ROUNDUP, Fakten

'Ihr geht es um Fakten' - Obama preist Merkel in Washington

03.12.2024 - 06:35:04

"Nett und freundlich", aber "zurĂŒckhaltend": So beschreibt der frĂŒhere US-PrĂ€sident Barack Obama Angela Merkel.

"Ich wĂŒrde sagen, du bist nicht unbedingt ein extrovertierter Mensch", sagt der 63-JĂ€hrige scherzhaft an die ehemalige deutsche Bundeskanzlerin gerichtet. Bei einer Veranstaltung in der US-Hauptstadt Washington sprechen die beiden ĂŒber Merkels Memoiren - und ihr VerhĂ€ltnis zueinander. Auf der großen BĂŒhne in Washington wird viel gelacht - und es werden alte MissverstĂ€ndnisse ausgerĂ€umt. Aber lĂ€ngst nicht alles kommt zur Sprache.

Die ehemalige CDU-Vorsitzende hatte vergangene Woche ihre Memoiren mit dem Titel "Freiheit. Erinnerungen 1954 - 2021" vorgestellt. Nun ist sie in die USA gereist und niemand Geringeres als Obama, der von 2009 bis 2017 US-PrĂ€sident war, löchert die 70-JĂ€hrige nun vor einem ausverkauften Saal mit Fragen. Zwei Sessel, zwei kleine Tischchen - Merkel im klassischen weißen Blazer, Obama im dunklen Anzug: So sieht die BĂŒhne aus, auf der sonst eigentlich große Bands spielen.

Merkel und Obama demonstrieren Einigkeit

Die frĂŒhere Kanzlerin spricht auf Deutsch - ihre Antworten werden ins Englische ĂŒbersetzt. "Sie sollten wissen, dass ihr Englisch exzellent ist und dass wir nie Übersetzer benutzen", lobt Obama die Ex-Kanzlerin. Aber sie sei eben eine sehr genaue Person.

Merkel und Obama - das war nie ein völlig ungetrĂŒbtes VerhĂ€ltnis, wĂ€hrend beide jeweils in ihrem Land regiert haben. Im RĂŒckblick sieht das ganz anders aus - beide inszenieren ihre große Verbundenheit. Einige Monate nach ihrem Ausscheiden aus dem Kanzleramt besuchte Merkel gemeinsam mit Obama in Washington etwa das Nationalmuseum zur afroamerikanischen Geschichte und Kultur. Nun kommt auf der BĂŒhne in der US-Hauptstadt zur Sprache, womit ein nicht ganz einfaches VerhĂ€ltnis begann.

Die verflixte Rede in Berlin

Obama wollte als WahlkĂ€mpfer 2008 am Brandenburger Tor in Berlin reden - durfte aber nicht. Er musste an die nahe gelegene SiegessĂ€ule ausweichen. "Ich glaube, Angela wollte zu Recht darauf achten, dass nicht der eine oder andere Kandidat bevorzugt wird. Und so waren einige der SehenswĂŒrdigkeiten verboten", erzĂ€hlt der Demokrat augenzwinkernd - und nutzt das deutsche Wort "verboten". Merkel sei dann nach seinem Wahlsieg nicht sicher gewesen, ob er sauer darĂŒber sei. "Das war ich wirklich nicht, aber sie war immer besorgt, dass ich wĂŒtend bin."

Nun will auch Merkel ihre Sicht der Dinge darlegen - ebenfalls mit einem Augenzwinkern. Das Brandenburger Tor sei fĂŒr die Deutschen ein symbolischer und wichtiger Ort, schildert sie. Wenn sie dem Kandidaten Obama erlaubt hĂ€tte, dort zu sprechen - wer wĂ€re dann als NĂ€chstes gekommen? Doch alle hĂ€tten Obama geliebt - und behauptet, sie fĂŒrchte nur Obamas PopularitĂ€t und Rednerkunst. Am Ende sei dieser jedenfalls nicht sauer gewesen und man sei gut miteinander ausgekommen. Bei seinem ersten Besuch als PrĂ€sident im Sommer 2013 durfte Obama dann schließlich am Brandenburger Tor sprechen.

