ROUNDUP, Putins

Auf Putins GesprÀch mit Trump folgt heftige Attacke in Kiew

04.07.2025 - 16:12:55

KIEW/MOSKAU/BERLIN - Bei einem der schlimmsten russischen Luftangriffe gegen die ukrainische Hauptstadt Kiew sind etwa zwei Dutzend Menschen verletzt worden.

(neu: mehr Details und Hintergrund)

KIEW/MOSKAU/BERLIN (dpa-AFX) - Bei einem der schlimmsten russischen Luftangriffe gegen die ukrainische Hauptstadt Kiew sind etwa zwei Dutzend Menschen verletzt worden. In einer "brutalen und schlaflosen Nacht" habe Russland bei diesen "zynischen Angriffen" 550 Drohnen, Raketen und Marschflugkörper eingesetzt, schrieb PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj auf X. Behörden berichteten auch von einem Toten, der aus den TrĂŒmmern gezogen wurde. Selenskyj forderte den Westen erneut auf, bei der StĂ€rkung seiner Flugabwehr zu helfen. "Patriots und die Raketen dafĂŒr sind wahre BeschĂŒtzer des Lebens", sagte er.

Der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha sprach von einer der schlimmsten NĂ€chte seit Kriegsbeginn vor mehr als drei Jahren. "Hunderte russische Drohnen und ballistische Raketen rasselten auf die ukrainische Hauptstadt nieder. Direkt nach Putins GesprĂ€ch mit PrĂ€sident Trump", erklĂ€rte er. Kremlchef Wladimir Putin zeige deutlich "seine völlige Verachtung fĂŒr die Vereinigten Staaten und alle, die ein Ende des Krieges gefordert haben". US-PrĂ€sident Donald Trump fordert seit Wochen vergeblich ein schnelles Ende der Angriffe.

Merz sieht Zusammenhang zwischen Angriffen und Telefonat

Putin hatte mit Trump in dem Telefonat am Donnerstag unter anderem ĂŒber seinen Krieg gegen die Ukraine gesprochen. Trump Ă€ußerte sich anschließend "nicht glĂŒcklich": Es habe keinen Fortschritt gegeben. Der Kreml sprach hingegen von einem sachlichen und konkreten Dialog.

Mit den großangelegten Attacken will Russland die Ukraine zermĂŒrben und zur Aufgabe ihres Widerstandes zwingen. Eine Kapitulation lehnt Kiew ab.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) sieht einen Zusammenhang zwischen dem Telefonat Putins mit Trump und den anschließenden massiven Luftangriffen auf die Ukraine. Der Kanzler habe in den vergangenen Tagen mehrfach gesagt, "dass es ein Muster gibt beim russischen PrĂ€sidenten", sagte Regierungssprecher Stefan Kornelius. Telefonate wĂŒrden ĂŒblicherweise von umso hĂ€rteren Angriffen begleitet. "Das, was vergangene Nacht passiert ist, hat diesen Eindruck unterstĂŒtzt oder bestĂ€rkt."

Die massiven Angriffe nach dem Telefonat sprĂ€chen fĂŒr sich, sagte Kornelius. Er hoffe, dass sie zu einer anderen Haltung vor allem in Sanktionsfragen beitrĂŒgen. Bisher ist US-PrĂ€sident Trump den Forderungen der EU nach VerschĂ€rfung der Russland-Sanktionen nicht nachgekommen.

Das AuswĂ€rtige Amt verurteilte die russischen Angriffe - kurz nach einem Besuch von Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU) diese Woche in Kiew. "Russland setzt weiter auf brutale Gewalt. Die Ukraine braucht mehr zur Verteidigung, nicht weniger", teilte das Ministerium auf dem Portal X mit.

SchÀden und viele Verletzte in Kiew

Angriffe gab es laut Selenskyj auch in anderen StĂ€dten, darunter Dnipro, Sumy und Charkiw. Der Schwerpunkt war Kiew, wo Augenzeugen von starkem Rauchgestank und Qualmwolken auch im Zentrum der Hauptstadt nach den Attacken berichteten. Laut BĂŒrgermeister Vitali Klitschko gab es allein in Kiew 24 Verletzte und SchĂ€den an der Infrastruktur. Zwölf Menschen mussten im Krankenhaus behandelt werden, wie Klitschko in seinem Telegram-Kanal mitteilte. Nach Angaben des Zivilschutzes ist auch ein zehn Jahre altes MĂ€dchen unter den Verletzten.

