Online-Betrug: Steigende SchÀden durch falsche Kunden
16.04.2025 - 05:00:36Die weltweite Welle der Online-KriminalitÀt wird nach EinschÀtzung von Cyberexperten in den kommenden Jahren noch an Wucht und Dynamik gewinnen. Einer wachsenden Zahl von TÀtern gelingt es demnach, ihre wahre IdentitÀt hinter erfundenen Persönlichkeiten zu verbergen.
«Synthetische IdentitĂ€ten sind international ein wachsender Trend», sagt Stephen Topliss, Fachmann fĂŒr Betrug und IdentitĂ€t beim US-Cybersicherheitsdienstleister Lexis Nexis Risk Solutions.Â
Die Cyberfachleute des RĂŒckversicherers Munich Re gehen von weiter steigender «Schadenfrequenz» aus, nicht zuletzt, weil kĂŒnstliche Intelligenz auch CybertĂ€tern die kriminellen GeschĂ€fte erleichtert. Der Handelsverband Deutschland berichtet von steigendem Betrugsrisiko fĂŒr seine Unternehmen.Â
Der Rohstoff erfundener IdentitĂ€ten: DatenlecksÂ
Doch was ist eine synthetische IdentitĂ€t ĂŒberhaupt? «Die TĂ€ter kombinieren ĂŒblicherweise eine erfundene IdentitĂ€t mit realen Daten: echte Kreditkartennummern, Postadressen, Mailkonten oder Telefonnummern, in den USA auch hĂ€ufig gestohlene Sozialversicherungsnummern», sagt Topliss. Die Daten stammen aus Datenlecks und werden im Darkweb gehandelt.Â
Daneben existieren zwei weitere Methoden, mit denen die TĂ€ter sich falsche IdentitĂ€ten zulegen: «Es gibt - vor allem auch KI-getrieben - komplett synthetische IdentitĂ€ten, die zu hundert Prozent erfunden sind», sagt Martin Kreuzer, Cyber-Fachmann der Munich Re und ehemaliger Ermittler. Und in der dritten Version werden «verschiedene existierende IdentitĂ€ten digital gestĂŒckelt und zusammengesetzt».
Das Ergebnis ist jedoch in jedem Fall identisch: Es wird schwieriger, die TĂ€ter zu entdecken. Seit der Corona-Pandemie beobachtet nicht nur Lexis Nexis Risk Solutions ein kontinuierliches Wachstum des Online-Betrugs und anderer Straftaten im Internet.
Gestohlene echte IdentitĂ€ten fĂŒr die TĂ€ter riskanterÂ
Noch vor einigen Jahren hĂ€tten viele TĂ€ter komplett gestohlene IdentitĂ€ten genutzt, sagt Topliss. «Aber mittlerweile sehen wir sehr viel mehr dieser synthetischen IdentitĂ€ten. Diese können auf verschiedene Arten und Weisen genutzt werden: zur Einrichtung von Kundenkonten im Online-Handel oder fĂŒr die Beantragung von Kreditkarten.»
