegend eines: Entlastung. Administrative Aufgaben können reduziert werden, AblĂ€ufe beschleunigen und KapazitĂ€ten in den HR-Teams freisetzen. Dadurch entsteht Raum fĂŒr qualitative Arbeit - fĂŒr intensive GesprĂ€che, eine gezieltere Auswahl und persönliche Begleitung im gesamten Bewerbungsprozess.

Gleichzeitig wirkt der technologische Reifegrad auch nach außen. FĂŒr Bewerbende wird im Bewerbungsprozess schnell sichtbar, wie strukturiert, verbindlich und zeitgemĂ€ĂŸ ein Unternehmen arbeitet. Reaktionsgeschwindigkeit, Klarheit in der Kommunikation und konsistente AblĂ€ufe beeinflussen, wie attraktiv und innovationsfĂ€hig ein Arbeitgeber wahrgenommen wird. Entscheidend ist dabei nicht der Einsatz einzelner Tools, sondern das Zusammenspiel funktionierender Prozesse.

„KI ersetzt keine Menschen", sagt Weiland. „Sie verĂ€ndert, wie Arbeit organisiert wird. Administrative Aufgaben können reduziert werden, AblĂ€ufe werden stabiler und Personalressourcen können dort eingesetzt werden, wo sie Wert schaffen. FĂŒr viele Unternehmen wird Personal damit nicht lĂ€nger zum Engpass, sondern zu einem Faktor, der weiteres Wachstum ermöglicht."

Eine Phase mit begrenztem Handlungsspielraum

Die eigentliche Herausforderung fĂŒr den Mittelstand liegt weniger im aktuellen Bewerbermarkt als in der besonderen Konstellation, die sich derzeit ergibt. Politische Unsicherheit, wirtschaftlicher Druck und regulatorische Anforderungen zwingen große Unternehmen dazu, sich neu aufzustellen. Investitionen werden ĂŒberprĂŒft, Budgets priorisiert, Strukturen angepasst.

FĂŒr kleine und mittlere Unternehmen entsteht dadurch ein Zeitfenster. Sichtbarkeit lĂ€sst sich aktuell mit vergleichsweise geringem Aufwand aufbauen, Aufmerksamkeit ist verfĂŒgbar, und qualifizierte FachkrĂ€fte kommen neu auf den Markt. Gleichzeitig ist der Wettbewerb um diese Talente vorĂŒbergehend weniger intensiv als in den vergangenen Jahren.

„Großunternehmen sind derzeit stark mit internen Umstrukturierungen beschĂ€ftigt", sagt Heiko Weiland. „Das verĂ€ndert die Spielregeln. MittelstĂ€ndische Unternehmen können jetzt sichtbarer werden, Reichweite aufbauen und Menschen erreichen, die sonst kaum wechselbereit wĂ€ren. Dieses Zeitfenster ist nicht geplant und es wird sich wieder schließen. Wer es nutzt, verschafft sich einen Vorsprung. Wer abwartet, trifft spĂ€ter auf deutlich stĂ€rkeren Wettbewerb."

Dann geht es nicht mehr um die Zahl der Bewerbungen, sondern um die AnschlussfÀhigkeit an den Markt.

Über den Experten

Heiko Weiland ist GrĂŒnder und GeschĂ€ftsfĂŒhrer des Beratungsunternehmens VertriebskisteÂź Consulting GmbH. Mit seinem Team unterstĂŒtzt er Mittelstandsunternehmen in der DACH-Region beim Aufbau starker Arbeitgebermarken, digitaler Recruitingprozesse, KI-basierter ArbeitsablĂ€ufe und zukunftsfĂ€higer FĂŒhrungskultur.

Pressekontakt:

Vertriebskiste Consulting GmbH
www.vertriebskiste.de

Nadine Weiland
[email protected]

Original-Content von: Vertriebskiste Consulting GmbH ĂŒbermittelt durch news aktuell

http://ots.de/5e4c3b

@ presseportal.de