ROUNDUP, Heftiger

Heftiger Machtkampf um Polens Verfassungsgericht entbrannt

Veröffentlicht am: 31.10.2026 um 16:35 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
In Polen hat sich der Konflikt zwischen der Mitte-Links-Regierung und dem rechtskonservativen Lager um StaatsprÀsident Karol Nawrocki um das Verfassungsgericht zugespitzt.

Auch am Samstag versammelten sich Hunderte Demonstranten vor dem Sitz des Gerichtshofs in Warschau. Die Polizei sichert das GebÀude weiterhin ab.

Die EinsatzkrÀfte hatten das GebÀude am Abend abgeriegelt, nachdem sich Demonstranten Zutritt auf das GelÀnde verschaffen wollten. Aufgrund der Geschehnisse hatte PrÀsident Nawrocki seine Reise nach Senegal am Freitag abgebrochen und sich inmitten des Tumults in der Nacht den Weg ins Verfassungsgericht gebahnt.

Die Demonstranten warfen MinisterprÀsident Donald Tusk und dessen Regierung einen Angriff auf die Verfassung und Justiz des Landes vor und skandierten Parolen wie: "Stellt die Regierung vor's Gericht" und "Lang lebe der PrÀsident". Die Organisatoren erwarteten die Ankunft von weiteren Demonstranten aus mehreren Landesteilen.

Ausgelöst wurde die Krise durch eine Bekanntmachung auf der Webseite des Verfassungsgerichts. Dort hieß es, der GerichtsprĂ€sident und sein Stellvertreter seien von ihren Funktionen entbunden worden - und eine neu nominierte Richterin ĂŒbernehme geschĂ€ftsfĂŒhrend die Leitung. Doch der eigentliche Konflikt dahinter wurzelt tiefer.

Worum geht es bei diesem Streit?

Im Gezerre um das Verfassungsgericht stehen sich die zwei großen politischen Lager des Landes unversöhnlich gegenĂŒber: Auf der einen Seite Tusks proeuropĂ€ische BĂŒrgerkoalition und ihre BĂŒndnispartner, auf der anderen Seite die rechtskonservative Oppositionspartei PiS und der ihr nahestehende PrĂ€sident Nawrocki.

Die PiS, die das Land von 2015 bis 2023 regierte, hat das Gericht mit ihr politisch nahestehenden Richtern besetzt. Der EuropĂ€ische Gerichtshof stellte damals fest, das polnische Verfassungsgericht könne aufgrund gravierender MĂ€ngel bei der Ernennung seiner Richter und damaligen PrĂ€sidentin unter Ägide der PiS nicht als unabhĂ€ngig und unparteiisch angesehen werden.

Nach Übernahme der RegierungsgeschĂ€fte 2023 machte es sich Tusk zum Ziel, die umstrittenen Neuerungen der PiS im Justizwesen rĂŒckgĂ€ngig zu machen. Doch Nawrocki sperrte sich in den vergangenen Monaten dagegen, fĂŒnf vom Parlament nominierte Verfassungsrichter zu vereidigen. Als diese ihren Amtseid stattdessen vor dem Parlament ablegten, verweigerte ihnen der noch zu PiS-Zeiten nominierte GerichtsprĂ€sident Bogdan Swieczkowski den Zugang zum GebĂ€ude.

Was wollen die Demonstranten vor dem Gericht?

Vor dem Sitz des Verfassungsgerichts demonstrierten AnhĂ€nger der oppositionellen PiS und rechtsradikaler Parteien. Sie sehen die Ablösung des bisherigen GerichtsprĂ€sidenten als unrechtmĂ€ĂŸig an - und werfen der Regierung genau das vor, was vorher der PiS vorgeworfen wurde: Dass sie sich die Justiz zum Untertan gemacht habe. Viele Demonstranten machten aber auch einfach ihrer Abneigung gegen Polens Regierungschef Luft und folgten anti-deutschen Narrativen der PiS. So skandierten sie: "Tusk nach Berlin!" und "Hier ist Polen!". Hintergrund: Polens Rechte stellte Tusk gern als Marionette der Bundesregierung dar.

Die Details im Machtkampf um das Verfassungsgericht scheinen fĂŒr viele Protestierende nebensĂ€chlich. "Man muss das Vaterland verteidigen! Die wollen schließlich das Verfassungsgericht abschaffen", sagte eine Ă€ltere Frau. Und der Rentner Jerzy (65) befĂŒrchtet: "Die Regierung wird bald alle oppositionellen Parteien verbieten." Freilich hatte die PiS wĂ€hrend ihrer Regierungszeit selbst alles dafĂŒr getan, staatliche Institutionen, das Justizwesen und die Medien des Landes auf ihre Linie zu zwingen.

Warum eskaliert die Lage genau jetzt?