Eine gestohlene IdentitĂ€t birgt fĂŒr Kriminelle das Risiko, dass der dazugehörige echte Mensch schnell bemerkt, wenn in seinem Namen eingekauft oder Geld ĂŒberwiesen wird.Â
 «Im Bankwesen nutzen die TĂ€ter synthetische IdentitĂ€ten, um "Maultier-Konten" einzurichten, die fĂŒr GeldwĂ€sche genutzt werden», sagt Topliss. «Es gibt erst einmal kein Opfer, dem das auffallen könnte, weil die Person, die das Konto eingerichtet hat, gar nicht existiert.»Â
GroĂteil der Online-HĂ€ndler mit falschen Kunden konfrontiert
Ein groĂes BetĂ€tigungsfeld fĂŒr die TĂ€ter ist Betrug beim Online-Shopping. «IdentitĂ€tsbetrug in verschiedenster Form gehört zu den hĂ€ufigsten Betrugsmaschen im Onlinehandel», sagt ein Sprecher des Handelsverbands HDE unter Verweis auf eine Erhebung der Wirtschaftsauskunftei Crif.Â
Demnach waren 92?Prozent der deutschen E-Commerce-Unternehmen schon einmal damit konfrontiert, dass sich ein Kunde unter einer falschen oder fremden IdentitĂ€t ausgegeben hat. «So bestellen BetrĂŒger etwa mit gestohlenen Daten auf Rechnung und lassen die Ware an Paketstationen oder leerstehende Wohnungen liefern.»Â
Oft genĂŒgen demnach schon wenige echte Datenfragmente - etwa Name und Geburtsdatum oder gehackte Login-Daten - um eine synthetische IdentitĂ€t zu erschaffen, die bei der Registrierung im Online-Shop echt wirkt. «FĂŒr OnlinehĂ€ndler ist der technische und finanzielle Aufwand, KundenidentitĂ€ten zu verifizieren und BetrĂŒger auszusieben, in den letzten Jahren deutlich gestiegen», sagt der Sprecher.Â
BetĂ€tigungsfeld fĂŒr Einsteiger
Betrug im Online-Handel ist der gröĂte Schadentreiber im Cyber-Versicherungssegment fĂŒr Privatpersonen, wie Munich-Re-Experte Kreuzer sagt. «Im Bereich der CyberkriminalitĂ€t sind IdentitĂ€tsklau und die damit verbundenen Betrugsmaschen eine Art Einstieg. AnfĂ€nger probieren sich da aus und kaufen sich mitunter von deutlich professionelleren Organisationen Anleitungen und Tools.»Â
KI schaffe Skaleneffekte und könne beispielsweise fĂŒr die automatisierte Verteilung von Phishing-Mails genutzt werden. «Skaleneffekt» bedeutet, dass die Produktion fĂŒr - in diesem Falle kriminelle - Unternehmen immer gĂŒnstiger wird, je mehr von einem Produkt hergestellt wird.Â
«KI kann auch genutzt werden, um neue Schadsoftware zu kreieren», sagt Kreuzer. «Das spricht fĂŒr eine erhöhte Schadenfrequenz in der Zukunft.» Bei den von betrĂŒgerischen Kunden heimgesuchten Unternehmen könnten die Belastungen bis zur Insolvenz fĂŒhren. «Gerade fĂŒr Unternehmen, die schon in wirtschaftlicher Schieflage sind, ist dann hĂ€ufig ein Cyberangriff der berĂŒhmte Tropfen, der das Fass zum Ăberlaufen bringt.»
SchÀden in Milliardenhöhe, Tendenz steigend
Die genaue Höhe der von CybertÀtern verursachten SchÀden ist unbekannt. SchÀtzungen gehen in die Milliarden, Tendenz steigend. Polizei und Justiz erfassen in ihren Statistiken nicht separat, ob eine Tat online begangen wurde.
Ebenfalls geschĂ€tzt ist die Quote der betrĂŒgerischen Online-Bestellungen im Einzelhandel: im Schnitt rund drei Prozent, wie der Sprecher des Handelsverbands sagt. In der Crif-Umfrage bezifferten 43 Prozent der deutschen Online-HĂ€ndler ihre betrugsbedingten SchĂ€den auf Summen zwischen 10.000 und 100.000 Euro; ein gutes FĂŒnftel erlitt sogar EinbuĂen von ĂŒber 100.000 Euro.
Es fehlt ein effektiver Standard zur IdentitĂ€tsprĂŒfung
Im Bereich der CyberkriminalitĂ€t verschwimmen nationale Grenzen, da die TĂ€ter oft nicht in dem Land wohnen, in dem sie ihre Taten begehen. «Ein Hauptproblem ist, dass es keinen internationalen Standard fĂŒr die Authentisierung und Verifizierung von IdentitĂ€ten gibt», sagt Ralf Wintergerst, Vorstandschef des MĂŒnchner Sicherheitstechnikherstellers Giesecke+Devrient und PrĂ€sident des Digital-Branchenverbands Bitkom.
«Wenn jedes Land eine kleine Lösung fĂŒr sich selbst baut, sind diese oft international nicht interoperabel.» Die FinanzflĂŒsse hingegen sind international. «Eine Einigung auf einen Standard ist schon innerhalb der EuropĂ€ischen Union schwer, international dann umso mehr», sagt der Spitzenmanager.


