Erste PrÀsidentin in der Geschichte Mexikos gewÀhlt
03.06.2024 - 11:29:05(neu: Mehr Details und Hintergrund.)
MEXIKO-STADT (dpa-AFX) - Mit Feuerwerk und Mariachi-Musik hat die Linkspolitikerin Claudia Sheinbaum ihren deutlichen Wahlsieg bei der PrĂ€sidentenwahl am Sonntag in Mexiko gefeiert. Die Regierungskandidatin wird ab dem 1. Oktober nicht nur die erste PrĂ€sidentin des bevölkerungsreichsten spanischsprachigen Landes sein- laut amtlicher Hochrechnung dĂŒrfte sie auch mehr Stimmen erhaltenhaben als alle ihre VorgĂ€nger in der mexikanischen Geschichte.
"Ich möchte den Millionen von Mexikanerinnen und Mexikanern danken, die an diesem historischen Tag fĂŒr uns gestimmt haben", sagte Sheinbaum. Noch vor Bekanntgabe der amtlichen Hochrechnung versammelten sich Tausende AnhĂ€nger der Kandidatin mit mexikanischen Fahnen auf dem ZĂłcalo-Platz im Herzen der Hauptstadt Mexiko-Stadt, um zu feiern.
Die 61 Jahre alte Ex-BĂŒrgermeisterin von Mexiko-Stadt, die als Favoritin galt, erhielt laut vorlĂ€ufigen Teilergebnissen nach AuszĂ€hlung von etwas weniger als zwei Drittel der Stimmen 57,9 Prozent, wie das Wahlamt am Montag mitteilte. Ihre beiden Rivalen von den Oppositionsparteien, XĂłchitl GĂĄlvez und Jorge Ălvarez, rĂ€umten ihre Niederlage ein und gratulierten ihr zum Sieg.
GĂĄlvez, Kandidatin der drei gröĂten Oppositionsparteien, landete den vorlĂ€ufigen Teilergebnissen zufolge auf dem zweiten Platz mit 29 Prozent der Stimmen. Ălvarez von der kleineren Mitte-Links-Partei Movimiento Ciudadano kam auf 10,6 Prozent. Das amtliche Endergebnis soll ab Mittwoch vorliegen. Die Regierungspartei Morena, der Sheinbaum angehört, hat den Hochrechnungen zufolge auch bei den Parlaments- und Regionalwahlen gut abgeschnitten.
Erste PrÀsidentin in 200 Jahren
GlĂŒckwĂŒnsche fĂŒr die kĂŒnftige PrĂ€sidentin gab es insbesondere vom amtierenden linkspopulistischen Staats- und Regierungschef AndrĂ©s Manuel LĂłpez Obrador, ihrem politischen Ziehvater. "Mit all meiner Zuneigung und meinem Respekt gratuliere ich Claudia Sheinbaum. Sie wird die erste PrĂ€sidentin Mexikos in der 200-jĂ€hrigen Geschichte der Republik sein", sagte er in einer Videobotschaft.
Sheinbaum plant, die Politik von LĂłpez Obrador fortzusetzen. Sie spricht allerdings von "KontinuitĂ€t mit eigener Handschrift". Trotz der ungebremsten Gewalt der Drogenkartelle genieĂt LĂłpez Obrador hohe Zustimmungswerte. Nach sechs Jahren Amtszeit durfte er aber nicht erneut antreten.
Sheinbaum möchte LĂłpez Obradors Sozialpolitik mit staatlichen Hilfen fĂŒr junge und alte Menschen beibehalten und noch ausbauen. Im Kampf gegen die gravierende DrogenkriminalitĂ€t will sie weiterhin den StreitkrĂ€ften das Kommando ĂŒberlassen, aber neue Akzente setzen. Im Energiebereich möchte sie im Gegensatz zu LĂłpez Obrador die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien fördern.
Mehr als 20 000 Posten wurden neu vergeben
Es war der gröĂte Wahltag in der Geschichte der mit 130 Millionen Einwohnern zweitgröĂten Volkswirtschaft Lateinamerikas. Mehr als 20 000 Posten wurden neu besetzt. Neben dem PrĂ€sidentenamt standen alle 500 Sitze im Abgeordnetenhaus und die 128 Mandate im Senat zur Abstimmung.
Zudem entschieden die Mexikanerinnen und Mexikaner ĂŒber die Gouverneursposten in acht der 31 Bundesstaaten und im Hauptstadtdistrikt. Fast 100 Millionen BĂŒrger waren wahlberechtigt. Nach den ersten Prognosen konnte die Regierungspartei Morena unter anderem den wichtigen Hauptstadtdistrikt behalten. Der Wahlkampf war von Gewalt ĂŒberschattet: Laut der Beratungsfirma Integralia wurden seit September mindestens 34 Kandidaten getötet.
Eine Technokratin mit groĂen Herausforderungen
Im Gegensatz zu dem charismatischen LĂłpez Obrador gilt die kĂŒnftige PrĂ€sidentin als Technokratin. LĂłpez Obrador berief sie 2000 als Umweltministerin in das Hauptstadtkabinett, als er zum Regierungschef von Mexiko-Stadt gewĂ€hlt wurde. Sheinbaum wurde spĂ€ter BĂŒrgermeisterin eines Hauptstadtbezirks und ab Dezember 2018 Regierungschefin der Hauptstadt. Sie legte das Amt nieder, um sich fĂŒr das PrĂ€sidentenamt zu bewerben.
Sheinbaum ist studierte Physikerin und promovierte in Energietechnik. Sie beteiligte sich an zwei Sachstandsberichten des Weltklimarats (IPCC), der 2007 fĂŒr seine BemĂŒhungen gegen den Klimawandel den Friedensnobelpreis erhielt. Ihre Eltern waren beide linksgerichtete Wissenschaftler jĂŒdischer Abstammung mit Wurzeln in Litauen und Bulgarien, sie bekennt sich aber zu keiner Religion.
Zu den Herausforderungen der kĂŒnftigen PrĂ€sidentin zĂ€hlen die Gewalt der Drogenkartelle, die hohe Verschuldung der staatlichen Ălkonzerns Pemex und die Beziehungen zu den USA in Fragen Migration, Drogen und Handel. Die Armut ist nach Angaben der Regierung in den vergangenen Jahren zwar durch eine Vielzahl von Sozialprogrammen und die Erhöhung des Mindestlohns zurĂŒckgegangen. Mehr als ein Drittel der Bevölkerung gilt allerdings noch als arm.
Mexiko ist die zwölftgröĂte Volkswirtschaft der Welt. Zahlreiche auslĂ€ndische Unternehmen produzieren ihre Waren in Mexiko, um sie weitgehend zollfrei in den US-Markt zu exportieren. Die wirtschaftliche Entwicklung des Landes ist trotz der schlechten Sicherheitslage positiv.

