Krankschreibung: Koalition plant AU-Pflicht ab erstem Krankheitstag
06.07.2026 - 23:31:38 | boerse-global.de
Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) legt die zweite Ausgabe ihres Magazins „baua: Aktuell“ vor. Schwerpunkt: „Daten verstehen, Arbeitswelt gestalten“. Die Veröffentlichung kommt genau in dem Moment, in dem die Politik über schärfere Regeln bei Krankmeldungen streitet.
Zehn Jahre Arbeitszeitforschung – was hat sich geändert?
Das Herzstück der neuen Publikation: die BIBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung. Sie zeigt, wie die Digitalisierung Arbeitsplätze verändert. Hinzu kommt die Arbeitszeitbefragung, die ihr zehnjähriges Jubiläum feiert. Seit 2015 liefert sie Daten dazu, wie Beschäftigte ihre Arbeitszeiten erleben – und wo die Belastung steigt.
Die Behörde will damit den Arbeitsschutz an die flexible Arbeitswelt anpassen. Ein Blick auf die mentale Gesundheit zeigt: Die psychischen Belastungen nehmen zu. Auch neue Beschäftigungsformen hinterlassen ihre Spuren.
Streit um die Krankschreibung: Wer muss zum Arzt?
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Parallel zur Veröffentlichung der Daten eskalierte die politische Debatte. Der Koalitionsausschuss plant, die telefonische Krankschreibung abzuschaffen. Stattdessen soll die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) bereits ab dem ersten Krankheitstag Pflicht werden. Bisher ist das zwar rechtlich möglich, aber nicht bundesweit verpflichtend.
Der Grund: die Kosten. Für 2024 schätzt man die Lohnfortzahlung auf 82 bis 85 Milliarden Euro. Die Produktionsausfälle? Rund 134 Milliarden Euro. Befürworter der Reform versprechen sich von strengeren Kontrollen einen niedrigeren Krankenstand.
„Das wird den Druck erhöhen“ – Experten warnen
Der Widerstand ist massiv. Arbeitnehmervertreter in der Union kritisieren das Vorhaben scharf. Ihre Befürchtung: Mehr Druck auf Kranke führt zu Präsentismus – also dem Erscheinen trotz Krankheit. Auch die SPD mahnt eine praktikable Umsetzung an und schlägt flexible Betriebsvereinbarungen vor.
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Professor Marvin Reuter von der Universität Bamberg ist deutlich: Eine verschärfte Nachweispflicht werde den Krankenstand nicht senken. Im Gegenteil – sie erhöhe die psychische Belastung. Mediziner rechnen mit bis zu 30 Millionen zusätzlichen Arztbesuchen pro Jahr. Das würde die Praxen massiv belasten.
Prävention statt Kontrolle – ein Blick ins Ausland
Experten wie Lea Feder fordern einen anderen Ansatz: Unternehmen sollten auf Stressreduktion und Resilienz setzen. Denn psychische Erkrankungen fĂĽhren oft zu besonders langen Ausfallzeiten. Reine Kontrolle reiche nicht.
Der internationale Vergleich zeigt: Andere Länder machen es ganz anders. In Japan gibt es keine gesetzliche Lohnfortzahlung. Italien setzt auf Amtsarztbesuche und Karenztage. Polen und Tschechien verlangen die AU ab Tag eins – aber mit prozentual reduziertem Lohnersatz.
Während hierzulande die Debatte tobt, findet in der Schweiz ein internationales Symposium zur Arbeit in der Landwirtschaft statt. Vom 7. bis 10. Juli diskutieren Fachleute in Zollikofen über Arbeitsplatzsicherheit und Attraktivität. Dort wird auch der Ludwig-Wilhelm-Ries-Preis für herausragende arbeitswissenschaftliche Leistungen verliehen.
