Bezahlung, Berufen

Bezahlung in sozialen Berufen deutlich schlechter

18.03.2024 - 13:23:10

Kindererziehung, Altenpflege oder Sozialarbeit - die BeschÀftigten des sozialen Sektors arbeiten im Vergleich mit anderen Branchen oft zu schlechtere Bedingungen. Dabei wÀchst der Bedarf.

Arbeitsstress, Schichtarbeit und niedrige Löhne: Die rund drei Millionen BeschÀftigten im sozialen Sektor in Deutschland verdienen laut einer neuen Studie durchschnittlich 17 Prozent weniger als BeschÀftigte in anderen Sektoren.

Wechselnde Arbeitszeiten, hohe Fluktuation und Teilzeit sind hier zudem fĂŒr mehr BeschĂ€ftigte an der Tagesordnung als in der ĂŒbrigen Wirtschaft. Das geht aus der Studie «Vor dem Kollaps? BeschĂ€ftigung im sozialen Sektor» des Instituts fĂŒr Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und des Deutschen Roten Kreuzes hervor.

Ob in der Kinderbetreuung und -erziehung, der Altenpflege, der Gesundheits- und Krankenpflege oder der Sozialarbeit und SonderpĂ€dagogik - der Bedarf an sozialer Arbeit hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. So stieg die Zahl der hier BeschĂ€ftigten seit 2010 von zwei Millionen um eine Million Menschen an. GrĂŒnde sind laut der Studie vor allem der Kita-Ausbau mit dem Rechtsanspruch auf Betreuung fĂŒr Kinder unter drei Jahren, die Alterung der Gesellschaft sowie steigende QualitĂ€tsansprĂŒche. Rund 80 Prozent der BeschĂ€ftigten im sozialen Sektor sind laut der Erhebung Frauen.

Große Personalprobleme im sozialen Sektor

Das BeschĂ€ftigungswachstum wĂ€re laut der Erhebung bei ausreichend verfĂŒgbarem Personal in allen Bereichen des sozialen Sektors noch «deutlich höher» ausgefallen. Die beschĂ€ftigungspolitische Bedeutung dieses Sektors beschreiben die Studienautorinnen und -autoren als «enorm»: Sie ziehen etwa den Vergleich mit der Automobilindustrie mit nur 800.000 BeschĂ€ftigten. Die Studie beruht auf IAB-Daten.

Wachsende Schwierigkeiten gibt es fĂŒr die Arbeitgeber, Fach- und ArbeitskrĂ€fte in dem Bereich zu rekrutieren, wie der IAB-Forscher Christian Hohendanner feststellte. Der Anteil der Betriebe mit solchen Problemen stieg zwischen 2010 und 2022 von 41 auf 77 Prozent. «Zugleich trifft dieses Problem auf eine zunehmende Alterung in den Betrieben.» So sei der Anteil der 50- bis 64-JĂ€hrigen in den Betrieben binnen rund zehn Jahren von 27 auf 37 Prozent gestiegen. Hohendanner betonte, «dass der Wettbewerb um ArbeitskrĂ€fte nicht nur innerhalb des Sektors zunimmt, sondern auch zwischen den Sektoren».

Teilzeit, Schichten und viele Fehlzeiten

Jede und jeder Zweite im sozialen Sektor arbeitet trotz grassierenden Personalmangels in Teilzeit - auch wegen der hohen Arbeitsbelastung. Bei zwei von fĂŒnf BeschĂ€ftigten im sozialen Sektor wechseln auch die Arbeitszeiten regelmĂ€ĂŸig. Schicht- und Nachtarbeit ist bei mehr als doppelt so vielen wie in anderen Sektoren ĂŒblich. Auch hohe Krankheits- und Fehlzeiten markieren den sozialen Sektor. Der Anteil der Betriebe mit vielen solchen AusfĂ€llen stieg von 2010 bis 2022 von 13 auf 46 Prozent im sozialen Sektor.

Auch die Fluktuation ist hoch bei Kitas, Pflege und anderen sozialen Berufen: Die Zahl der PersonalabgĂ€nge ist im Vergleich zu 2009 von 108.000 auf 241.000 im Jahr 2022 gestiegen. Über die HĂ€lfte aller AbgĂ€nge sind auf KĂŒndigungen durch die BeschĂ€ftigten zurĂŒckzufĂŒhren. Viele kĂŒndigten, um einen Job mit besseren Arbeitsbedingungen zu finden.

«BeschÀftigte monetÀr geringer wertgeschÀtzt»

«Neben Nachteilen bei den Arbeitszeiten zeigen sich im sozialen Sektor nach wie vor deutliche Unterschiede in der durchschnittlichen Bezahlung gegenĂŒber der ĂŒbrigen Wirtschaft», heißt es in der Studie weiter. Die unbereinigte LohnlĂŒcke zwischen dem sozialen Sektor und den ĂŒbrigen Sektoren nahm zwar von 20 Prozent im Jahr 2012 ab - doch betrug diese LohnlĂŒcke bei VollzeitbeschĂ€ftigten 2021 noch 17 Prozent.

Die Forscherinnen und Forscher sprechen vom «Care Pay Gap»: «Plakativ formuliert werden VollzeittÀtigkeiten im sozialen Sektor monetÀr geringer wertgeschÀtzt als in anderen Branchen.» Hohendanner sieht darin einen Wettbewerbsnachteil des Sektors.

Bekannt ist bisher vor allem der «Gender Pay Gap», die LohnlĂŒcke zwischen Frauen und MĂ€nnern. Laut Statistischem Bundesamt lag der Bruttostundenlohn der Frauen im vergangenen Jahr unverĂ€ndert 18 Prozent unter dem der MĂ€nner. Knapp zwei Drittel der LohnlĂŒcke erklĂ€rt das Statistikamt mit höheren Teilzeitquoten bei den Frauen und geringeren GehĂ€ltern in frauentypischen Berufen. Die um diese Faktoren bereinigte LohnlĂŒcke betrĂ€gt noch rund 6 Prozent des Brutto-Stundenlohns.

Eine ErklÀrung: Schlechtere Bezahlung von Frauen

Auch beim «Care Pay Gap» wĂŒrde sich der Lohnunterschied durch Bereinigung zusĂ€tzlicher Faktoren verringern, so die IAB- und DRK-Studie. «Auflösen wird er sich nicht vollstĂ€ndig.» Angesichts des hohen Frauenanteils in den sozialen Berufen lasse sich der «Care Pay Gap» teils auch mit der LohnlĂŒcke zwischen MĂ€nnern und Frauen erklĂ€ren.

Zufrieden macht die Arbeit im sozialen Sektor die BeschĂ€ftigten oft deshalb, weil sie den Eindruck hĂ€tten, etwas Sinnvolles zu tun, stellen die Forscherinnen und Forscher fest. Allerdings herrsche oft auch das GefĂŒhl vor, am Rande der Armutsgrenze arbeiten zu mĂŒssen und vom Arbeitgeber fĂŒr den Einsatz wenig belohnt zu werden. Das Deutsche Rote Kreuz sieht die Politik gefordert, mehr Mittel fĂŒr den sozialen Sektor vorzusehen.

«Am Ende sind es politische Entscheidungen und Akteure wie Kommunen, Kassen, LĂ€nder und der Bund, die eine entscheidende Rolle spielen», sagte der DRK-Bereichsleiter Joß Steinke, Mitautor der Studie, der dpa. «Die zentrale Frage ist: Wie viel ist der soziale Sektor der Gesellschaft wert? Oder anders gefragt: Was darf er kosten?»

@ dpa.de