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WDH / ROUNDUP 4: Regierung macht Russland fĂŒr Cyber-Angriff auf SPD verantwortlich

03.05.2024 - 17:33:51

(Jahreszahl US-PrĂ€sidentschaftswahl im 10. Absatz korrgiert: 2016)ADELAIDE/BERLIN - Nach neuen Erkenntnissen ĂŒber mutmaßlich russische Cyber-Angriffe unter anderem auf die SPD greift Deutschland zu scharfen diplomatischen Mitteln.

(Jahreszahl US-PrÀsidentschaftswahl im 10. Absatz korrgiert: 2016)

ADELAIDE/BERLIN (dpa-AFX) - Nach neuen Erkenntnissen ĂŒber mutmaßlich russische Cyber-Angriffe unter anderem auf die SPD greift Deutschland zu scharfen diplomatischen Mitteln. Das AuswĂ€rtige Amt bestellte am Freitag einen hochrangigen russischen Diplomaten ein, den amtierenden GeschĂ€ftstrĂ€ger, der in Abwesenheit des Botschafters die russische Botschaft leitet. Das sei ein klares diplomatisches Signal, "Moskau deutlich zu machen, dass wir dieses Vorgehen nicht akzeptieren, deutlich verurteilen und uns da auch Konsequenzen vorbehalten", sagte ein Sprecher des Außenministeriums.

Hintergrund sind lĂ€nger zurĂŒckliegende Cyber-Angriffe auf die SPD und deutsche Unternehmen aus den Bereichen Logistik, RĂŒstung, Luft- und Raumfahrt und IT-Dienstleistungen. Die Bundesregierung macht dafĂŒr eine Einheit des russischen MilitĂ€rgeheimdienstes verantwortlich. "Staatliche russische Hacker haben Deutschland im Cyberraum angegriffen", sagte Außenministerin Annalena Baerbock wĂ€hrend ihres Australien-Besuchs in Adelaide.

Angriff auf E-Mail-Konten der SPD-Zentrale

Die SPD hatte im vergangenen Sommer bekannt gegeben, dass E-Mail-Konten der Parteizentrale Anfang 2023 Ziel eines Cyber-Angriffs geworden seien. Möglich geworden sei das durch eine zum Zeitpunkt des Angriffs noch unbekannte SicherheitslĂŒcke beim Softwarekonzern Microsoft, hieß es damals. "Es ist nicht auszuschließen, dass es zu einem Abfluss von Daten aus vereinzelten E-Mail-PostfĂ€chern kam." Namen der möglicherweise Betroffenen wurden nicht genannt. Auch wie groß die abgeschöpfte Datenmenge war, blieb zunĂ€chst unklar.

GeneralsekretĂ€r Kevin KĂŒhnert zeigte sich am Freitag nicht ĂŒberrascht von den Ermittlungen. Der russische PrĂ€sident Wladimir Putin greife die SPD an, "weil wir in besonderer Weise die wehrhafte Demokratie in Deutschland verkörpern", erklĂ€rte er. "Dass Putin die Sozialdemokratie angreift, das offenbart gleichermaßen seine Angst und unsere politische StĂ€rke." Parteichef Lars Klingbeil sagte dem "Kölner Stadt-Anzeiger": "Es ist offensichtlich: Dem Regime von Putin gefĂ€llt nicht, wie klar wir uns an die Seite der Ukraine gestellt haben."

EU-Sanktionen denkbar

Laut Baerbock sind die Ermittlungen der Bundesregierung zu dem Vorfall - in Diplomatensprache "Attribuierungsverfahren" genannt - nun abgeschlossen. "Wir können diesen Angriff vom letzten Jahr heute eindeutig der Gruppe APT28 zuordnen, die vom russischen Geheimdienst GRU gesteuert wird", sagte die GrĂŒnen-Politikerin. "Das ist völlig inakzeptabel und wird nicht ohne Konsequenzen bleiben."

Welche Konsequenzen das sein könnten, sagten weder Baerbock noch ein Regierungssprecher am Freitag. Die Bundesregierung forderte Russland auf, derartige Handlungen zu unterlassen. Das unverantwortliche Verhalten Russlands im Cyberraum stehe im Widerspruch zu internationalen Normen und verdiene in einem Jahr mit Wahlen in vielen Staaten besondere Aufmerksamkeit. Cyber-Angriffe gegen politische Parteien, staatliche Institutionen und Unternehmen der kritischen Infrastruktur seien eine Bedrohung fĂŒr Demokratie, nationale Sicherheit und freiheitliche Gesellschaft.

