SPD mahnt Union zur VerlÀsslichkeit
08.08.2025 - 06:35:01Nach dem RĂŒckzug der von der SPD nominierten Verfassungsrichterkandidatin Frauke Brosius-Gersdorf erwarten die Sozialdemokraten mehr VerlĂ€sslichkeit und LoyalitĂ€t von ihren Koalitionspartnern CDU und CSU.
Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) sagte der Deutschen Presse-Agentur, "Kampagnen" dĂŒrften nicht dazu fĂŒhren, dass man talentierte und qualifizierte Bewerber - und vor allem Bewerberinnen- verliere. "Wir mĂŒssen daraus lernen - alle gemeinsam. Es geht umeine bessere Diskussionskultur und darum, solchen Angriffen auf die Demokratie kĂŒnftig besser standzuhalten."
Die Wahl der Potsdamer Juraprofessorin Brosius-Gersdorf und zwei weiteren Kandidaten fĂŒr das Bundesverfassungsgericht war im Juli im Bundestag kurzfristig abgesetzt worden, weil der Widerstand in der Unionsfraktion gegen die SPD-Kandidatin zu groĂ geworden war. Die Fraktionsspitze konnte die dem Koalitionspartner SPD zugesagte UnterstĂŒtzung nicht garantieren.
SPD-Fraktionschef Matthias Miersch schrieb in einem Brief an seine Abgeordneten, CDU und CSU mĂŒssten sich nun zu den Spielregeln des Regierens bekennen. "Nur wenn Zusagen Bestand haben, sind tragfĂ€hige Kompromisse möglich. Nur dann können wir Vertrauen zurĂŒckgewinnen und politische HandlungsfĂ€higkeit sichern."
Die Unionsspitze habe zunĂ€chst wiederholt ihre Zustimmung zu Brosius-Gersdorf signalisiert. "Dass sich zentrale Teile der CDU/CSU-Fraktion am Ende davon distanziert haben, erschĂŒttert nicht nur Vertrauen, sondern stellt das Fundament infrage, auf dem demokratische Zusammenarbeit ĂŒberhaupt möglich ist." Weiter schrieb Miersch: "Vielleicht fragen sich einige von Euch, wie belastbar diese Koalition ĂŒberhaupt noch ist, wenn sich der andere Partner nicht an Absprachen hĂ€lt. In dem Zustand, in dem sich die Unionsfraktion bei der Richterwahl prĂ€sentiert hat, ist diese Frage berechtigt."
Bundesregierung "zum Gelingen verdammt"
Der rheinland-pfÀlzische MinisterprÀsident und Vizechef der Bundes-SPD, Alexander Schweitzer, rief zu besserer Zusammenarbeit in der Koalition auf. "Diese Bundesregierung ist zum Gelingen verdammt", sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). "Ich kann nur hoffen, dass dies alle vor Augen haben, allen voran Bundeskanzler Friedrich Merz."
Die vor allem in der Union umstrittene Brosius-Gersdorf hatte am Donnerstag mitgeteilt, dass sie nicht lĂ€nger fĂŒr eine Kandidatur als Richterin am Bundesverfassungsgericht zur VerfĂŒgung stehe. Ihr sei aus der CDU/CSU-Fraktion sehr deutlich signalisiert worden, dass ihre Wahl ausgeschlossen sei, hieĂ es in einem ĂŒber eine Bonner Kanzlei verbreiteten Schreiben. Zudem kritisierte die 54-jĂ€hrige Staatsrechtlerin Teile der Medien, auch wenn die Berichterstattung dann sachlicher geworden sei.
Als Grund wurden unter anderem ĂuĂerungen zum Schwangerschaftsabbruch und zu einer möglichen Impfpflicht in Corona-Zeiten angefĂŒhrt. Auch meldete sich kurz vor der geplanten Wahl der Plagiatssucher Stefan Weber mit Fragen zur Dissertation der Staatsrechtlerin zu Wort. Brosius-Gersdorf hatte zunĂ€chst an ihrer Nominierung festgehalten.
Linke fordert Mitsprache
Linken-Chefin Ines Schwerdtner sagte dem Portal t-online, die VorgĂ€nge um Brosius-Gersdorf seien ein Armutszeugnis fĂŒr die Bundesregierung. Unionsfraktionschef Jens Spahn habe seine Fraktion nicht im Griff, und die Sozialdemokraten hĂ€tten "die Durchsetzungskraft eines schlafenden Kaninchens". So werde eine Regierung keine vier Jahre durchhalten können. Bei kĂŒnftigen Richterwahlen im Bundestag fordert Schwerdtner ein Vorschlagsrecht und einen Platz am Tisch fĂŒr ihre Partei.
Der SPD-Bundestagsabgeordnete Ralf Stegner sagte dem RND zum RĂŒckzug von Brosius-Gersdorf: "Der Tag wird in die Geschichte eingehen als der Tag, an dem der rechte Mob erstmals einen Triumph gefeiert hat. Die demokratischen Parteien haben sich demgegenĂŒber als wehrlos erwiesen." Die Union mĂŒsse endlich verstehen, welchen Dammbruch sie ermöglicht habe.
"Beigetragen hat dazu eine Mischung aus Böswilligkeit, FahrlĂ€ssigkeit und Schlafwandlerei", sagte Stegner. "Eine Wiederholung eines solchen Vorgangs muss ausgeschlossen werden. Merz und Spahn mĂŒssen öffentlich deutlich signalisieren, dass sie begriffen haben, was da auf dem Spiel steht."
Der RĂŒckzug Brosius-Gersdorfs mag die Blockade um die Richterwahl lösen, zugleich stellt er die Koalition vor ein neues (altes) Problem: im Bundestag die nötige Zweidrittelmehrheit zu finden fĂŒr die Wahl ihrer Kandidaten.
Schon bei der Mitte Juli geplatzten Wahl hÀtte die CDU/CSU am Ende auf Stimmen der AfD angewiesen sein können. Das möchten sowohl die Union als auch die anderen Fraktionen vermeiden. Doch GesprÀche mit der Linken, deren Stimmen dann nötig werden könnten, lehnte die Unionsfraktion ab.