Es gebe SchĂ€den an WohnhĂ€usern, an Bildungs- und medizinischen Einrichtungen und der Verkehrsinfrastruktur. Auch mehrere Autos seien getroffen worden. Wegen der Zerstörungen an Bahngleisen gebe es Verzögerungen im Zugverkehr, hieß es.

Bei dem Angriff wurde auch das KonsulatsgebĂ€ude der polnischen Botschaft in Kiew beschĂ€digt, wie Polens Außenminister Radoslaw Sikorski auf X schrieb. Die Mitarbeiter seien unverletzt. "Die Ukraine braucht dringend Mittel zur Flugabwehr", appellierte Sikorski. Die Botschaft selbst schrieb in einer Mitteilung von "unbedeutenden SchĂ€den" an Fassade und Dach, die mutmaßlich durch herabstĂŒrzende Drohnenteile verursacht wurden.

"HĂ€rteste Sanktionen" gegen Russland gefordert

Sybiha forderte "hĂ€rteste Sanktionen" des Westens gegen Russland, um das Land zu bestrafen. Zudem mĂŒssten die VerbĂŒndeten der Ukraine die notwendigen Mittel fĂŒr die Verteidigung liefern. "Falsche Entscheidungen können den Aggressor nur zur Eskalation des Terrors anspornen", sagte er. Das sei dann auch eine Ermutigung fĂŒr jedes "verbrecherische Regime" in der Welt. Die Ukraine drĂ€ngt die westlichen VerbĂŒndeten immer wieder zur StĂ€rkung der Flugabwehr.

Erst am Dienstag war bekanntgeworden, dass die USA die Lieferung einiger Waffen - darunter auch Flugabwehrraketen - an die Ukraine gestoppt haben. Das US-Verteidigungsministerium erklĂ€rte dazu, dass die USA dabei seien, ihre eigenen FĂ€higkeiten zu ĂŒberprĂŒfen - und auch Hilfen fĂŒr andere LĂ€nder gestoppt hĂ€tten. Ministeriumssprecher Sean Parnell betonte jedoch auch, dass die amerikanischen StreitkrĂ€fte alles hĂ€tten fĂŒr jeden Einsatz weltweit.

Der ukrainische Staatschef Selenskyj setzt darauf, zeitnah mit Trump ĂŒber den teilweisen Waffenlieferstopp sprechen zu können. Manches könnten die europĂ€ischen Staaten nicht liefern, etwa Raketen fĂŒr die so wichtigen Patriot-Flugabwehrsysteme, sagte er am Donnerstag im dĂ€nischen Aarhus.

Russisches Verteidigungsministerium: 48 Drohnen zerstört

In ihrem Abwehrkampf gegen den russischen Angriffskrieg griff die Ukraine das Nachbarland erneut mit Drohnen an. Im Gebiet Rostow starb dabei eine Rentnerin nach dem Einschlag einer Drohne in einem zweigeschossigen Wohnhaus, wie die Behörden mitteilten. Das Haus mit acht Wohnungen musste demnach evakuiert werden. Nördlich von Moskau, in der Stadt Sergijew Possad, gab es laut Behörden zwei Verletzte nach einem Drohnenangriff.

Das russische Verteidigungsministerium teilte am Morgen mit, dass insgesamt 48 ukrainische Drohnen zerstört worden seien. Zu den massiven Angriffen auf Kiew erklĂ€rte das Ministerium in Moskau, dass es sich um SchlĂ€ge gegen ProduktionsstĂ€tten fĂŒr Drohnen und andere mobile militĂ€rische Komplexe gehandelt habe.

Russland und die Ukraine tauschten ungeachtet der Gefechte erneut Kriegsgefangene aus. Grundlage waren die in Istanbul getroffenen Vereinbarungen, wie das russische Verteidigungsministerium mitteilte. Dort hatten russische und ukrainische UnterhĂ€ndler bereits zweimal solche humanitĂ€ren Aktionen vereinbart. Der ukrainische PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj bestĂ€tigte den Austausch in seinem Telegram-Kanal. Über die Anzahl der freigekommenen Soldaten wurde erneut nichts bekanntgegeben.

@ dpa.de