Menopause am Arbeitsplatz: ETUC fordert Verankerung im EU-Recht
Veröffentlicht am: 17.10.2026 um 18:18 Uhr | Redaktion boerse-global.deAnlässlich des Weltmenopausentags am 18. Oktober hat die Europäische Gewerkschaftskonföderation (ETUC) in Brüssel gefordert, die Menopause als Arbeitsfrage im EU-Recht zu verankern.
Der Verband, der 45 Millionen Mitglieder in 41 europäischen Ländern vertritt, erklärte am 16. Oktober 2026, dass mangelnde betriebliche Unterstützung zu erheblichen Einbußen bei Einkommen, beruflichem Aufstieg und Rentenansprüchen führe.
Die stellvertretende ETUC-Generalsekretärin Isabelle Schömann betonte, dass arbeitsbedingte Gesundheitsrisiken von Frauen bislang vernachlässigt würden und die bestehenden Rechtsrahmen primär auf männerdominierte Berufsfelder zugeschnitten seien.
Wirtschaftliche Folgen und gesundheitliche Belastungen
Nach Angaben der ETUC setzt die Menopause bei den meisten Frauen im Alter zwischen 45 und 55 Jahren ein. Rund 85 Prozent der Betroffenen erleben mindestens ein Symptom, während 25 bis 30 Prozent unter mittelschweren bis schweren Beschwerden leiden. Bei rund 30 Prozent der Frauen beeinträchtigen Symptome wie Fatigue, Konzentrationsprobleme, Schlafstörungen, Hitzewallungen, Gelenkschmerzen und Angstzustände die tägliche Arbeitsfähigkeit.
Die Gewerkschaftskonföderation verknüpft die Thematik direkt mit der geschlechtsspezifischen Lohn- und Rentenlücke. Sie verwies auf Studien, nach denen die Einkommen von Frauen in Norwegen in den vier Jahren nach einer Diagnose um 7,4 Prozent sanken, bedingt durch reduzierte Arbeitszeiten, Krankschreibungen sowie entgangene Beförderungen.
Daten des University College London für Schweden und Norwegen belegen laut ETUC einen durchschnittlichen Einkommensrückgang von 4,3 Prozent, der im vierten Jahr bis zu 10 Prozent erreiche. Zugleich stiegen die Anträge auf Erwerbsunfähigkeitsrente um 4,8 Prozent und die Verschreibungen von Antidepressiva um 5,1 Prozent.
Auch internationale Untersuchungen verdeutlichen die ökonomische Dimension: Laut Erhebungen der Organisation Global 50/50 stieg die Beschäftigungsquote von Frauen im Alter von 55 bis 59 Jahren in den OECD-Ländern zwischen 2000 und 2024 um 18,5 Prozentpunkte.
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Im Vereinigten Königreich gab eine von zehn Frauen im Alter von 45 bis 55 Jahren ihren Arbeitsplatz aufgrund von Symptomen auf. Eine Untersuchung der Mayo Clinic bezifferte die jährlichen Produktivitätsverluste durch die Menopause bei Frauen in den USA im Alter von 45 bis 60 Jahren auf 1,8 Milliarden US-Dollar.
Konkreter Forderungskatalog und zögerliche EU-Politik
Das Forderungspaket der ETUC umfasst verbindliche betriebliche Gefährdungsbeurteilungen unter Berücksichtigung von Raumtemperatur und Belüftung, flexible Arbeitszeitmodelle, Homeoffice-Optionen sowie gezielte Schulungen für Führungskräfte und Personalabteilungen.
Zudem verlangt die Konföderation bezahlte Freistellungen bei akuten Symptomen und den kostenlosen Zugang zu Menstruations- und Menopausenprodukten am Arbeitsplatz. Ähnliche Leitlinien formulierte die Europäische Menopause-Gesellschaft (EMAS), die neben Temperaturkontrollen und leichten Arbeitskleidungsvorschriften auch den Umgang mit psychosozialen Risiken anmahnt.
Auf europäischer Ebene verläuft die Umsetzung indessen schleppend. Die EU-Kommission legte bislang keine eigenständige Menopausen-Strategie vor. Zwar fand das Thema im März Eingang in die Gleichstellungsstrategie 2026–2030, eine entsprechende EU-Studie ist jedoch erst für 2028 vorgesehen.
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Im Europäischen Parlament liegt ein Initiativbericht der spanischen Abgeordneten Lina Gálvez im Ausschuss für die Rechte der Frau und die Gleichstellung der Geschlechter (FEMM) vor, der das Thema als wirtschafts- und sozialpolitische Aufgabe einstuft; die Plenardebatte hierzu soll im kommenden Jahr stattfinden.
Nationale Vorstöße und neue Standards
Trotz fehlender EU-Vorgaben wächst der Handlungsdruck in den Mitgliedsstaaten. Bei den ersten Assises de la ménopause in Paris kündigte der französische Arbeitsminister Jean-Pierre Farandou am 15. Oktober 2026 Anpassungen der Arbeitsbedingungen an.
Vorgesehen seien eine stärkere Mobilisierung der Unternehmen, die Nutzung der arbeitsmedizinischen Lebensmitte-Untersuchung als Gesundheitscheck sowie eine bessere Ausstattung von Arbeitsmedizinern. In Spanien forderte die Gewerkschaft UGT Aragón geschlechtergerechte Überwachungsprotokolle nach nationalem Arbeitsschutzrecht.
Eine weltweite Orientierung bietet die 2026 veröffentlichte internationale Norm ISO 45010, die Leitlinien für Arbeitsplatzanpassungen und inklusive Unternehmensrichtlinien bei Menstruation und Menopause bereithält.
Die praktische Verbreitung bleibt jedoch gering: Global 50/50 stellte fest, dass von 198 untersuchten globalen Gesundheitsorganisationen lediglich eine über eine eigenständige, öffentlich zugängliche Menopause-Richtlinie verfügt und 161 Organisationen keinerlei Regelung aufweisen.
