WDH / ROUNDUP: Merz will bei Trump nicht als 'Bittsteller' auftreten
01.06.2025 - 15:48:40(Im 1. Satz des 2. Absatzes wurde die Dopplung "im Mittelpunkt" am Ende gestrichen.)
BERLIN (dpa-AFX) - Wie kommt Bundeskanzler Friedrich Merz mit US-PrĂ€sident Donald Trump zurecht? Finden die beiden einen guten Draht zueinander, oder kommt es zur Konfrontation? Am kommenden Donnerstag wird es Antworten auf diese Fragen geben. Merz wird dann zu seinem Antrittsbesuch bei Trump im WeiĂen Haus erwartet.
Im Mittelpunkt dĂŒrften die BemĂŒhungen um ein Ende des Ukraine-Kriegs, die Reaktion der Nato auf die wachsenden Bedrohungen von auĂen und der Zollstreit zwischen den USA und der EU stehen. Merz hat bereits klargemacht, dass er nicht als "Bittsteller" nach Washington reist und die europĂ€ischen Positionen dort selbstbewusst vertreten wird. Konkrete Ergebnisse sind bei dem ersten Kennenlernen aber eher unwahrscheinlich.
Wie lÀuft der Besuch ab?
Merz wird keine 24 Stunden in Washington sein. Er bricht am Mittwochabend nach einem Abendessen mit den MinisterprÀsidenten der LÀnder in Berlin auf. Beim Treffen mit den LÀnderchefs nach der MinisterprÀsidentenkonferenz am Donnerstag lÀsst er sich von Kanzleramtschef Thorsten Frei vertreten. Man muss eben PrioritÀten setzen.
In der Nacht zum Donnerstag wird Merz nach Mitternacht in Washington erwartet und dann im GĂ€stehaus des PrĂ€sidenten ĂŒbernachten, was im Umfeld des Kanzlers als besondere Ehre gewertet wird. In dem gegenĂŒber vom WeiĂen Haus gelegen Blair House haben in den vergangenen gut 80 Jahren viele Dutzend Staats- und Regierungschefs vom französischen PrĂ€sidenten Charles de Gaulle bis zur britischen Queen Elisabeth II genĂ€chtigt.
Am Donnerstag ist dann am spĂ€ten Vormittag ein GesprĂ€ch mit Trump unter vier Augen und ein anschlieĂendes Mittagessen geplant. Zum Abschluss soll es eine Pressebegegnung geben. Ob die improvisiert im Oval Office - dem BĂŒro des PrĂ€sidenten - stattfindet, oder ob es eine Pressekonferenz gibt, ist noch offen.
Wie gut kennen die beiden sich schon?
Die beiden sind sich erst ein Mal vor vielen Jahren flĂŒchtig in New York begegnet. Seit dem Amtsantritt von Merz vor vier Wochen haben sie aber schon vier Mal telefoniert - ein Mal zu zweit und danach drei Mal in gröĂerer Runde mit mehreren anderen europĂ€ischen Staats- und Regierungschefs zum Ukraine-Krieg.
Merz hat inzwischen die Handy-Nummer des US-PrĂ€sidenten und tauscht sich mit ihm per SMS aus. Seit dem jĂŒngsten Telefonat sprechen sich die beiden auch mit den Vornamen Friedrich und Donald an.
Wie verlief das erste GesprÀch zu zweit?
Merz hat darĂŒber vor wenigen Tagen beim WDR-Europaforum ĂŒberraschend offen gesprochen. "Wenn man mit ihm alleine spricht, das ist halt Small Talk", erzĂ€hlte er. "Und wichtig ist immer, dass man nicht so lange redet, sondern dass man kurz redet und ihn auch reden lĂ€sst."
Jedes "zweite bis dritte Wort" des US-PrĂ€sidenten sei "great" gewesen, und es sei in dem GesprĂ€ch "sehr viel um Trump" gegangen. Die Small-Talk-Themen waren die US-Metropole Chicago, fĂŒr die beide ein Faible haben, und der US-amerikanischen Papst Leo XIV. Merz lud Trump auch zu einem Besuch in der Heimat seiner Vorfahren vĂ€terlicherseits ein, die aus dem kleinen Winzerdorf Kallstadt an der WeinstraĂe in der Pfalz stammen.
Wie will Merz im WeiĂen Haus auftreten?
Zugewandt aber selbstbewusst. "Man muss sich auf ihn einstellen und auf ihn einlassen. Und gleichzeitig darf man sich nicht kleiner machen, als wir sind", sagte er beim WDR-Europaforum. "Wir sind da keine Bittsteller."
Wen hat Trump schon im WeiĂen Haus empfangen?