In Ă€hnlichen FĂ€llen hat es frĂŒher schon Sanktionen der EuropĂ€ischen Union gegen Einzelpersonen oder Einrichtungen gegeben. Denkbar sind Reiseverbote oder das Einfrieren von Vermögenswerten. Die EU sei entschlossen, das gesamte Spektrum an Maßnahmen zu nutzen, um Russlands bösartiges Verhalten im Cyberspace zu verhindern, abzuschrecken und darauf zu reagieren, erklĂ€rte der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell. "Die EU wird ein derartiges bösartiges Verhalten nicht dulden."

APT28 wurde durch Attacke auf den Bundestag bekannt

Die Gruppierung APT28 ist nach Angaben des deutschen Verfassungsschutzes seit mindestens 2004 weltweit vor allem im Bereich Cyber-Spionage aktiv. Laut Bundesinnenministerium fĂŒhrte sie in der Vergangenheit auch Desinformations- und Propagandakampagnen und zĂ€hlt "zu den aktivsten und gefĂ€hrlichsten Cyberakteuren weltweit".

APT steht fĂŒr Advanced Persistent Threat (Fortgeschrittene anhaltende Bedrohung). So bezeichnen Sicherheitsbehörden von autoritĂ€ren Staaten gesteuerte Gruppen, die mit der systematischen AusfĂŒhrung von Cyber-Attacken beauftragt sind. Davon sind bisher etwa 40 identifiziert worden.

Das Bundesamt fĂŒr Verfassungsschutz rechnet die APT28 eindeutig dem russischen MilitĂ€rgeheimdienst GRU zu. Die Gruppe wurde 2015 schon fĂŒr eine große Cyber-Attacke auf den Bundestag verantwortlich gemacht und spĂ€ter in den USA fĂŒr eine Attacke auf die Demokratische Partei vor der PrĂ€sidentschaftswahl 2016. Die EU teilte mit, sie habe 2020 bereits Sanktionen gegen Personen und Einrichtungen verhĂ€ngt, die fĂŒr die APT28-Angriffe auf den Bundestag verantwortlich waren.

Angriff auf SPD Teil einer grĂ¶ĂŸeren Kampagne

An den Ermittlungen der Bundesregierung waren nach dpa-Informationen mit dem Verfassungsschutz, dem Bundesnachrichtendienst und dem MilitÀrischen Abschirmdienst alle deutschen Geheimdienste beteiligt. Die Attacke auf die SPD war nach bisherigen Erkenntnissen Teil einer Kampagne der APT28 in mehreren europÀischen LÀndern. Nach Angaben der EU wurden auch staatliche Institutionen, Agenturen und Einrichtungen in Polen, Litauen, der Slowakei und Schweden vom gleichen "Bedrohungsakteur" angegriffen. Auch der tschechische Innenminister Vit Rakusan berichtete von einer erhöhten AktivitÀt Russlands im Bereich Cyber-Spionage.

Die PrĂ€sidentin der deutschen Cyber-Sicherheitsbehörde BSI, Claudia Plattner, sagte dem SWR-Hauptstadtstudio, die grĂ¶ĂŸte Bedrohung hierzulande liege bei Cyber-Erpressungen, bei denen Hacker auf Daten zugreifen, sie verschlĂŒsseln und Geld fordern, um sie wieder freizugeben. "Da ist Russland ganz vorne dabei", sagte Plattner. Betroffen seien vor allem mittelstĂ€ndische Unternehmen. Sie warnte betroffene Firmen davor, Lösegeld an die Erpresser zu zahlen. "Weil man sich nicht sicher sein kann, dass das dann auch funktioniert."

Nato zutiefst besorgt - Faeser entschlossen

Der Nordatlantikrat, das wichtigste Entscheidungsgremium der Nato, zeigte sich entschlossen, gegen solche Bedrohungen vorzugehen. Man wolle die notwendigen FĂ€higkeiten einsetzen, "um das gesamte Spektrum der Cyber-Bedrohungen abzuschrecken, abzuwehren und zu bekĂ€mpfen, um uns gegenseitig zu unterstĂŒtzen", hieß es in einer Mitteilung. Man erwĂ€ge auch "koordinierte Reaktionen".

Auch Innenministerin Nancy Faeser zeigte sich entschlossen: "Wir werden uns keinesfalls vom russischen Regime einschĂŒchtern lassen. Wir werden die Ukraine weiter massiv unterstĂŒtzen, die sich gegen Putins mörderischen Krieg verteidigt", versicherte die SPD-Politikerin. Die Angriffe zielten nicht nur auf einzelne Parteien oder bestimmte Politikerinnen und Politiker, sondern darauf, das Vertrauen in die Demokratie zu erschĂŒttern, sagte sie und mahnte: "In diesem Jahr mit der Europawahl und weiteren Wahlen mĂŒssen wir uns gegen Hackerangriffe, Manipulationen und Desinformation besonders wappnen."

@ dpa.de