Messe Eurobike: Es geht um mehr als Freizeit
28.06.2024 - 07:53:12Wenn am kommenden Mittwoch die Fahrrad-Leitmesse Eurobike in Frankfurt ihre Tore öffnet, geht es um mehr als um FreizeitspaĂ. Das Fahrrad, da sind sich die zum Begleitkongress versammelten Experten sicher, kann auch einen groĂen Teil der Verkehrsprobleme in den StĂ€dten lösen und die CO2-Probleme des Verkehrssektors in Luft auflösen.Â
Eine Vielzahl von technischen Neuerungen werden vom 3. bis zum 7. Juli zunĂ€chst den Fachleuten und dann am Wochenende auch dem breiten Publikum prĂ€sentiert. In schwierigen wirtschaftlichen Zeiten gibt es unter anderem verfeinerte Elektro-Antriebe zu sehen und auf den verlĂ€ngerten Probeparcours zu erfahren, ebenso wie wendige Neukonstruktionen bei LastenfahrrĂ€dern oder digitale Lösungen fĂŒr die kleinen Probleme des Radlerlebens.
Die Frankfurter Messe kommt zu einer fĂŒr die Branche schwierigen Zeit. Nach dem ausgelaufenen Corona-Boom war der deutsche Markt schon 2023 von einem deutlichen Ăberangebot an RĂ€dern geprĂ€gt, das bei schwacher Konjunktur nicht auf eine ausreichende Nachfrage getroffen ist. Mit mehr als 1800 Ausstellern hat die Eurobike im Vergleich zum Vorjahr knapp 100 Kunden verloren, aber gleichzeitig neue und groĂe Marken wie Giant oder Kalkhoff gewonnen, sagt Sprecher Frank GauĂ. Mit 150.000 Quadratmetern wird erneut das gesamte westliche MessegelĂ€nde bespielt.Â
Bio-Bikes bringen wenig Umsatz
4 Millionen FahrrĂ€der und damit 600.000 weniger als im Vorjahr wurden 2023 in Deutschland verkauft, von denen erstmals die Mehrheit (2,1 Millionen StĂŒck) einen elektrischen Antrieb hatte. Mit einem erneut gestiegenen Durchschnittspreis von knapp 3000 Euro sind die E-Bikes fĂŒr Hersteller und Handel das weit lukrativere GeschĂ€ft als die herkömmlichen, mit Muskelkraft getriebenen «Bio-Bikes», die ĂŒber alle VertriebskanĂ€le im Schnitt nur 470 Euro brutto erlösten, wie der Industrieverband ZIV berichtet. Einzige Ausnahme sind hochwertige RennrĂ€der, die einer bestimmten Klientel durchaus auch als Prestige-Objekt taugen.Â
Auf der Eurobike richten sich daher die meisten Blicke auf die weiteren Entwicklungen bei den E-Bikes. Technisch verfeinern groĂe Autozulieferer wie Bosch, Mahle oder ZF die wesentlichen Komponenten wie Motoren, Batterien und Steuerung unter anderem mit Anwendungen kĂŒnstlicher Intelligenz. Ein Leckerbissen fĂŒr Technik-Freaks ist beispielsweise die kompakte Motor-Getriebe-Einheit von Pinion, die in diesem Jahr auch als Automatik vorgestellt wird. Der Experte Gunnar Fehlau vom Pressedienst Fahrrad hat zudem das Dauer-Thema Gewicht als Mega-Trend ausgemacht. Kaum jemand benötige im Alltag oder auf der Feierabendrunde immer stĂ€rkere Motoren und gröĂere Akkus. Stattdessen mĂŒssten Pendler-Bikes wie auch LastenrĂ€der leicht und damit handhabbar sein.Â
FrĂŒhe Rabattschlacht
Doch auch im laufenden Jahr hatte die wetterfĂŒhlige Branche Pech mit der Witterung im durchwachsenen FrĂŒhjahr. Die Rabattschlacht hat noch frĂŒher begonnen als ĂŒblich. Schon im FrĂŒhsommer sind renommierte Marken wie Koga oder Specialized mit offen beworbenen PreisnachlĂ€ssen im Markt. Auch manche FachhĂ€ndler werben bereits mit PreisnachlĂ€ssen. «Auch 2024 wird noch einmal ein sehr schwieriges Jahr», sagt Wasilis von Rauch von der Initiative Zukunft Fahrrad, der erst fĂŒr 2025 ein neues Normal-Level erwartet.Â
DienstrĂ€der stĂŒtzen GeschĂ€ftÂ
Eine StĂŒtze bleibt das populĂ€re Dienstrad-Leasing, das von den BeschĂ€ftigten vor allem zur Anschaffung sehr hochwertiger und entsprechend teurer Bikes genutzt wird. Nachdem 2023 noch einmal rund 790.000 DienstrĂ€der an die Kundschaft gebracht wurden, sind inzwischen rund 2 Millionen auf den StraĂen unterwegs. «Wir wĂ€ren viel schlimmer in der Krise, wenn es kein Leasing gĂ€be», sagt der Branchenexperte und Jobrad-Aufsichtsrat Ralf Kindermann.Â
Zunehmendes Kopfzerbrechen bereitet aber die steigende Zahl von Leasing-RĂŒcklĂ€ufern, die nach drei Jahren nicht von ihren Mietern ĂŒbernommen werden. Sie brĂ€chten derzeit nicht die erhofften Wiederverkaufswerte, rĂ€umt Kindermann ein. Bei spezialisierten GebrauchthĂ€ndlern steige daher das Angebot an kostengĂŒnstigen und generalĂŒberholten E-Bikes, neue SchnĂ€ppchen-MĂ€rkte fĂŒr nicht mehr ganz taufrische E-Bikes entstehen.Â
Schirmherren sollen unterstĂŒtzen
Der Fahrradboom der Corona-Jahre ist erst einmal vorbei, so viel ist bereits vor der Eurobike sicher. Ein BĂŒndnis aus mehreren VerkehrsverbĂ€nden hat eine stĂ€rkere Förderung nachhaltiger MobilitĂ€t durch den Bund gefordert. «Es braucht gleichwertige Voraussetzungen auf den StraĂen fĂŒr alle Verkehrsmittel», heiĂt es in einem Forderungspapier, das die VerbĂ€nde Allianz pro Schiene, Bundesverband Carsharing, Zukunft Fahrrad und der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen am Montag in Berlin vorstellten. «DafĂŒr braucht es unter anderem eine Milliarde Euro pro Jahr fĂŒr attraktive und sichere Fahrradinfrastruktur.» Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) ist gemeinsam mit dem hessischen Amtskollegen Kaweh Mansoori und Frankfurts OberbĂŒrgermeister Mike Josef (beide SPD) Schirmherr der Eurobike.Â


