Faeser hĂ€lt erhebliche Investitionen in zivile Verteidigung fĂŒr nötig
29.04.2024 - 10:39:02"Wir werden weitere erhebliche Investitionen in gute Warnsysteme, in moderne Hubschrauber und weitere Ausstattung vornehmen mĂŒssen", sagte die Ministerin der Deutschen Presse-Agentur. Das Gleiche gelte fĂŒr den effektiven Schutz kritischer Infrastruktur und die Versorgung fĂŒr KrisenfĂ€lle. Konkrete Zahlen nennt sie nicht. Doch Fachleute sagen: "Es geht hier um Milliarden."
Ein Satz, der in Zeiten mit schwieriger Haushaltslage nicht gut ankommt, wobei ein Teil der Ausgaben in der Verantwortung der LĂ€nder liegt, da etwa die Trinkwassernotversorgung nicht nur fĂŒr den Zivilschutz benötigt wird, sondern auch bei Krisen und Katastrophen, die keine militĂ€rische Ursache haben.
Die russische Aggression in der Ukraine habe zu einer völlig verĂ€nderten Sicherheitslage gefĂŒhrt, betont Faeser, "zuallererst bei unseren östlichen EU- und Nato-Partnern wie im Baltikum, aber auch durch hybride Bedrohungen wie Cyberangriffe, Spionage und Desinformation bei uns". Das bedeute: "Wir mĂŒssen neben der militĂ€rischen Abschreckung und Verteidigung daher zwingend auch den Zivilschutz stĂ€rken." Ihr Ministerium und die ihm unterstellten Behörden arbeiteten deshalb gemeinsam mit dem Bundesverteidigungsministerium intensiv an einem Operationsplan zur militĂ€rischen und zivilen Verteidigung.
Neuer Operationsplan bleibt geheim
Eingebunden in die Arbeit an dem sogenannten OPLAN, der als geheim eingestuft ist und in einer ersten Fassung seit einigen Wochen im Verteidigungsministerium vorliegt, sind unter anderem auch das Gesundheitsministerium sowie das Verkehrsressort. Denn auch Fragen wie die Bevorratung mit Medikamenten und SanitĂ€tsmaterial oder die Auswirkungen von Truppentransporten auf den zivilen Verkehr sollen vorab geklĂ€rt werden, damit im Spannungs- und Verteidigungsfall alles möglichst reibungslos funktioniert. Damit die VorrĂ€te der Gesundheitsreserve nicht nach Ablauf der Haltbarkeit weggeworfen werden mĂŒssen, sind die Apotheken groĂer KrankenhĂ€user in das System eingebunden.
Das Bundesamt fĂŒr Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), das Technische Hilfswerk (THW) und die Hilfsorganisationen prĂŒften aktuell die jeweiligen Leistungsanforderungen, die sich aus dem OPLAN ergĂ€ben, teilte BBK-PrĂ€sident, Ralph Tiesler, auf Anfrage mit. Beispiele fĂŒr solche Anforderungen seien etwa die Versorgung von VerbĂŒndeten mit Treibstoff und Verpflegung sowie die Unterbringung von verbĂŒndeten MilitĂ€rangehörigen auf dem Transport durch Deutschland.
Soldaten und Polizei wĂŒrden Infrastruktur schĂŒtzen
Die Bundeswehr will bis 2027 sechs Heimatschutzregimenter auf, denen schĂ€tzungsweise 6000 MĂ€nner und Frauen angehören werden. Im Frieden können sie bei der Amts- und Katastrophenhilfe - schweren UnglĂŒcksfĂ€llen ĂŒber Terrorlagen bis hin zu Pandemien - eingesetzt werden. Im Spannungs- und Verteidigungsfall oder auch bereits bei einer krisenhaften Entwicklung sichern und schĂŒtzen HeimatschutzkrĂ€fte auch HĂ€fen und Bahnanlagen, GĂŒterumschlagplĂ€tze, Pipelines, StraĂen fĂŒr den Truppenaufmarsch, BrĂŒcken, Verkehrsknotenpunkte und digitale Infrastruktur gemeinsam mit der Polizei.
