Handwerk

Fleischtheken verwaisen: Geht uns jetzt der Metzger aus?

21.04.2026 - 08:49:53 | presseportal.de

Lauffen a.N. - In deutschen SupermĂ€rkten und Metzgereien wird ein Problem immer sichtbarer: leere Fleischtheken. Tausende Stellen bleiben unbesetzt, viele Betriebe finden schlicht kein Personal mehr. Allein 2025 konnten im Schnitt rund 4.600 Stellen fĂŒr FleischfachverkĂ€ufer nicht besetzt werden – so viele wie nie zuvor. Gleichzeitig geht die Zahl der BeschĂ€ftigten seit Jahren zurĂŒck, wĂ€hrend ein großer Teil der Belegschaft kurz vor dem Ruhestand steht.

Fleischtheken verwaisen: Geht uns jetzt der Metzger aus? - Foto: presseportal.de
Fleischtheken verwaisen: Geht uns jetzt der Metzger aus? - Foto: presseportal.de

Die leeren Theken sind kein kurzfristiges Problem – sie zeigen, dass ein ganzes Berufsbild an AttraktivitĂ€t verloren hat. Wenn Nachwuchs fehlt, Arbeitszeiten unattraktiv sind und Perspektiven fehlen, entsteht ein strukturelles Defizit, das sich nicht schnell lösen lĂ€sst. Hier erfahren Sie, warum der FachkrĂ€ftemangel gerade im Metzgerhandwerk so stark zuschlĂ€gt, welche Folgen das fĂŒr Handel und Kunden hat und ob neue Konzepte wie Selbstbedienung oder internationale Rekrutierung die Entwicklung wirklich auffangen können.

Vielseitiger Beruf, geringe Struktur

Ein zentraler Grund fĂŒr den FachkrĂ€ftemangel liegt in der Struktur vieler Betriebe. Die Branche ist geprĂ€gt von kleinen und mittleren Unternehmen mit fĂŒnf bis 30 BeschĂ€ftigten. In diesen Strukturen mĂŒssen Mitarbeitende ein breites Aufgabenspektrum abdecken. Wer an der Theke arbeitet, verkauft nicht nur Fleisch, sondern berĂ€t zu Wurst, KĂ€se, Feinkost und Imbissangeboten, ĂŒbernimmt Vorbereitungen, kennt Rezepturen und organisiert zugleich Lager und AblĂ€ufe.

WĂ€hrend in grĂ¶ĂŸeren Betrieben einzelne TĂ€tigkeiten stĂ€rker spezialisiert sind, bleibt die Arbeit insbesondere im Verkauf auch dort komplex. Die Anforderungen an Fachwissen und FlexibilitĂ€t sind entsprechend hoch. Gleichzeitig fehlen jedoch hĂ€ufig klare ZustĂ€ndigkeiten, definierte Prozesse oder strukturierte Einarbeitungen. In vielen Betrieben existieren weder Organigramme noch standardisierte AblĂ€ufe. Aufgaben werden situativ verteilt, Wissen wird informell weitergegeben.

Diese fehlende Struktur erschwert den Einstieg erheblich. Neue Mitarbeitende, insbesondere Quereinsteiger, sind schnell ĂŒberfordert. Ohne klare Orientierung und systematische Einarbeitung sinkt die Motivation, wĂ€hrend die Fluktuation steigt.

Fehlende Professionalisierung in FĂŒhrung und Organisation

Neben der operativen Vielfalt stellt die betriebliche Organisation eine weitere Herausforderung dar. Themen wie PersonalfĂŒhrung, Kennzahlensteuerung oder digitale UnterstĂŒtzung sind im Handwerk oft nur rudimentĂ€r ausgeprĂ€gt. Digitale Werkzeuge zur Aufgabenplanung, transparente Zielsysteme oder strukturierte Onboarding-Prozesse sind selten etabliert.

Dadurch entsteht ein Spannungsfeld: Einerseits steigen die Anforderungen an Mitarbeitende, andererseits fehlen unterstĂŒtzende Strukturen. Betriebe, die ihre Organisation nicht weiterentwickeln, verlieren im Wettbewerb um FachkrĂ€fte an AttraktivitĂ€t. Denn qualifizierte BeschĂ€ftigte orientieren sich zunehmend an Arbeitsumgebungen mit klaren Prozessen, verlĂ€sslichen AblĂ€ufen und Entwicklungsperspektiven.

