Mehr Windkraft-Leistung auf See: Aber weniger Stromerzeugung
30.01.2024 - 15:43:41
Der Ausbau von Windenergie-Anlagen in deutschen GewĂ€ssern hat im vergangenen Jahr etwas angezogen. Insgesamt sind derzeit 1566 WindrĂ€der mit einer Gesamtleistung von 8,5 Gigawatt (GW) in Betrieb, wie das Beratungsunternehmen Deutsche Windguard in einem vorgestellten Bericht schreibt. Damit stieg die installierte Leistung um etwa fĂŒnf Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Allerdings lĂ€sst sich diese KapazitĂ€t nicht komplett nutzen.
Grund seien fehlende NetzkapazitĂ€ten an Land, erlĂ€uterte Projektmanagerin Merle Heyken. So wurden im vergangenen Jahr 23,5 Terawattstunden eingespeist und damit 4,9 Prozent weniger als im Vorjahr. Das Bundesamt fĂŒr Seeschifffahrt und Hydrographie geht von Verzögerungen von bis zu zwei Jahren bei Anschlussleitungen fĂŒr geplante Windparks aus. Netzbetreiber sprechen von LieferengpĂ€ssen bei wichtigen Bauteilen.
Bis 2030 soll Deutschland nach Zielen der Bundesregierung mindestens 30 GW Energie jĂ€hrlich durch Offshore-Windparks erzeugen, bis 2035 mindestens 40 GW und bis 2045 mindestens 70 GW. Das Ziel fĂŒr 2030 könne erreicht werden, heiĂt es in dem Bericht, wenn man Projekte einbeziehe, die zum Jahreswechsel in Betrieb, Bau und Vorbereitung waren. DafĂŒr mĂŒsste es aber erheblich schneller gehen. Um das Ziel fĂŒr 2030 zu erreichen, mĂŒssten bis dahin Anlagen mit einer KapazitĂ€t von durchschnittlich 3,1 GW im Jahr in Betrieb gehen. Um die Ausbauziele fĂŒr 2035 und 2040 zu schaffen, mĂŒssten indes weitere FlĂ€chen fĂŒr Windkraft ausgewiesen werden.
Personal, FlÀchen, Klagen
Generell warnt die Branche vor einer Vielzahl von EngpĂ€ssen. Der GeschĂ€ftsfĂŒhrer des Energieanlagenbau-Verbands VDMA Power Systems, Dennis Rendschmidt, sprach von einem steigendem Personalbedarf fĂŒr den Bau und die Wartung der Anlagen, aber auch bei HĂ€fen, Schiffen und Fertigung. Jens Assheuer, Vorstandsvorsitzender des Windindustrie- und Wasserstoffverbands WAB, sagte, es gebe einen Bedarf von zusĂ€tzlich 200 Hektar an HafenflĂ€chen, wo Kabel, Turbinen und andere Teile fĂŒr Windparks gelagert und verschifft werden könnten. Der Bau oder Ausbau von HĂ€fen mĂŒssten wie andere fĂŒr die Energiewende nötige Projekte gesetzlich als von ĂŒberragendem öffentlichen Interesse ausgewiesen werden, um Klagemöglichkeiten etwa von UmweltverbĂ€nden einzuschrĂ€nken. «Dann ist der Klageweg deutlich kĂŒrzer und deutlich schneller, und dann kann auch so ein Hafen eher gebaut werden.»
Kritik gab es auch am Vergabeverfahren fĂŒr Offshore-WindflĂ€chen. Im vergangenen Jahr hatte die Bundesnetzagentur erstmals Gebiete versteigert und damit Milliardenerlöse erzielt, die nun zum GroĂteil in die Finanzierung des Netzausbaus flieĂen sollen. Das wiederum soll Stromkunden bei den Kosten zugute kommen. Rendschmidt kritisierte das Verfahren: Das Geld fehle in der gesamten Lieferkette und treibe kĂŒnftige Stromkosten insbesondere fĂŒr die Industrie nach oben. Assheuer betonte, das Geld mĂŒsse wieder verdient werden. «Der Strompreis wird vermutlich nach oben gehen mĂŒssen, weil ja diese Summen, die geboten worden sind, wieder erzielt werden mĂŒssen.» Er plĂ€dierte dafĂŒr, einen Teil der Erlöse fĂŒr den Bau dringend benötigter HafenflĂ€chen zur VerfĂŒgung zu stellen.
Die Höhe der Gebote bei FlĂ€chenauktionen mĂŒsse gedeckelt werden, und Kriterien jenseits der Kosten etwa zur Auszubildendenquote mĂŒssten prĂ€zisiert werden, weil sie ein Hemmnis fĂŒr die Branche darstellten, verlangten mehrere BranchenverbĂ€nde in einer gemeinsamen Mitteilung.
Schwerpunkt Nordsee
Die meisten Offshore-Windparks stehen laut Deutscher Windguard mindestens 40 Kilometer von der KĂŒste entfernt in Wassertiefen ab 20 Metern. KĂŒnftige Projekte wĂŒrden in immer weiter von der KĂŒste entfernten Gebieten geplant. Neue WindrĂ€der werden immer gröĂer: Derzeit wird mit einem Rotordurchmesser bis zu 236 Metern und Nabenhöhen bis zu 145 Metern geplant.
Bei der Leistung entfĂ€llt der ĂŒberwiegende Teil von 7,1 GW auf die Nordsee. 1,4 GW werden in der Ostsee erzeugt. Die meisten Windparks liefern ihren Strom ĂŒber Anschlussleitungen ans niedersĂ€chsische Festland. Die ĂŒbrigen Nordsee-Windparks sind in Schleswig-Holstein angeschlossen.

