Experte, Goldpreis

Experte: Goldpreis eher von Zinspolitik abhÀngig als von Krisen

20.12.2023 - 10:25:12

Obwohl Gold in Krisenzeiten als sicherer Hafen gilt, haben Kriege wie in der Ukraine und in Israel nach Auskunft eines Branchenexperten weniger Einfluss auf die Preisentwicklung als beispielsweise die Geldpolitik von Notenbanken.

Kriege oder Krisen ließen die Nachfrage nach Gold nur kurz- bis mittelfristig steigen, erklĂ€rte York Tetzlaff, GeschĂ€ftsfĂŒhrer des Branchenverbandes Fachvereinigung Edelmetalle in Pforzheim. "Langfristig sind es eher andere Faktoren, die den Goldpreis bestimmen, wie die Nachfrage nach Gold in den Bereichen Schmuck und Industrie sowie von Investoren und Nationalbanken." Hinzu kĂ€men die Wechselkurs- und Zinsentwicklungen.

"Generell gilt aber: Über die vergangenen Jahrzehnte hat das Edelmetall in Phasen der geopolitischen InstabilitĂ€t seine Rolle zur langfristigen Wertspeicherung nachweisbar erfĂŒllt", teilte Tetzlaff mit. Bei 2135 US-Dollar beziehungsweise 1950 Euro pro Feinunze hatte der Goldpreis Anfang Dezember einen Höchststand erreicht. Mit 800 Tonnen Gold habe die Nachfrage der Notenbanken im bisherigen Jahresverlauf einen neuen Rekord erreichte, erlĂ€uterte der Experte unter Bezug auf Zahlen des World Gold Councils.

Preisentwicklung hÀngt von Zins- und Industriepolitik ab

Sollte die US-Notenbank Federal Reserve im kommenden Jahr Zinssenkungen vornehmen, dĂŒrfte das nach seiner EinschĂ€tzung den Goldpreis antreiben. Zinssenkungen machten zinslose Anlagen attraktiver und schwĂ€chten zusĂ€tzlich den Wert des Dollars, in dem Gold gehandelt wird. "Dabei sollten Anleger aber nicht nur den Goldpreis im Blick haben, sondern auch beachten, dass der Kauf von Gold mit einem gewissen WĂ€hrungsrisiko durch den US-Dollar einhergeht", so der Experte.

"Die weiterhin starke Schmucknachfrage in asiatischen LĂ€ndern wie Indien könnte den Goldpreis zusĂ€tzlich hochhalten", erklĂ€rte Tetzlaff. Hinzu komme die Nachfrage vieler Privatanleger - auch in Deutschland - vor dem Hintergrund der sich mittlerweile ĂŒberlappenden Krisen. "Als Rohstoff ist Gold ein knappes Gut und eignet sich somit als stabilisierendes Element in einem Anlageportfolio, um das Gesamtrisiko zu senken." Das Edelmetall erfĂŒlle diese Wertaufbewahrungsfunktion zuverlĂ€ssig schon seit Jahrhunderten.

Die Nachfrage steige zudem, weil Gold wie auch andere Edelmetalle in der Industrie fĂŒr Leiterplatten und Katalysatoren dringend gebraucht wird. "Die Entwicklung der globalen Automobilproduktion und steigende Umweltauflagen könnte daher den Wert dieser Edelmetalle in Zukunft stark beeinflussen", so Tetzlaff. DarĂŒber hinaus nehme Palladium als Speichermedium fĂŒr Wasserstoff eine SchlĂŒsselrolle in dieser zukunftstrĂ€chtigen Branche ein. "Deshalb ist zumindest mittelfristig damit zu rechnen, dass auch dieses Edelmetall von weiter stĂ€rker steigenden Kursen profitiert."

Als Investment sei hochwertiger Schmuck wegen des Aufpreises durch die Anfertigung zwar weniger geeignet als GoldmĂŒnzen oder -barren, sagte Tetzlaff der Deutschen Presse-Agentur. "DafĂŒr kann ein besonders schönes SchmuckstĂŒck aber mit einem emotionalen Wert aufwarten, der fĂŒr den Einzelnen um ein Vielfaches ĂŒber dem materiellen Wert liegt. Denn Gold ist selten."

Steigt der Goldpreis, wird mehr Altgold verkauft

Angesichts der Preisentwicklung sei das Goldangebot 2023 im dritten Quartal im Jahresvergleich um sechs Prozent gestiegen, erlÀuterte Tetzlaff. Besonders in Asien hÀtten viele private Goldbesitzer das Edelmetall verkauft. "Dadurch nahm auch das Gold-Recycling zu."

WÀhrend sich der Anteil des Recyclings am Gesamtangebot von Gold in den vergangenen Jahren bei rund 25 Prozent eingependelt hatte, schnellte er den Angaben zufolge im ersten Halbjahr 2023 auf 35 Prozent. "Ob sich diese Entwicklung auch in der zweiten JahreshÀlfte und in den nÀchsten Jahren fortsetzen wird, bleibt abzuwarten."

Die deutsche Edelmetallindustrie sei prozentual gesehen sogar Recycling-Weltmeister. "Nahezu das gesamte in Deutschland produzierte Gold kommt bis auf Beiprodukte aus der Kupferproduktion aus dem Recycling von Altgold oder Elektronikschrotten", berichtete Tetzlaff. In einer Tonne ausrangierter Smartphones steckten 250 Gramm Feingold.

Scheideanstalten entfernen demnach Verunreinigungen oder Fremdmetalle aus dem Altgold. Dabei gebe es keinen QualitÀtsverlust und der Prozess sei sehr viel weniger energieaufwendig als Goldabbau in Minen.

@ dpa.de