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Iran zwischen Krieg und Wandel

05.11.2024 - 06:35:04

Nach 100 Tagen im Amt muss Irans moderat-konservativer PrĂ€sident Massud Peseschkian gleich zwei riskante Krisen meistern: Im Innern wachsen die gesellschaftlichen Spannungen und in der Außenpolitik könnte ein Krieg mit Israel bevorstehen.

WĂ€hrend die MilitĂ€rfĂŒhrung der Revolutionsgarden, Irans Eliteeinheit, den Erzfeinden Israel und den USA mit einer Reaktion auf den jĂŒngsten Vergeltungsschlag droht, wĂ€chst in der Bevölkerung erneut die Kritik an strengen islamischen Kleidungsvorschriften.

Irans Machtzentren mit treuen Gefolgsleuten besetzt

Wie sich Irans Politik gewandelt hat, zeigt eine Parlamentsdebatte, in der Peseschkian vor einigen Monaten sein Kabinett gegen Kritik des rivalisierenden Lagers konservativer Hardliner verteidigte. In beispielloser Form erklĂ€rte der PrĂ€sident, dass sein Kabinett schließlich schon von ReligionsfĂŒhrer Ajatollah Ali Chamenei abgesegnet worden sei. "Stimmt endlich ab, damit wir eine Regierung formen können", forderte Peseschkian damals von den Abgeordneten. Beobachter werteten dies als Ausdruck, dass sich Peseschkian der StaatsfĂŒhrung vollkommen unterordnet. Im Iran ist der PrĂ€sident, anders als in vielen LĂ€ndern, nicht Staatsoberhaupt, sondern Regierungschef. Die tatsĂ€chliche Macht liegt bei ReligionsfĂŒhrer Chamenei, der auch Oberbefehlshaber der StreitkrĂ€fte ist.

Peseschkian gehört dem Lager der Reformbewegung an, deren AnhĂ€nger am Status quo festhalten, aber das autoritĂ€re System von innen reformieren wollen. Doch Kritik vieler BĂŒrger gibt es nicht nur an den Hardlinern, sondern auch an den Reformern um Peseschkian, wie die historisch geringe Beteiligung an Parlaments- und PrĂ€sidentenwahl gezeigt hat. Beide Fraktionen galten lange als zerstritten. Ein Erfolg Peseschkians ist Insidern zufolge, beide Lager zugunsten einer "nationalen Versöhnung" im Sinne des Systems vereint zu haben.

Ungewisse außenpolitische Zukunft

Mit Abbas Araghtschi hatte Peseschkian einen erfahrenen Diplomaten als Außenpolitiker gewonnen, um die belasteten Beziehungen zum Westen zu verbessern. Doch angesichts der militĂ€rischen Auseinandersetzungen mit Israel scheint dies mittlerweile unmöglich. Auch die Beziehungen zu Deutschland haben einen neuen Tiefpunkt erreicht, nachdem die Justiz den Deutsch-Iraner Djamshid Sharmahd hinrichten ließ. Vom Westen isoliert, bleibt die Kooperation mit Russland und China - eine Allianz, die jedoch im Land auf viel Kritik stĂ¶ĂŸt.

Auch der Ausgang der US-Wahl wird die außenpolitische Strategie der Islamischen Republik wesentlich beeinflussen. Ein PrĂ€sident mit harter Haltung gegenĂŒber dem Iran könnte die Spannungen im Nahen Osten weiter verschĂ€rfen. An Donald Trump, der 2018 einseitig aus dem Atomdeal ausstieg, neue Sanktionen verhĂ€ngte und die Revolutionsgarden als Terrororganisation einstufte, hat Irans FĂŒhrung keine guten Erinnerungen.

Konflikt mit Israel droht zu eskalieren

Irans politische FĂŒhrung steht im Dauer-Konflikt mit Erzfeind Israel erneut am Abgrund. Nach den jĂŒngsten direkten militĂ€rischen SchlĂ€gen droht der Konflikt zu eskalieren. Ein Insider in Teheran, vertraut mit dem Denken der Regierung, sagte: "Es wĂ€re falsch, die Entwicklungen der letzten Monate nicht als Niederlage zu sehen." Die allgemeine Wahrnehmung sei, dass Israels Auslandsgeheimdienst Mossad ĂŒberlegen ist. "Das ist bitter, aber wahr."

Experten zufolge spielt Peseschkian im militĂ€rischen Denken der Islamischen Republik jedoch nur eine untergeordnete Rolle. Die zentralen Entscheidungen treffen demnach Chamenei, die mĂ€chtigen Revolutionsgarden und der Generalstab. Der PrĂ€sident hatte wiederholt fĂŒr diplomatische Lösungen geworben. Am Sonntag deutete Peseschkian an, ein Waffenstillstand im Libanon und Gazastreifen könnte Irans Entscheidungen beeinflussen.

Wahlversprechen bisher nicht eingehalten

Irans PrĂ€sident trat mit Wahlversprechen an, BĂŒrgerrechte zu stĂ€rken und einige der strengen Internetsperren aufzuheben. Bis heute wurde davon jedoch nichts umgesetzt. "Peseschkian versucht weiterhin, mit volksnahem Auftreten und einer relativ kritischen Rhetorik Sympathien zu gewinnen", sagt ein iranischer Professor, der anonym bleiben möchte. Seit den Protestwellen der vergangenen Jahre glaube jedoch ein Großteil der Gesellschaft nicht mehr an solche Versprechen. Die Menschen wollen Ergebnisse, keine leeren Worte, erklĂ€rt der Hochschuldozent am Telefon. Die Absichten Peseschkians hĂ€lt er dennoch fĂŒr ehrlich. "Er glaubt an das, was er sagt. Doch war Peseschkian nie ein richtiger Politiker, sondern eher ein revolutionstreuer Idealist in der Provinz."

@ dpa.de