Israel, Eisenkot

Israel unter Eisenkot: Was sich Àndern könnte

Veröffentlicht am: 06.11.2026 um 06:00 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Eine Mehrheit von 67 der 120 Abgeordneten im israelischen Parlament hat sich fĂŒr Ex-MilitĂ€rchef Gadi Eisenkot als nĂ€chsten MinisterprĂ€sidenten ausgesprochen.

Der Weg ins Amt ist damit aber noch lÀngst nicht frei.

PrÀsident Izchak Herzog hat seine Konsultationen mit den Parteien abgeschlossen und will am Sonntag den Auftrag zur Regierungsbildung erteilen. Es gilt als sehr wahrscheinlich, dass er an den 66-jÀhrigen Oppositionspolitiker geht. Ob Eisenkot tatsÀchlich eine Mehrheit hinter sich versammeln kann, ist aber noch offen.

Ein Wettlauf um die Regierungsbildung

Mit Erteilung des Auftrags tickt die Uhr: Eisenkot hĂ€tte 28 Tage Zeit, eine Koalition zu schmieden. Bei Bedarf könnte er eine VerlĂ€ngerung um 14 Tage bekommen. WĂ€hrend der BemĂŒhungen um eine Regierungsbildung muss er mit Störfeuer aus dem Lager des rechtskonservativen bisherigen MinisterprĂ€sidenten Benjamin Netanjahu rechnen. Der 77-JĂ€hrige dĂŒrfte versuchen, den Machtwechsel mit politischen Manövern zu verhindern.

Scheitert Eisenkot, darf ein anderes Parlamentsmitglied einen Anlauf ĂŒber 28 Tage nehmen. Bleibt auch dieser erfolglos, können sich mindestens 61 Abgeordnete binnen 21 Tagen auf einen Kandidaten verstĂ€ndigen. Dieser erhĂ€lt weitere 14 Tage fĂŒr die Regierungsbildung.

Platzt auch dieser Versuch, löst sich das Parlament automatisch auf. Innerhalb von 90 Tagen mĂŒsste neu gewĂ€hlt werden.

Was sich unter Eisenkot Àndern könnte - und was nicht

Netanjahu wird international zunehmend als Belastungsfaktor fĂŒr Israels Beziehungen wahrgenommen. Eine Regierung unter Eisenkot wĂŒrde nach EinschĂ€tzung von Experten aber nicht automatisch einen grundlegenden Kurswechsel in der Sicherheits- und Außenpolitik bedeuten. Außenpolitisch hat Eisenkot wenig Erfahrung.

Als Ex-Generalstabschef gilt der Vorsitzende der Mitte-Partei Jaschar als sicherheitspolitisch konservativ. Zugleich ist Eisenkot persönlich vom Krieg geprĂ€gt: Im Gazastreifen verlor er seinen Sohn und zwei Neffen, die als Soldaten im Einsatz waren. Auch angesichts dieses hohen persönlichen Preises sieht er sich in besonderer Verantwortung fĂŒr Israels Zukunft.

Eisenkot stand von 2015 bis 2019 an der Spitze der israelischen StreitkrĂ€fte. Er studierte Politikwissenschaften in Haifa und gilt als Kenner der libanesischen Hisbollah-Miliz. Der Vater von fĂŒnf Kindern ist Sohn von Einwanderern aus Marokko.

Im persönlichen Auftreten unterscheidet sich Eisenkot stark von Netanjahu. WĂ€hrend der langjĂ€hrige MinisterprĂ€sident seine öffentliche Wirkung gezielt inszeniert und als gewandter Redner gilt, ist der frĂŒhere General zurĂŒckhaltend und bodenstĂ€ndig. Beobachter beschreiben ihn als authentisch und teamorientiert. Der Parteiname Jaschar bedeutet "geradlinig" und ist zugleich Teil seines politischen Selbstbildes.

Eisenkot lehnt Sturz der iranischen FĂŒhrung als Kriegsziel ab

Im Umgang mit dem Iran verfolgen Eisenkot und Netanjahu Ă€hnliche Ziele: Beide wollen eine atomare Bewaffnung des Erzfeindes verhindern und dessen Raketenprogramm ausschalten. Einen Sturz der iranischen FĂŒhrung lehnt Eisenkot jedoch anders als Netanjahu als erklĂ€rtes Kriegsziel ab. Wie er sich als Regierungschef konkret verhalten wĂŒrde - also den Krieg weiterfĂŒhren oder beenden - ist allerdings unklar.

Eisenkot will Siedlergewalt eindÀmmen

Im Westjordanland will Eisenkot konsequenter gegen gewalttĂ€tige Siedler vorgehen. In diesem Punkt gebe es einen "großen Unterschied" zwischen Eisenkot und Netanjahu, sagte der Politikwissenschaftler Jonathan Rynhold. Er erwarte, dass Eisenkot gegen Siedlergewalt "hart durchgreifen" werde. Die Siedlungspolitik stellt Eisenkot jedoch nicht grundsĂ€tzlich infrage.

Unter Netanjahu hat Israel den Siedlungsbau im besetzten Westjordanland massiv vorangetrieben. Zugleich wurde die israelische Kontrolle ĂŒber Gebiete ausgeweitet, die die PalĂ€stinenser fĂŒr einen kĂŒnftigen Staat beanspruchen.

Beim weiteren Vorgehen im weitgehend zerstörten Gazastreifen sei Eisenkot eher als Netanjahu zu einer Abstimmung mit Washington bereit, meint Rynhold. Im Mittelpunkt stĂŒnden dabei die Entwaffnung der islamistischen Terrororganisation Hamas und die Einrichtung einer neuen palĂ€stinensischen Verwaltung. Netanjahu hatte solche Versuche ausgebremst.

Die Vision eines unabhÀngigen palÀstinensischen Staates, der friedlich Seite an Seite mit Israel existiert, hatte Eisenkot vor der Wahl als "bitteren Fehler" beschrieben. Rynhold glaubt jedoch, mit Blick auf eine Zweistaatenlösung könnte er sich unter besseren politischen Vorzeichen möglicherweise bewegen lassen - sofern die PalÀstinenser "alle notwendigen Schritte unternehmen, um die Sicherheit Israels zu gewÀhrleisten". Eisenkot sei pragmatischer als Netanjahu.

Beziehungen zu den USA stÀrken

Eisenkot hat angekĂŒndigt, die Beziehungen zu den USA als wichtigstem BĂŒndnispartner gezielt stĂ€rken zu wollen. Es sei ironisch, dass ausgerechnet Netanjahu, der sich gerne als "Captain America" inszeniere, Israel auf den Tiefpunkt seiner Beziehungen zur amerikanischen Gesellschaft gefĂŒhrt habe, sagte Eisenkot der "Jerusalem Post".

Eisenkot wirft Netanjahu auch vor, die israelische Gesellschaft ĂŒber Jahre gezielt gespalten zu haben. Nun will er ihn an der Regierungsspitze ablösen und "beweisen, dass es einen anderen Weg gibt".

Nach den Midterms könnte sich allerdings der politische Kurs Washingtons im Nahen Osten verĂ€ndern. Eisenkot mĂŒsste dann nicht nur die Beziehungen zu Washington kitten, sondern sich womöglich auch auf einen ganz neuen Wind aus den USA einstellen.

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