Ins Rollen kamen die jĂŒngsten Geschehnisse durch die AnkĂŒndigung der Richterin Anna Korwin-Piotrowska, der bisherige GerichtsprĂ€sident Swieczkowski und sein Stellvertreter seien abgelöst und sie selbst werde die Leitung kommissarisch ĂŒbernehmen. Swieczkowski wollte das nicht akzeptieren und sprach von einem Staatsstreich.

Korwin-Piotrowska gehört zu den fĂŒnf Verfassungsrichtern, die Nawrocki nicht vereidigen wollte. Offenbar haben sowohl Tusks Regierung als auch die von ihr nominierten Verfassungsrichter genug davon, dass die politische Rechte alles blockiert. Bereits im Mai hatte der EuropĂ€ische Gerichtshof fĂŒr Menschenrechte entschieden, dass die neu nominierten Richter ihre Arbeit aufnehmen sollen.

Korwin-Piotrowska erklĂ€rte nun im Sender TVP, Swieczkowski habe das Gericht handlungsunfĂ€hig gemacht, indem er die neuen Richter nicht zugelassen habe. Als DienstĂ€lteste habe sie daher fĂŒr den 3. November eine Sitzung aller Verfassungsrichter einberufen.

Was sagt Regierungschef Tusk zur Lage?

Tusk betonte in einer Stellungnahme auf X, es sei die Pflicht seiner Regierung, die Rechtsstaatlichkeit in Polen wiederherzustellen. "Nach Jahren der Rechtslosigkeit unter der PiS-Regierung ist dies ein schwieriger, manchmal schmerzhafter Prozess, der entschlossenes Handeln erfordert. Es gibt keinen anderen Weg."

Droht jetzt eine Staatskrise?

Der Dauerclinch zwischen dem frĂŒheren Amateurboxer Nawrocki und Regierungschef Tusk treibt nicht nur Polens gespaltene Gesellschaft noch weiter auseinander, sondern hat das Land auch politisch geschwĂ€cht. Polen hat in der EU und Nato eigentlich als wichtiger politischer und militĂ€rischer VerbĂŒndeter der von Russland angegriffenen Ukraine an Bedeutung gewonnen, kann dieses Potenzial auf der internationalen BĂŒhne aber nicht voll nutzen, da es nicht mit einer Stimme spricht.

Kritiker werfen Nawrocki und der PiS vor, die Auseinandersetzung bewusst zu eskalieren und das Land in eine Staatskrise zu treiben, da dies vor allem der Regierung schade. Denn im kommenden Jahr sind Parlamentswahlen - und die WĂ€hler könnten das Chaos ums Verfassungsgericht und die damit verbundene Destabilisierung des StaatsgefĂŒges vor allem Tusk zur Last legen.

Justizminister Waldemar Zurek bezeichnete die Tatsache, dass der PrĂ€sident des Landes in das GebĂ€ude des Verfassungsgerichts eingedrungen sei, als beunruhigendes Verhalten. "Es ist inakzeptabel, dass jemand, der durch die prĂ€sidiale ImmunitĂ€t geschĂŒtzt ist, sich auf diese Weise verhĂ€lt", sagte Zurek dem Sender TVN 24. "FĂŒr mich ist das ein skandalöses Verhalten - die Situation dazu zu nutzen, die Emotionen auf der Straße noch anzuheizen."

Der PiS dĂŒrfte es nĂŒtzen, wenn sie hĂ€rtere Bandagen aufzieht. So kann sie möglicherweise mehr WĂ€hler vom rechtsradikalen Spektrum fĂŒr sich gewinnen. Dort ist Nawrocki mit seiner rabiaten Art sehr populĂ€r. Und anders als Tusk hat er viel Zeit: Seine Amtszeit lĂ€uft noch bis 2030.

Wie geht es jetzt weiter?

PrĂ€sident Nawrocki begann am Samstag GesprĂ€che mit Vertretern von im Parlament vertretenen Parteien, "um die politische Lage zu stabilisieren und die verfassungsmĂ€ĂŸige Ordnung wiederherzustellen". Als Erster erschien Verteidigungsminister Wladyslaw Kosiniak-Kamysz im PrĂ€sidentenpalast. Er ist Chef der christlich-konservativen PSL, die Teil der Koalition von Regierungschef Tusk ist. Am Nachmittag erschien auch PiS-Chef Jaroslaw Kaczynski im PrĂ€sidentenpalast. Nach bislang unbestĂ€tigten Informationen des Sender TVP will Tusks Partei nicht an den GesprĂ€chen teilnehmen.

Die neu nominierte Verfassungsrichterin Korwin-Piotrowksa, die Nawrocki nicht vereidigen wollte, hat fĂŒr den 3. November eine Sitzung aller Verfassungsrichter einberufen.

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