Gas gegen Strom im Winter
19.10.2023 - 09:26:56Gibst du mir Strom, geb ich dir Gas - der vergangene Krisenwinter hatte Deutschland und Frankreich aus Sorge vor EngpĂ€ssen bei der Energieversorgung zusammenrĂŒcken lassen. Beide LĂ€nder sicherten sich Hilfe zur Abwehr von Blackouts und ausgekĂŒhlten Wohnungen zu.
Das Atomstromland Frankreich importierte ElektrizitĂ€t aus Deutschland, weil viele seiner AKW zur Wartung vom Netz waren. AuĂerdem rĂŒstete es eine Leitung zum Export von Gas nach Deutschland her, das wegfallende russische Gasmengen kompensieren musste. Sind beide LĂ€nder in diesem Winter erneut auf SolidaritĂ€t in Sachen Strom und Gas angewiesen?
Auch wenn beide EnergietrĂ€ger tagtĂ€glich ĂŒber die Grenzen flieĂen, um eine optimale Versorgung zu gewĂ€hrleisten, sicherten sich Frankreich und Deutschland vor knapp einem Jahr in einer gemeinsamen ErklĂ€rung zur EnergiesolidaritĂ€t einen Hilfsmechanismus zu. Ob man auf diesen wieder zurĂŒckgreifen muss - da sind sich alle Experten einig - hĂ€ngt auch vom Wetter ab.
Milde Temperaturen verhinderten im vergangenen Winter letztlich EngpÀsse, auch aber der Umstand, dass Deutsche und Franzosen den Appellen zum Energiesparen folgten. Seitdem haben beide LÀnder im Eiltempo in eine verbesserte Versorgung investiert und sehen dem Winter entspannter entgegen als vor einem Jahr.
Risse in Rohrleitungen
In Frankreich ist die Mehrzahl der 56 Atomkraftwerke wieder am Netz, auch wenn zu Korrosionsproblemen noch Risse in Rohrleitungen hinzukamen. Wie eine Sprecherin des Stromkonzerns EDF der dpa sagte, werde im laufenden Jahr eine Stromproduktion von 300 bis 330 Terawattstunden und 2024 von 315 bis 345 Terawattstunden angestrebt. 2022 war die Produktion auf 279 Terawattstunden und damit den niedrigsten Wert seit 30 Jahren gesunken. Schon im Sommer ging der Stromnetzbetreiber RTE von einer sichereren Versorgungslage im Winter aus. Neben der besseren VerfĂŒgbarkeit der AKW seien auch die Stauseen gut gefĂŒllt, mit denen Strom gewonnen wird.
Neues FlĂŒssiggasterminal in Le Havre
Entspannt Ă€uĂerte sich vor wenigen Tagen auch der Netzbetreiber GRTgaz. Das französische Gassystem sei in der Lage, den Verbrauch zu decken und die Gastransporte in die NachbarlĂ€nder zu gewĂ€hrleisten, unabhĂ€ngig von der IntensitĂ€t des Winters. Nötig seien jedoch nachhaltige FlĂŒssiggas-Importe sowie eine Sparsamkeit wie im letzten Winter. Der Prognose liege der derzeit hohe FĂŒllstand der Speicher von 95 Prozent zugrunde sowie die Inbetriebnahme eines neuen FlĂŒssiggasterminals in Le Havre im laufenden Monat. Eng werden könnte es bei der Gasversorgung allerdings, wenn es in der zweiten HĂ€lfte des Winters zu einem KĂ€lteeinbruch kommt.
Deutschland investierte, um Ersatz fĂŒr wegfallendes russisches Gas herbeischaffen zu können, in drei schwimmende Terminals zum Import von FlĂŒssiggas, ein weiteres soll noch im Winter in Betrieb gehen. «Wir sind unter dem Strich gut vorbereitet, durch die LNG-Terminals und die Sparsamkeit der Bevölkerung», sagte der Sprecher des Fernleitungsnetzbetreibers Open Grid Europe (OGE), Niko Bosnjak. «Wir sind vorsichtig optimistisch, dass wir gut durch den Winter kommen, am Ende hĂ€ngt es auch vom Wetter ab.»
Wie die Bundesnetzagentur mitteilte, sei die Ausgangssituation zu Beginn der Heizperiode mit Blick auf die SpeicherfĂŒllstĂ€nde und die Bezugsquellen fĂŒr Erdgas deutlich besser als im vergangenen Herbst. FĂŒr eine vollstĂ€ndige Entwarnung sei es aber zu frĂŒh. Eine sehr kalte Wetterlage, bei der der Gasverbrauch stark ansteigt, könnte die Versorgungslage beeinflussen. Auch gebe es die Gefahr ausbleibender russischer Gaslieferungen an sĂŒdosteuropĂ€ischen Staaten, die dann ĂŒber Deutschland mitversorgt werden mĂŒssten. Denkbar seien auch Szenarien des teilweisen oder vollstĂ€ndigen Ausfalls von Erdgasleitungen.
Versorgungsreserve verlÀngert
Bei der Stromerzeugung könnten in Deutschland zur Sicherung der Energieversorgung im Winter wieder Braunkohlekraftwerke in den Strommarkt zurĂŒckkehren. Das Kabinett billigte Anfang Oktober eine befristete VerlĂ€ngerung der sogenannten Versorgungsreserve. Die Reserve wird reaktiviert, um Gas in der Stromerzeugung einzusparen und dadurch VersorgungsengpĂ€ssen mit Gas in der Heizperiode vorzubeugen. Aus Sicht der Bundesnetzagentur gibt es bei der Stromversorgung derzeit keine AuffĂ€lligkeiten, Analysen zeigten, dass die Netzsicherheit im kommenden Winter gewĂ€hrleistet sei.
Wohl kaum eine Rolle spielen dĂŒrfte im anstehenden Winter die einzige Ferngasleitung zwischen Deutschland und Frankreich, die bei Gersheim-Medelsheim im Saarland die Grenze quert und im letzten Jahr als Symbol der deutsch-französischen Kooperation im Fokus der Ăffentlichkeit stand. Die Leitung werde immer wieder sporadisch genutzt, meinte OGE-Sprecher Bosnjak, die Gasmengen aber seien sehr ĂŒberschaubar.