Marketing als unterschÀtzter Engpass

Hinzu kommt ein Defizit im Bereich Marketing. Lange Zeit war es fĂŒr Metzgereien ausreichend, qualitativ gute handwerkliche Arbeit zu leisten. Kundschaft und Personal fanden sich weitgehend von selbst. Diese Rahmenbedingungen haben sich grundlegend verĂ€ndert.

Heute mĂŒssen Betriebe aktiv um Aufmerksamkeit werben, sowohl bei Kunden als auch bei potenziellen Mitarbeitenden. Vielen fehlt jedoch das Know-how, um moderne KommunikationskanĂ€le zu nutzen. Gleichzeitig stellt die Digitalisierung zusĂ€tzliche Anforderungen: Werbeanzeigen, Social Media und datenbasierte Steuerung setzen Kompetenzen voraus, die im klassischen Handwerk oft nicht vorhanden sind.

Selbst externe UnterstĂŒtzung durch Agenturen fĂŒhrt nicht automatisch zum Erfolg. Wenn interne Strukturen unklar bleiben und Arbeitsbedingungen nicht ĂŒberzeugen, verpuffen auch gut gemachte Kampagnen. Marketing kann Aufmerksamkeit erzeugen, ersetzt jedoch keine funktionierende betriebliche Basis.

Selbstbedienung und internationale Rekrutierung – Chancen mit Grenzen

Angesichts des Personalmangels setzen viele Betriebe auf neue Konzepte. Selbstbedienungslösungen etwa ermöglichen lĂ€ngere Öffnungszeiten und zusĂ€tzliche UmsĂ€tze, da Produkte auch außerhalb klassischer Verkaufszeiten verfĂŒgbar sind. Zudem sprechen sie neue Kundengruppen an.

Allerdings ersetzen solche Modelle keine FachkrĂ€fte. Eine klassische Bedienungstheke erzielt pro Stunde oft deutlich höhere UmsĂ€tze als ein Selbstbedienungssystem. Zudem erfordert auch dieses Konzept Personal, etwa fĂŒr Produktion, Verpackung und Logistik. Vielmehr handelt es sich um eine ErgĂ€nzung zur Stabilisierung des GeschĂ€fts, nicht um eine vollstĂ€ndige Alternative.

Auch die internationale Rekrutierung bietet Potenzial, ist jedoch an Voraussetzungen gebunden. Betriebe mĂŒssen Wohnraum bereitstellen, kulturelle Unterschiede berĂŒcksichtigen und strukturierte Einarbeitungsprozesse etablieren. Ohne diese Rahmenbedingungen gestaltet sich die Integration schwierig. Zudem ist langfristig mit Fluktuation zu rechnen, sodass eine kontinuierliche Rekrutierung notwendig bleibt.

Ohne strukturellen Wandel keine Lösung

Weder Selbstbedienung noch internationale FachkrĂ€fte lösen das Grundproblem des Metzgerhandwerks. Entscheidend ist vielmehr die Weiterentwicklung der Betriebe selbst. Dazu gehören klare Organisationsstrukturen, systematische PersonalfĂŒhrung, transparente Kommunikation und der gezielte Einsatz digitaler Werkzeuge.

Gleichzeitig gewinnt professionelles Marketing an Bedeutung, um sowohl Kunden als auch Mitarbeitende zu erreichen. Betriebe mĂŒssen ihre Arbeitsbedingungen sichtbar machen und aktiv vermitteln, was sie bieten.

Der FachkrĂ€ftemangel ist somit nicht allein eine Frage fehlender Bewerber, sondern Ausdruck struktureller Defizite. Wer diese nicht adressiert, wird auch kĂŒnftig Schwierigkeiten haben, Personal zu gewinnen und zu halten.

Über Tobias Fichtel:

Tobias Fichtel ist Metzgermeister, Fleischsommelier und Betriebswirt sowie GrĂŒnder der Fichtel Consulting GmbH. Mit seiner langjĂ€hrigen Erfahrung unterstĂŒtzt er klassische Handwerksmetzgereien im deutschsprachigen Raum bei der Betriebsoptimierung. Sein Fokus liegt auf PersonalfĂŒhrung, Struktur und Digitalisierung – zentrale Hebel im Kampf gegen den FachkrĂ€ftemangel. Mehr Informationen unter: https://www.tobias-fichtel.de/

Pressekontakt:

Fichtel Consulting GmbH
Vertreten durch: Tobias Fichtel
E-Mail: info@tobias-fichtel.de
Website: https://tobias-fichtel.de/

Original-Content von: Fichtel Consulting GmbH ĂŒbermittelt durch news aktuell

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