Krankschreibung: Attestpflicht ab erstem Tag geplant
04.07.2026 - 14:51:15 | boerse-global.de
Ab dem ersten Krankheitstag soll kĂŒnftig ein Ă€rztliches Attest Pflicht sein. Die telefonische Krankschreibung aus der Pandemie-Zeit wĂŒrde damit entfallen.
RĂŒckkehr zu alten Regeln
Am 2. Juli 2026 einigte sich die Koalition auf ein MaĂnahmenpaket gegen die hohen Fehlzeiten in Unternehmen. Unions-Fraktionschef Friedrich Merz verteidigte das Vorhaben als RĂŒckkehr zu bewĂ€hrten Regeln. Betroffene mĂŒssten zwar nicht zwingend am ersten Tag in die Praxis â ein gĂŒltiges Attest mĂŒsse aber vorliegen.
Jens Spahn (CDU) untermauerte den VorstoĂ mit Zahlen: Mit durchschnittlich 18 Krankheitstagen pro Jahr liege Deutschland an der EU-Spitze. Die Neuregelung solle sogenannte âBettkantenentscheidungenâ reduzieren. Laut Statistischem Bundesamt lagen die Fehlzeiten 2024 im Schnitt bei 14,8 Tagen. Die Kosten fĂŒr Lohnfortzahlung werden auf jĂ€hrlich 82 bis 85 Milliarden Euro geschĂ€tzt.
Scharfe Kritik aus Medizin und Wirtschaft
Medizinische Fachorganisationen laufen Sturm gegen die PlĂ€ne. Die KassenĂ€rztliche Bundesvereinigung (KBV) rechnet mit bis zu 30 Millionen zusĂ€tzlichen Praxisbesuchen pro Jahr. DAK-Chef Andreas Storm warnte am 3. Juli vor einem âChaos in den Hausarztpraxenâ. Die Kombination aus Attestpflicht und Wegfall der telefonischen Option werde zu massiver ĂberfĂŒllung fĂŒhren.
Auch Ăkonomen zweifeln an der Wirksamkeit. Daniel Graeber vom DIW betont: Es gebe keinen belegten Zusammenhang zwischen hohen KrankenstĂ€nden und telefonischer Krankschreibung. Analysen fĂŒr 2020 bis 2023 zeigen: Nur 0,8 bis 1,2 Prozent aller Krankmeldungen erfolgten telefonisch. Graeber warnt sogar vor gegenteiligen Effekten â durch Praxisbesuche entstĂŒnden zusĂ€tzliche Ansteckungsrisiken und lĂ€ngere Genesungszeiten.
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Rund 40 Prozent aller Fehltage entfallen auf Langzeiterkrankungen ĂŒber sechs Wochen. Dieser Bereich bleibt von der Neuregelung praktisch unberĂŒhrt.
Streit in der Koalition
Innerhalb der SPD regt sich Widerstand gegen die Einigung vom 2. Juli. Die Vorsitzenden Lars Klingbeil und BĂ€rbel Bas relativierten die BeschlĂŒsse in den Folgetagen. Klingbeil fordert eine âvernĂŒnftige und praktikable Umsetzungâ. Bas betonte, die VerschĂ€rfung habe nicht ihrem Vorschlag entsprochen. Bestehende TarifvertrĂ€ge mit abweichenden Regelungen mĂŒssten unangetastet bleiben.
Als möglicher Kompromiss kursiert die EinfĂŒhrung von Teilkrankschreibungen. Gesundheitsministerin Christine Warken (CDU) erlĂ€uterte PlĂ€ne fĂŒr ArbeitsunfĂ€higkeiten in Stufen von 25, 50 oder 75 Prozent. Zudem setze man verstĂ€rkt auf Videosprechstunden.
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Breite Ablehnung in der Bevölkerung
Der Patientenbeauftragte Stefan Schwartze (SPD) bezeichnete die Attestpflicht am ersten Tag als âunnötige Belastung fĂŒr Krankeâ. Er kritisierte das damit verbundene Misstrauen gegenĂŒber Arbeitnehmern. Eine YouGov-Umfrage untermauert die Skepsis: 59 Prozent der Befragten lehnen die Attestpflicht ab, 58 Prozent sprechen sich gegen die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung aus.