Seit seinem Amtsantritt im Januar waren schon zahlreiche Staats- und Regierungschefs bei ihm, darunter Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron, der britische Premierminister Keir Starmer und Italiens MinisterprĂ€sidentin Giorgia Meloni. Besonders in Erinnerung geblieben sind aber zwei Besuche: Der ukrainische PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj und der sĂŒdafrikanische PrĂ€sident Cyril Ramaphosa wurden vom US-PrĂ€sidenten im Oval Office vor laufenden Kameras regelrecht vorgefĂŒhrt.
Wie reagiert Merz darauf?
Gelassen. "Ich brauche keinen Baldrian, um ruhig zu bleiben und mit dem amerikanischen PrĂ€sidenten ein vernĂŒnftiges GesprĂ€ch zu fĂŒhren", sagte er kĂŒrzlich im ZDF. Der Kanzler bereitet sich aber intensiv auf den Termin vor. Von mehreren Staats- und Regierungschefs, die bereits bei Trump waren, hat er sich RatschlĂ€ge geben lassen, unter anderem von Selenskyj, Ramaphosa, Meloni, dem norwegischen MinisterprĂ€sidenten Jonas Gahr StĂžre und dem finnischen PrĂ€sidenten Alexander Stubb.
Was ist das Top-Thema des Besuchs?
An Nummer eins dĂŒrften die BemĂŒhungen um ein Ende des Krieges in der Ukraine stehen. Merz hat sich dabei unter den EuropĂ€ern mit an die Spitze gesetzt, zeigte sich zuletzt aber frustriert ĂŒber mangelnde Fortschritte. In Washington wird er bei Trump darum kĂ€mpfen, den Druck auf den russischen PrĂ€sidenten Wladimir Putin zu erhöhen, um ihn zu einer Waffenruhe zu bewegen. Die EuropĂ€er bereiten dazu ein weiteres Sanktionspaket in dem Bewusstsein vor, dass sie Putin nur zusammen mit den Amerikanern wirklich beeindrucken können.
Wo steht Trump derzeit in Sachen Ukraine?
Trump sagte am Mittwoch, innerhalb der nĂ€chsten zwei Wochen werde sich zeigen, ob Putin "uns an der Nase herumfĂŒhrt" oder nicht. "Und wenn er es tut, werden wir ein wenig anders reagieren." Von neuen Sanktionen gegen Russland halte ihn nur die Tatsache ab, "dass ich, wenn ich glaube, dass ich kurz vor einem Deal stehe, das nicht vermasseln möchte." Noch vor dem Treffen von Merz und Trump ist am Montag eine weitere russisch-ukrainische GesprĂ€chsrunde in Istanbul angesetzt, die Aufschluss darĂŒber geben könnte, ob eine AnnĂ€herung zwischen beiden Seiten möglich ist.
Welches Thema steht noch ganz oben auf der Agenda?
Eine Lösung im Zollstreit mit den USA. DarĂŒber verhandelt aber die EU-Kommission mit den USA. Merz wird sich da nicht in die Details einschalten, kann aber als Chef des wirtschaftsstĂ€rksten europĂ€ischen Landes Vertrauen schaffen und Impulse setzen. FĂŒr die von Trump ursprĂŒnglich zum 1. Juni angedrohten Zölle von 50 Prozent gibt es nun eine Frist bis zum 9. Juli.
Was wird mit Blick auf den Nato-Gipfel besprochen?
Ende Juni kommen die Staats- und Regierungschefs des VerteidigungsbĂŒndnisses in BrĂŒssel zusammen und werden unter anderem ĂŒber ihre Verteidigungsausgaben reden. Trump hat von den BĂŒndnispartnern fĂŒnf Prozent des Bruttoinlandsprodukts gefordert. Nato-GeneralsekretĂ€r Mark Rutte hat darauf mit einer Kompromissformel reagiert: 3,5 Prozent fĂŒr das MilitĂ€r und 1,5 Prozent fĂŒr Infrastruktur wie StraĂen oder HĂ€fen, die fĂŒr die Verteidigung relevant sein können. Merz hat sich diesem Vorschlag angeschlossen und ist Trump damit schon einen groĂen Schritt entgegengekommen.
Was könnte sonst noch zur Sprache kommen?
Zu einem Thema hat sich Merz in den vergangenen Wochen verĂ€rgert gezeigt. Die Attacken von US-VizeprĂ€sident JD Vance, der den europĂ€ischen VerbĂŒndeten auf der MĂŒnchner Sicherheitskonferenz eine GefĂ€hrdung der Demokratie vorgeworfen hat, findet er "ĂŒbergriffig". Und Kritik aus der US-Regierung an der Einstufung der AfD durch den Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch hat er sich verbeten. "Das ist unsere Sache. DarĂŒber entscheiden wir und nicht eine amerikanische Regierung."

