Weltsicherheitsrat fordert mehr humanitĂ€re Hilfe fĂŒr den Gazastreifen
22.12.2023 - 18:26:16Das mÀchtigste UN-Gremium verabschiedete am Freitag in New York einen deutlich aufgeweichten Kompromisstext. Die USA enthielten sich.
Seit Anfang der Woche hatte es danach ausgesehen, dass Washington seine Vetomacht einsetzen wĂŒrde, um die Interessen des VerbĂŒndeten Israel zu schĂŒtzen. Massive ZugestĂ€ndnisse der UnterhĂ€ndler verhinderten ein Scheitern des Beschlusses jedoch in letzter Sekunde. Insgesamt stimmten 13 der 15 LĂ€nder fĂŒr den Text, neben den USA enthielt sich Russland.
Der völkerrechtlich bindende Beschluss fordert Israel dazu auf, "unverzĂŒglich einen sicheren und ungehinderten humanitĂ€ren Zugang" in den Gazastreifen zu ermöglichen. Auch mĂŒssten die Voraussetzungen fĂŒr eine nachhaltige Einstellung der Gewalt geschaffen werden.
In der strittigen Frage nach der Art der Kontrolle der HilfsgĂŒter einigten sich die Ratsmitglieder darauf, einen zustĂ€ndigen UN-Koordinator einzusetzen. Dieser solle in Zusammenarbeit mit allen Akteuren auch fĂŒr die Beschleunigung der Lieferungen sorgen. Der Rat verlangt weiter, dass humanitĂ€re GĂŒter ĂŒber alle verfĂŒgbaren GrenzĂŒbergĂ€nge in den Gazastreifen flieĂen sollen.
Andere Passagen aber wurden auf Druck der USA gestrichen: Ein Paragraf, der "alle VerstöĂe gegen das humanitĂ€re Völkerrecht, einschlieĂlich aller willkĂŒrlichen Angriffe auf Zivilisten und zivile Objekte" verurteilt, findet sich in der Resolution so nicht mehr. Auch eine zuvor geforderte unverzĂŒgliche Aussetzung der Gewalt, um Hilfslieferungen zu ermöglichen, fehlt.
Eine Reihe von Ratsmitgliedern war wegen der deutlichen AbschwĂ€chungen unzufrieden mit dem Text. Offen ist dabei, wie viel Einfluss die Resolution tatsĂ€chlich haben wird. Trotz ihrer Verbindlichkeit dĂŒrften die Konsequenzen fĂŒr Israel bei Zuwiderhandlung ĂŒberschaubar sein.
Als Folge der israelischen KriegsfĂŒhrung der vergangenen zehn Wochen ist die humanitĂ€re Situation der mehr als zwei Millionen Menschen im Gazastreifen dramatisch. Eine aktuelle UN-Studie kommt zu dem Schluss, dass in dem abgeriegelten KĂŒstenstreifen 577 000 Menschen in die schwerwiegendste Kategorie des Hungers fallen. Im gesamten Rest der Welt zusammen gibt es dagegen gegenwĂ€rtig 129 000 Menschen, die Ă€hnlich bedroht seien. Fast alle Menschen im Gazastreifen leiden unter Hunger oder Vertreibung. Israel hatte den Gazastreifen nach der grausamen Terrorattacke der islamistischen Hamas vom 7. Oktober abgeriegelt und angegriffen.
Insbesondere die US-Regierung hatte bei der Verhandlung der Resolution, die von den Vereinigten Arabischen Emiraten eingebracht worden war, intern lange mit sich gerungen. Dem Vernehmen nach waren fĂŒhrende Diplomatinnen und Diplomaten schon Anfang der Woche zu einer Enthaltung bereit gewesen. Doch PrĂ€sident Joe Biden hatte trotz eines GesprĂ€chs am Dienstag mit UN-Botschafterin Linda Thomas-Greenfield zunĂ€chst die Entscheidung getroffen, ein Veto einzulegen. Dann aber bekam US-AuĂenminister Antony Blinken in direkten GesprĂ€chen mit seinen Amtskollegen aus den Vereinigten Arabischen Emiraten und Ăgypten Diplomaten zufolge weitere ZugestĂ€ndnisse.
In den vergangenen Wochen waren zwei Ă€hnliche ResolutionsentwĂŒrfe am Widerstand der USA gescheitert. Washington hatte sich stets hinter Israel gestellt und angegeben, dass VorstöĂe per Resolution die laufenden diplomatischen BemĂŒhungen vor Ort gefĂ€hrden könnten. Bislang hat der Weltsicherheitsrat nur vor einigen Wochen eine völkerrechtlich bindende Resolution mit humanitĂ€rem Fokus zu dem Konflikt verabschiedet. Die UN-Vollversammlung hat dagegen schon zweimal per Resolution ein Ende der Gewalt gefordert. Die Resolutionen dieses Gremiums sind allerdings nicht bindend, sondern gelten eher als symbolisch.
Auch UN-GeneralsekretĂ€r AntĂłnio Guterres hatte den Weltsicherheitsrat schon mit ungewöhnlich scharfen MaĂnahmen gedrĂ€ngt, sich fĂŒr einen humanitĂ€ren Waffenstillstand einzusetzen. In einem entsprechenden Brief an den Rat bezog er sich vor kurzem auf Artikel 99 der UN-Charta. Dieser erlaubt dem GeneralsekretĂ€r, den Sicherheitsrat auf "jede Angelegenheit hinzuweisen, die seiner Meinung nach die GewĂ€hrleistung von internationalem Frieden und Sicherheit gefĂ€hrden kann" - und ist den UN zufolge seit Jahrzehnten nicht angewandt worden.

