Trumps Sieg wird im Schatten des Kapitol-Sturms besiegelt
06.01.2025 - 18:32:56Weitere EindrĂŒcke aus dem Kapitol als neuer 8. Absatz.)
WASHINGTON (dpa-AFX) - Ăberschattet von den Erinnerungen an die ErstĂŒrmung des Kapitols steht im US-Kongress die BestĂ€tigung des Wahlsieges von Donald Trump an. "Der Kongress bestĂ€tigt heute unseren groĂartigen Sieg - ein groĂer Moment in der Geschichte", schrieb Trump auf seiner Plattform Truth Social. Seine AnhĂ€nger waren es, die vor vier Jahren den ĂŒblicherweise unspektakulĂ€ren, formellen Akt gewaltsam unterbrachen, um den Demokraten Joe Biden als PrĂ€sidenten zu verhindern.
Amtsinhaber Biden mahnte, die Ereignisse vom 6. Januar 2021 nicht zu vergessen. "Es wird unablÀssig versucht, die Geschichte dieses Tages umzuschreiben - sogar wegzuradieren", schreibt Biden in der "Washington Post". Jede Nation, die die Vergangenheit vergesse, sei dazu verdammt, sie zu wiederholen. "Wir können nicht akzeptieren, dass sich das, was vor vier Jahren geschah, wiederholt."
Trump und viele Republikaner haben unermĂŒdlich daran gearbeitet, die ErzĂ€hlung des 6. Januar umzudeuten. Es sei kein Sturm gewesen, sondern ein "Tag der Liebe", wiederholte Trump wĂ€hrend seines Wahlkampfs immer wieder.
Trumps Triumph im vergangenen November zieht niemand in Zweifel. Er setzte sich klar gegen seine demokratische Kontrahentin Kamala Harris durch, die als noch amtierende VizeprĂ€sidentin seinen Wahlsieg amtlich machen muss - und damit auch ihre eigene Niederlage besiegeln wird. Es handele sich dabei um eine "heilige Verpflichtung", der sie nachkommen werde, sagte Harris in einem kurzen Video, das sie auf X postete. "Wie wir gesehen haben, ist unsere Demokratie fragil", fĂŒgte sie hinzu.
Vor vier Jahren hatten Randalierer - aufgewiegelt durch eine Rede von Trump - in Scharen Sicherheitsbarrikaden am Kapitol durchbrochen und Fensterscheiben zerschlagen. Sie waren gewaltsam in SitzungssĂ€le und BĂŒros eingedrungen. Polizisten versuchten verzweifelt, sich gegen die Ăbermacht der Eindringlinge zur Wehr zu setzen. Abgeordnete mussten sich vor den Angreifern in Sicherheit bringen - und mit sich auch die Urkunden mit den Wahlergebnissen. In Folge der Krawalle kamen fĂŒnf Menschen ums Leben.
Erhöhte Sicherheitsvorkehrungen
Vier Jahre spĂ€ter ist eine Mischung aus erhöhter Wachsamkeit und schwerer Erinnerung im Kapitol zu spĂŒren. Der Ort gleicht einer Festung: Polizisten, SicherheitskrĂ€fte und Beamte des Secret Service sind prĂ€sent. Verschlossene EingĂ€nge, gesperrte AufzĂŒge - das GebĂ€ude ist nahezu hermetisch abgeriegelt. In der Nacht hat ein Schneesturm Washington in WeiĂ gehĂŒllt; die dichten Schneemassen um das Kapitol verstĂ€rken die stille Schwere, die auf dem ParlamentsgebĂ€ude zu lasten scheint.
FĂŒr viele, die heute hier arbeiten, sind die Erinnerungen tiefe persönliche Erfahrungen. Eine Polizistin, die am Tag des Angriffs im Dienst war, hĂ€lt sich bedeckt. Sie wolle sich nicht in politische Diskussionen einmischen, sagt sie freundlich, aber knapp. Ein Journalist, der das Geschehen damals miterlebte, erklĂ€rt hingegen, wie drastisch die Sicherheitsvorkehrungen im Vergleich zu damals erhöht wurden. In seiner Erinnerung ist jener Morgen des 6. Januar 2021 noch sehr lebendig - als die Anspannung mit jeder Minute wuchs.
Zwei junge Polizisten, die 2021 noch nicht im Dienst waren, blicken im Gegensatz zu anderen Kollegen gelassen auf diesen Tag. FĂŒr sie ist er weniger von Emotionen geprĂ€gt. In den GesprĂ€chen auf den GĂ€ngen vermischen sich die Vergangenheit und das Heute. Neben dem Kapitol-Sturm geht es auch um alltĂ€glichere Themen: Sport, die Feiertage, den Schnee.
Keine Ăberraschungen erwartet
Zur Zertifizierung des Wahlergebnisses kommen beide Parlamentskammern zusammen: der Senat und das ReprĂ€sentantenhaus. Beginnen soll die Sitzung um 19.00 Uhr deutscher Zeit. Die Resultate aus den einzelnen US-Bundesstaaten werden zunĂ€chst verlesen und gezĂ€hlt. Am Ende wird das Ergebnis verkĂŒndet und ist damit amtlich. Trump hatte sich bei der Wahl 312 Stimmen der Wahlleute gesichert, Harris kam auf 226.
Die Zertifizierung könnte nach weniger als einer Stunde durch sein. Theoretisch ist möglich, dass Kongressabgeordnete Einspruch einlegen. Das ist dieses Jahr aber nicht absehbar.
FĂŒr die Demokraten ist der Nachgang der Wahl eine Gelegenheit, sich einmal mehr als Gegenentwurf zu den Republikanern zu prĂ€sentieren: beweisen, dass sie gute Verlierer sind, dem demokratischen Prozess vertrauen und ihn anerkennen. Amtsinhaber Biden verwies mehrfach darauf, dass er alles dafĂŒr tue, einen reibungslosen Machtwechsel zu ermöglichen - anders als Trump vor vier Jahren.
"Ich denke, was er getan hat, war eine echte Bedrohung der Demokratie und ich hoffe, dass wir das ĂŒberwunden haben", sagte Biden. Den 6. Januar nannte er am Vorabend vor neu gewĂ€hlten demokratischen Kongressmitgliedern im WeiĂen Haus einen der schwierigsten Tage der amerikanischen Geschichte.
Trump könnte Angreifer begnadigen
Trump wird am 20. Januar als PrĂ€sident vereidigt. Die Folgen des 6. Januar 2021 könnte er dann versuchen, rĂŒckgĂ€ngig zu machen. Im Wahlkampf hat er versprochen, AnhĂ€nger zu begnadigen, die sich an dem gewaltsamen Sturm beteiligt hatten und deshalb verurteilt wurden. "In dem Moment, in dem wir gewinnen, werden wir die FĂ€lle aller politischen Gefangenen, die zu Unrecht Opfer des Harris-Regimes geworden sind, rasch ĂŒberprĂŒfen. Und ich werde ihre Begnadigungen am ersten Tag unterschreiben", sagte Trump etwa.

