Weniger Menschen essen tÀglich Fleisch
13.10.2023 - 16:33:11Wenn es ums Essen geht, ist eines schon mal sicher: Zuallererst soll es schmecken. 99 Prozent der Befragten finden das auch in der neuen Auflage einer jÀhrlichen Umfrage, die das BundesernÀhrungsministerium am Freitag in Berlin vorlegte.
In Zeiten hoher Inflation und der Klimakrise wandeln sich aber manche Ess- und Einkaufsgewohnheiten - und auch die Erwartungen an die Lebensmittelproduktion. TĂ€glich Fleisch zu essen, wird seltener. Pflanzliche Alternativen legen zumindest langsam zu. Doch aufs Geld und die Zeit achten mĂŒssen oder wollen auch viele. Die Politik will den Trend zur Nachhaltigkeit mit neuen Kennzeichnungen stĂŒtzen. Um Wege zu einer gesĂŒnderen ErnĂ€hrung gibt es aber Streit.
Minister Cem Ăzdemir sagte bei der Vorstellung des «ErnĂ€hrungsreports 2023», die Esskultur entwickele sich rasant weiter. «Daraus sollte man keinen Kulturkampf machen.» Die Menschen entschieden beim Essen ganz bewusst. Es gelte daher, dafĂŒr zu sorgen, dass man die Wahl habe, und es leichter werde, sich gut zu ernĂ€hren. Viele seien lĂ€ngst weiter als «der eine oder andere schrille Ton» im politischen Streit.
Immer weniger Fleisch
TĂ€glich oder mehrmals tĂ€glich Fleisch und Wurst essen der Umfrage zufolge noch 20 Prozent der Menschen. Im vergangenen Jahr sagten das 25 Prozent und 2015 noch 34 Prozent. Zugleich werden vegane oder vegetarische Alternativen zu Fleisch und Milch beliebter. Zehn Prozent greifen inzwischen tĂ€glich zu solchen pflanzlichen Produkten - nach neun Prozent im vergangenen Jahr und fĂŒnf Prozent bei der ersten Abfrage 2020. Unter 14- bis 29-JĂ€hrigen sind es nun mit 18 Prozent am meisten. FĂŒr die reprĂ€sentative Umfrage befragte das Institut Forsa den Angaben zufolge vom 15. bis 26. Mai 1001 Menschen ab 14 Jahre.Â
«Die Zahl der Flexitarier nimmt tendenziell zu», erlĂ€uterte Ăzdemir. Gemeint sind flexible Vegetarier, die bewusst weniger Fleisch essen, dann aber oft von besserer QualitĂ€t. Das groĂe Wachstumspotenzial des Markts mit pflanzenbasierten Produkten habe die Lebensmittelbranche auch schon erkannt, so Ăzdemir. Die Umweltorganisation WWF rief auch den Handel zum Umsteuern beim Marketing auf. Etwa zur Grillsaison werde fĂŒr Fleisch bisher viel mehr geworben als fĂŒr Ersatzprodukte.
Zeit, Geld und mehr
Beim Kochen sollte es fĂŒr viele nicht zu kompliziert und zu aufwendig zugehen. Gut der HĂ€lfte (52 Prozent) der Befragten ist es wichtig oder sehr wichtig, dass das Essen einfach und schnell zuzubereiten ist. Das fanden 60 Prozent der Frauen und 43 Prozent der MĂ€nner. Bei den Kriterien fĂŒr die Auswahl von Produkten zeigen sich auch Effekte der nach wie vor stark steigenden Lebensmittelpreise. «Ich achte darauf, dass es preiswert ist», sagten nun 57 Prozent nach 47 Prozent im Vorjahr. Auf Angebote achten 73 Prozent nach zuvor 61 Prozent.
Die Verbraucherzentralen warnten, dass steigende Preise eine gesunde und nachhaltige ErnĂ€hrung immer schwieriger machten. Und die Ursachen fĂŒr die weiter hohen Preise seien völlig unklar. «Das muss sich Ă€ndern», sagte die Chefin des Bundesverbands, Ramona Pop. Noch vor dem Preis rangieren in der Liste der Kauf-Kriterien Aspekte einer nachhaltigen Erzeugung: So achten 80 Prozent nach eigenem Bekunden darauf, wie das Tier gehalten wurde, von dem ein Lebensmittel stammt. 74 Prozent nannten eine Umwelt- und ressourcenschonende Produktion.
Kennzeichnungen und Werbestreit
Um mehr Transparenz bei Kaufentscheidungen zu schaffen, sind mehrere neue Kennzeichnungen in Sicht. Bei Fleisch soll ab 2024 auch ein staatliches Logo die Form der Tierhaltung anzeigen. Starten soll die Pflichtkennzeichnung fĂŒr inlĂ€ndische Erzeugnisse mit Schweinefleisch im Handel. Geplant ist ein System mit fĂŒnf Haltungskategorien wĂ€hrend der Mast vom gesetzlichen Mindeststandard bis Bio. Seit lĂ€ngerem gibt es schon eine Kennzeichnung der Supermarktketten. Den Bio-Anteil in Kantinen und Restaurants sollen EssensgĂ€ste bald an einem kreisrunden Logo in den Medaillenfarben Gold, Silber und Bronze erkennen können.
Ein Baustein fĂŒr gesĂŒndere ErnĂ€hrung steckt in der Ampel-Koalition fest. Ăzdemir warb erneut fĂŒr seine GesetzesplĂ€ne zu Werbeverboten fĂŒr ungesunde Lebensmittel an die Adresse von Kindern, die er auch schon enger fasste. Der FDP-Fachpolitiker Gero Hocker betonte indes: «ErnĂ€hrungsbildung, anderer Sportunterricht und mehr Bewegung im Alltag helfen ĂŒbergewichtigen Kindern mehr als alle Verbote.» Er verwies auf eine Stellungnahme des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages. Darin heiĂt es, es gebe zwar Berechnungen, wonach Werbeverbote zu einem RĂŒckgang der Verbreitung von Adipositas bei Kindern beitragen könnten. Es existierten jedoch, soweit erkennbar, keine Studien, die einen direkten Zusammenhang konkret belegten.


