Richtungsweisende Wahl in Georgien: Wohin strebt das Land?
26.10.2024 - 06:35:32Die Abstimmung gilt als richtungsweisend fĂŒr die Zukunft des Landes. Möglich ist eine AnnĂ€herung an die EU oder mehr Zusammenarbeit mit Russland. Rund 3,5 Millionen Menschen sind zur Wahl aufgerufen. Die SĂŒdkaukasusrepublik ist EU-Beitrittskandidat, wegen umstrittener Gesetze liegt der Prozess derzeit aber auf Eis.
Die prowestliche Opposition hat sich in vier WahlbĂŒndnissen zusammengetan, bleibt aber zerstritten. Einig sind sie sich nur darĂŒber, dass das Land einen europĂ€ischen Kurs einschlagen soll. Die seit 2012 regierende Partei Georgischer Traum will an der Macht bleiben. Umfragen in dem traditionell polarisierten Land erbrachten teils widersprĂŒchliche Ergebnisse und sind nach Meinung von Fachleuten unzuverlĂ€ssig. Deshalb haben vor allem auch Nichtregierungsorganisationen viele Beobachter im Einsatz, um die Abstimmung zu kontrollieren. Wahlrechtsexperten haben schon einen Missbrauch staatlicher Ressourcen durch die Regierungspartei beklagt.
Die proeuropĂ€ische PrĂ€sidentin Salome Surabischwili hat eine Reformagenda, die Georgische Charta, initiiert. GroĂe Teile der Opposition haben sie unterzeichnet. Demnach soll die Opposition bei einem Wahlsieg eine "technische Regierung" bilden, die Reformen umsetzt und das Land wieder auf einen europĂ€ischen Kurs bringt. In einem Jahr soll es dann vorgezogene Neuwahlen geben. Weil die Opposition zerstritten ist, gibt es Zweifel im Land, ob dieser Plan gelingt.
Regierungspartei schĂŒrt KriegsĂ€ngste bei Sieg der Opposition
Der vom MilliardĂ€r Bidsina Iwanischwili gegrĂŒndete Georgische Traum verspricht WĂ€hlern StabilitĂ€t und Frieden. Die Partei steht fĂŒr einen nationalkonservativen Kurs und eine wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Russland. Iwanischwili hat sein Geld dort im Banken- und Rohstoffsektor gemacht und besaĂ auch lange einen russischen Pass. Seine Partei schĂŒrt Ăngste vor einem Krieg mit dem groĂen Nachbarn im Norden, sollte die Opposition gewinnen.
Iwanischwili macht die Partei des inhaftierten Ex-PrĂ€sidenten Michail Saakaschwili, Vereinte Nationale Bewegung, fĂŒr den Krieg mit Russland 2008 verantwortlich. Moskau erkannte danach die abtrĂŒnnigen georgischen Gebiete Abchasien und SĂŒdossetien als unabhĂ€ngige Staaten an. So verlor Georgien 20 Prozent seines Staatsgebiets. Die Vereinte Nationale Bewegung regierte bis 2012 und ist nun die gröĂte Oppositionspartei. Iwanischwili kĂŒndigte mehrfach an, sie verbieten zu wollen, sollte der Georgische Traum bei der Wahl eine Zweidrittelmehrheit im Parlament erlangen.
Die EU wirft der georgischen Regierung einen antieuropÀischen Kurs vor. Das Land am Schwarzen Meer ist zwar seit Ende 2023 EU-Beitrittskandidat, der Prozess liegt wegen der Verabschiedung umstrittener Gesetze aber auf Eis. Die Regierung hatte ein Gesetz nach russischem Muster durchgesetzt, das den angeblichen auslÀndischen Einfluss auf die Zivilgesellschaft beschneiden soll. Auch die Rechte sexueller Minderheiten hat sie eingeschrÀnkt.
Kundgebungen vor der Wahl
Das Land ist gespalten. Knapp eine Woche vor der Wahl demonstrierten Zehntausende in der Hauptstadt Tiflis (Tbilissi) fĂŒr eine AnnĂ€herung an die EU. Wenige Tage spĂ€ter waren ebenfalls Zehntausende bei einer Kundgebung der Regierungspartei in Tiflis. Die Partei hatte dabei Busse organisiert, mit denen viele Menschen aus teils weit entfernten Regionen Georgiens in die Hauptstadt gefahren wurden.
Elektronische AuszÀhlung
Neu sind bei dieser Parlamentswahl elektronische GerĂ€te in den Wahllokalen. Sie werden zur Identifizierung der Wahlberechtigten, zur AuszĂ€hlung der Stimmen und zur Feststellung und Ăbermittlung der vorlĂ€ufigen Wahlergebnisse eingesetzt. Die Wahlkommission erklĂ€rte mehrfach, dass die GerĂ€te nicht mit dem Internet verbunden seien und das Wahlgeheimnis gewahrt werde.
Georgien hat rund 3,7 Millionen Einwohner, mit den im Ausland lebenden BĂŒrgern sind 3,5 Millionen Menschen wahlberechtigt. Die Wahllokale sind von 8.00 bis 20.00 Uhr geöffnet (6.00 bis 18.00 Uhr MESZ). AussagekrĂ€ftige Ergebnisse werden am spĂ€ten Samstagabend erwartet. Nach der Abstimmung will auch die Organisation fĂŒr Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), die mit 500 Wahlbeobachtern im Einsatz ist, den Urnengang nach demokratischen Gesichtspunkten beurteilen.

