Krankmeldungen, Regierung

Krankmeldungen: Regierung plant Attestpflicht ab dem ersten Tag

Veröffentlicht am: 27.07.2026 um 12:19 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Krankenkassendaten belegen: Psychische Leiden verdrÀngen Atemwegserkrankungen als hÀufigsten AU-Grund. Die Regierung plant strengere Regeln bei Krankmeldungen.

Psychische Erkrankungen als neue Hauptursache fĂŒr ArbeitsunfĂ€higkeit
Ein minimalistischer, moderner BĂŒroarbeitsplatz in hellem, freundlichem Licht, der eine professionelle und ruhige AtmosphĂ€re vermittelt. Illustration mit AI erstellt ĂŒbermittelt durch boerse-global.de

Die Krankenkassendaten fĂŒr das erste Halbjahr 2026 zeigen einen klaren Trend: Psychische Leiden lösen Atemwegserkrankungen als hĂ€ufigste Ursache fĂŒr ArbeitsunfĂ€higkeit ab. Gleichzeitig plant die Bundesregierung eine VerschĂ€rfung der Krankmeldungsvorschriften.

Krankenstand sinkt – aber psychische FĂ€lle steigen

Die DAK-Gesundheit verzeichnet fĂŒr die ersten sechs Monate 2026 einen leichten RĂŒckgang des allgemeinen Krankenstandes. In Hessen sank er um 0,2 Prozentpunkte auf 5,5 Prozent. Bayern liegt bei 4,6 Prozent, Niedersachsen ebenfalls bei 5,5 Prozent. Mecklenburg-Vorpommern bleibt mit 6,4 Prozent Spitzenreiter.

Gleichzeitig legten psychisch bedingte AusfĂ€lle massiv zu. In Hessen und Bayern stiegen sie um 12 Prozent, in Schleswig-Holstein sogar um 15 Prozent. Atemwegserkrankungen gingen dagegen in Hessen um 21 Prozent zurĂŒck. Zwar machen psychische Störungen nur 4,8 Prozent aller FĂ€lle aus – mit durchschnittlich 28 bis 28,5 Fehltagen pro Fall verursachen sie aber besonders lange Ausfallzeiten.

Langfristiger Trend mit dramatischen Zahlen

Der Anstieg psychischer Fehltage ist kein neues PhÀnomen. Seit 2014 registrierte die AOK eine Zunahme von 47 Prozent. Im Vergleich zum Jahr 2000 haben sich die Ausfalltage fast verdreifacht.

Besonders betroffen: PflegekrĂ€fte, Erzieher und Lehrer. Der DAK-Psychreport 2025 zeigt: In der Kinderbetreuung fallen 586 Fehltage je 100 BeschĂ€ftigte an, in der Pflege 573 Tage. DAK-Chef Andreas Storm fordert verstĂ€rkte PrĂ€ventionsmaßnahmen. Experten machen schwierige Arbeitsbedingungen und chronische Überlastung verantwortlich.

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Regierung plant strengere Regeln

Die Koalition will gegenzusteuern – mit einer VerschĂ€rfung der Nachweispflichten. Kernpunkte: Die telefonische Krankschreibung fĂ€llt weg. Zudem soll eine Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag gelten. Bisher war ein Ă€rztliches Zeugnis erst ab dem dritten Tag nötig.

Mediziner laufen Sturm. Die KassenĂ€rztliche Bundesvereinigung und der HausĂ€rzteverband warnen vor ĂŒberfĂŒllten Praxen. HausĂ€rzte-Chefin Dr. Jana Husemann: „Der Wegfall der telefonischen AU fĂŒhrt besonders bei Infektionswellen zu ĂŒberfĂŒllten Wartezimmern.“ Auch SPD-Politikerin BĂ€rbel Bas Ă€ußerte Skepsis.

Neue Instrumente: Teilkrankschreibung und schĂ€rfere Regeln fĂŒr Grundsicherung

Im Rahmen der GKV-Finanzreform wurde die Teilkrankschreibung eingefĂŒhrt. Arbeitnehmer können je nach Gesundheitszustand zu 25, 50 oder 75 Prozent arbeiten. DAK-Landeschefs begrĂŒĂŸen das Modell als flexibles Wiedereingliederungsinstrument.

Seit Juli 2026 gilt zudem das Grundsicherungsgeld als Nachfolger des BĂŒrgergelds. Die Regeln fĂŒr AU-Bescheinigungen wurden verschĂ€rft: Bei wiederholten TerminversĂ€umnissen unter Berufung auf Krankheit können Zweifel an der Meldung geltend gemacht werden. Sozialrechtsexperten und die Diakonie kritisieren dies als Generalverdacht gegen Leistungsbezieher.

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Hohe Fehlzeiten – aber kein deutscher Sonderfall

Der wirtschaftliche Druck bleibt enorm. 2024 lag die durchschnittliche Krankheitstagezahl pro BeschÀftigtem laut BKK bei 22 Tagen. Ein Blick auf OECD-Daten relativiert die Debatte: Sieben MitgliedslÀnder haben noch höhere KrankenstÀnde als Deutschland.

Studien von DAK und IGES aus dem Jahr 2022 deuten zudem darauf hin: Der Anstieg gemeldeter FĂ€lle hĂ€ngt auch mit der EinfĂŒhrung der elektronischen ArbeitsunfĂ€higkeitsbescheinigung zusammen. Die lĂŒckenlosere Erfassung erklĂ€rt einen Teil des Anstiegs – nicht zwingend ein tatsĂ€chlicher Missbrauch von Krankschreibungen.

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