Nicht immer nur Schönwetter

Doch auch bei ernsteren Themen wie dem Umgang mit der Finanzkrise, sagt Obama, sei es immer kollegial zugegangen. Man habe nie die Stimme erhoben, aber manchmal die Stirn gerunzelt, scherzt er. Auch Merkel sagt, es sei nicht immer alles eitel Sonnenschein gewesen. WorĂŒber die beiden bei dem gemeinsamen Auftritt in Washington nicht sprechen: 2013 war bekanntgeworden, dass der US-Geheimdienst NSA ĂŒber Jahre Merkels Handy ausspioniert hatte. "AusspĂ€hen unter Freunden, das geht gar nicht", hatte sich Merkel damals verĂ€rgert gezeigt.

Merkel und Obama kommen aus unterschiedlichen Welten. Der einstige US-PrĂ€sident hatte seine Jugend in Hawaii und Indonesien verbracht, studierte in Harvard, war Sozialarbeiter und BĂŒrgerrechtsanwalt in der Metropole Chicago. Merkel ist in Hamburg geboren, in der DDR aufgewachsen, Naturwissenschaftlerin - und dann schließlich in die Politik gekommen. Doch sie verbindet etwas Bedeutendes: Sie waren beide die Ersten. Merkel war, als sie 2005 gewĂ€hlt wurde, die erste deutsche Kanzlerin. Obama war nach seiner Wahl 2008 der erste schwarze US-PrĂ€sident.

Merkel spricht ĂŒber glĂ€serne Decke

Und so zeigt sich Obama neugierig - fragt sie, wie das damals in der DDR gewesen sei. Sie spricht von einer glĂŒcklichen Kindheit - obwohl sie in einer Diktatur gelebt habe. Im Westen, sagt Merkel, verstehe man das nicht immer. Und dann will Obama wissen, welche Bedeutung ihr Frausein an der Macht gehabt habe. "Ich denke jetzt darĂŒber nach, da ich zwei Töchter habe, die in ihrer Mutter offensichtlich ein gutes Vorbild haben", sagt er.

Merkel erzĂ€hlt, dass sie anfangs ziemlich naiv gewesen sei - aber in der Politik schnell gemerkt habe, dass es eine glĂ€serne Decke gegeben habe. Als sie als Kanzlerin kandidiert habe, habe es Vorbehalte gegeben. Es habe keine Erfahrung mit Frauen in dieser Position gegeben. Übrigens sei das in den USA immer noch so, hĂ€lt die Ex-Kanzlerin fest. Da mĂŒsse man auf die Zukunft hoffen. Die Demokratin Kamala Harris verlor bei der US-Wahl vor einigen Wochen gegen den Republikaner Donald Trump, der auf der BĂŒhne in Washington nicht direkt zur Sprache kommt.

Obama: Merkel geht es um Fakten

Merkel erzĂ€hlt weiter, dass sie auf internationaler BĂŒhne manchmal einen Vorteil gehabt habe. Mit ihren bunten Blazern sei sie hĂ€ufig ein Farbklecks zwischen all den grauen Jacketts gewesen. Es sei aber nicht so einfach gewesen, dorthin zu kommen. Die ehemalige Kanzlerin nennt eine ihrer Gaben, nie etwas zu tun, was man nicht ganz verstehe- stets etwas Bescheidenheit zu bewahren - und dennoch mutig undehrgeizig zu sein. Obama sagt ĂŒber die Ex-Kanzlerin: "Sie ist eher die Wissenschaftlerin, es geht um Fakten und Analysen."

Am Ende stört das friedliche Miteinander zwischen Obama und Merkel noch eine schreiende Zuschauerin, die dem Ex-PrÀsidenten immer wieder ins Wort fÀllt. Der hat eine Lektion in Demokratie und Respekt parat: "Die Leute sind gekommen, um Angela Merkel zuzuhören, und nicht Ihnen, junge Frau. Sie können Ihre eigene Veranstaltung organisieren."

@ dpa.de