Die Bundeswehr hilft bei Naturkatastrophen, groĂen WaldbrĂ€nden oder auch in Notlagen wie der Corona-Pandemie oft, Schlimmeres zu verhindern. Im Verteidigungsfall steht sie fĂŒr solche UnterstĂŒtzung aber nicht zur VerfĂŒgung, weil sie ihren eigentlichen Auftrag, die Landes- und BĂŒndnisverteidigung, erfĂŒllen muss. Hier mĂŒssten dann vielmehr zivile KrĂ€fte die StreitkrĂ€fte entlasten, etwa beim Transport oder der medizinischen Versorgung von Verletzten.
Auf die zivile Seite kommen im Verteidigungsfall vier Hauptaufgaben zu: die Aufrechterhaltung von Staats- und Regierungsfunktionen, der Schutz der Zivilbevölkerung vor kriegsbedingten SchĂ€den und deren Folgen, die Versorgung der Bevölkerung und die UnterstĂŒtzung der StreitkrĂ€fte.
Doch ist die deutsche Bevölkerung nach Jahrzehnten des Friedens auf einen solchen Fall, der nach SchĂ€tzung von Experten womöglich gegen Ende dieses Jahrzehnt eintreten könnte, vorbereitet? BBK-PrĂ€sident Tiesler meint: "Das Bewusstsein der Bevölkerung fĂŒr mögliche Risiken ist in den letzten Jahren durch die Vielzahl von Ereignissen wie die Pandemie oder Hochwasser in Deutschland sowie den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine gestiegen." Das lasse sich beispielsweise an der gestiegenen Zahl von Anfragen beim Bundesamt ablesen. Um eine belastbare Faktenlage zur Frage der Risikowahrnehmung in Sachen Zivilschutz zu erhalten, plane das BBK aktuell eine mehrstufige Erhebung.
Warum ist das wichtig? Tiesler ist ĂŒberzeugt: "Eine weit verbreitete Selbstschutz- und SelbsthilfefĂ€higkeit in der Bevölkerung trĂ€gt essenziell zur Resilienz der gesamten Gesellschaft bei." Faeser findet, Bevölkerungsschutz sollte auch bundesweit Thema an Schulen sein. Sie sagt: "Es gilt, Wissen zu vermitteln, ohne Angst zu machen."
Und was ist mit den notwendigen Einrichtungen und GerĂ€ten? Das BBK hat Allrad-Fahrzeuge angeschafft. Neue Hubschrauber, mit denen mehrere Verletzte transportiert werden können, sollen hinzukommen. Auf Grundlage des Wassersicherstellungsgesetzes hat das Bundesinnenministerium im vergangenen Jahr nach eigenen Angaben drei Millionen Euro ausgegeben fĂŒr Notbrunnen, Pumpen und andere MaĂnahmen zur Sicherstellung der Wasserversorgung. Seit 2021 gibt es UnterstĂŒtzung vom Bund fĂŒr den Ausbau der kommunalen Sirenen-Netze.
Keine Bunker vorhanden
Ein Schwachpunkt sind die SchutzrĂ€ume. Anders als etwa in Finnland gibt es in Deutschland nicht fĂŒr jeden einen Platz in einem Bunker. Selbst da, wo es SchĂ€chte oder Keller gibt, die als Schutzraum dienen könnten, wissen die Anwohner in der Regel nicht, wohin sie sich wenden mĂŒssten. "Aktuell arbeiten Bundesinnenministerium und BBK zusammen mit anderen Institutionen an einem neuen Schutzbau-Konzept", sagt BBK-Chef Tiesler. Dort, wo kĂŒnftig öffentliche SchutzrĂ€ume gegebenenfalls wieder zur VerfĂŒgung stehen könnten, wĂŒrden dann auch entsprechende Hinweise fĂŒr die Bevölkerung erfolgen, auch ĂŒber Notfall-Apps.

