Russische Drohne hat Tschernobyl-HĂŒlle beschĂ€digt
14.02.2025 - 18:55:37(neu: weitere Details)
KIEW (dpa-AFX) - Eine russische Drohne hat nach Angaben des ukrainischen PrĂ€sidenten Wolodymyr Selenskyj die SchutzhĂŒlle des vor fast 40 Jahren havarierten Atomkraftwerks Tschernobyl beschĂ€digt. Ein Feuer sei gelöscht worden, die Strahlenwerte seien zunĂ€chst nicht erhöht, schrieb Selenskyj bei Telegram. Die SchĂ€den seien aber bedeutend. "Es gibt ein Land in der Welt, das solche Objekte attackieren kann, das die Territorien von Atomkraftwerken besetzt und Kampfhandlungen fĂŒhrt, ohne ĂŒberhaupt ĂŒber die Konsequenzen nachzudenken - und das ist das heutige Russland."
SpĂ€ter fĂŒgte er auf einer Pressekonferenz auf der Sicherheitskonferenz in MĂŒnchen hinzu, dass die Drohne in einer Höhe von 85 Metern geflogen sei. "Mir scheint, dass es wichtig ist zu begreifen, dass die Radare auf dieser Höhe nicht sehen", sagte er. Er wertete dies im Zusammenhang mit dem Zeitpunkt des Beschusses unmittelbar vor der Konferenz als Hinweis darauf, dass das russische MilitĂ€r das AKW gezielt beschossen habe und der Treffer kein unglĂŒcklicher Zufall sei. Die aus Stahl bestehende SchutzhĂŒlle hat eine Höhe von 110 Metern.
Greenpeace sah Russland ebenfalls in der Verantwortung fĂŒr den Zwischenfall. "Wir haben mehrere BeweisstĂŒcke, dass dies eine russische Attacke war", sagte der Greenpeace-Nuklearexperte Jan Vande Putte der Deutschen Presse-Agentur. Demnach wurden Teile einer russischen Geran-2-Drohne gefunden.
Die Internationale Atomenergiebehörde IAEA bestĂ€tigte den Vorfall. In der Nacht gegen 1.50 Uhr Ortszeit (0.50 Uhr MEZ) hĂ€tten die dort stationierten internationalen Atombeobachter eine Explosion am Sarkophag um den havarierten Reaktor vier gehört. Sie seien dann darĂŒber informiert worden, dass eine Drohne die Ăberdachung des AKW getroffen habe, heiĂt es in einer Mitteilung der IAEA.
Der Generaldirektor der IAEA, Rafael Grossi, sprach von kleineren SchĂ€den am Meiler. "Wir haben einen Angriff gesehen, bei dem es sich im Grunde um eine Drohne mit einer konventionellen Sprengladung handelte, die das Dach des SicherheitsbehĂ€lters, den Sarkophag traf, der die angeschlagene Einheit dort bedeckt. GlĂŒcklicherweise gab es keine bedeutenden strukturellen SchĂ€den, und es ist keine Strahlung nach auĂen gedrungen", sagte Grossi im GesprĂ€ch mit RTL und ntv am Rande der MĂŒnchner Sicherheitskonferenz (MSC).
Zu den HintergrĂŒnden des Angriffs auf das AKW konnte Grossi nur spekulieren. "Sie haben dort nukleares Material. Ich nehme an, dass es ein Versuch ist, Panik zu erzeugen, vielleicht durch die Möglichkeit einer Freisetzung von RadioaktivitĂ€t in die AtmosphĂ€re."
Russland bestreitet Beschuss und spricht von Provokation
Der Kreml hat einen russischen Angriff auf das AKW hingegen dementiert. Sprecher Dmitri Peskow sagte, er kenne zwar die genauen UmstĂ€nde nicht. "Ich weiĂ aber eins: Es kann nicht sein, dass SchlĂ€ge gegen irgendwelche Objekte der atomaren Infrastruktur oder der Infrastruktur der Atomenergie gefĂŒhrt werden", sagte er. Daher seien alle solchen Anschuldigungen falsch. "Das russische MilitĂ€r tut so etwas nicht."
Die Sprecherin des russischen AuĂenministeriums, Maria Sacharowa, warf dem ukrainischen PrĂ€sidenten sogar eine gezielte Provokation vor. "Es gibt keinen Zweifel daran, dass Selenskyj nicht mit leeren HĂ€nden zur MĂŒnchner Konferenz gefahren wĂ€re". Sie verwies dabei darauf, dass Moskau mehrfach vor derartigen von Kiew arrangierten ZwischenfĂ€llen gewarnt habe.
Im damals sowjetischen Kernkraftwerk Tschernobyl explodierte am 26. April 1986 ein Reaktor. Die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl gilt als weltweit schwerster Reaktorunfall. Wegen der Strahlung musste nicht nur das Kraftwerk stillgelegt, sondern es mussten auch anliegende Ortschaften evakuiert werden. Bei den Rettungs- und Bergungsarbeiten erlitten Tausende Menschen schwere StrahlenschĂ€den. Ăber dem ersten Schutzschild wurde mit internationaler Hilfe ab 2010 ein neuer Sarkophag gebaut, der offiziell 2019 eingeweiht wurde.
2022, kurz nach Beginn des von Kremlchef Wladimir Putin befohlenen Angriffskriegs, besetzten russische Truppen das GelĂ€nde des AKW. Sie mussten sich aber spĂ€ter wieder zurĂŒckziehen.

