ROUNDUPScholz, Zentralasien

Migrationsabkommen mit Usbekistan

15.09.2024 - 15:38:14

Öl und Gas, Steuerung der Migration und Sanktionen gegen Russland: Das sind die wichtigsten Themen der ersten Reise von Bundeskanzler Olaf Scholz in die ehemaligen Sowjetrepubliken Zentralasiens, bei der er zuerst in Usbekistan Station macht.

Der SPD-Politiker landete am Nachmittag im Samarkand, einer fast 3.000 Jahre alten Handelsstadt an der Seidenstraße, die zum Unesco-Weltkulturerbe gehört.

Dort sollten noch am Abend mehrere Vereinbarungen unterzeichnet werden - unter anderem ein Migrationsabkommen. Es soll der Zuzug von FachkrĂ€ften unter anderem im Pflege- und Gesundheitsbereich und die RĂŒckfĂŒhrung von Usbeken ohne Bleiberecht in Deutschland erleichtern. Bei letzterem Punkt geht es allerdings nur um 203 Personen (Stand 31. Juli). Das sind weniger als 0,1 Prozent aller 225.000 ausreisepflichtigen Migranten in Deutschland.

Sechstes Migrationsabkommen

Abkommen mit einzelnen HerkunftslÀndern sind ein zentraler Bestandteil der Migrationspolitik der Ampel-Regierung. Um sie auszuhandeln, hat sie mit Joachim Stamp eigens einen Beauftragten eingesetzt, der Scholz ebenso wie Innenministerin Nancy Faeser auf seiner Reise begleitet. Erst am vergangenen Freitag wurde in Berlin ein Migrationsabkommen mit Kenia unterzeichnet, mit Indien, Georgien, Marokko und Kolumbien gibt es solche Vereinbarungen schon lÀnger. Mit Moldau und Kirgistan sind die Verhandlungen bereits weit fortgeschritten, und auch mit den Philippinen und Ghana laufen GesprÀche.

Usbekistan ist als Nachbarland Afghanistans auch eins der LĂ€nder, das bei der Abschiebung von StraftĂ€tern nach Afghanistan helfen könnte. Es sei aber noch unklar, "ob und mit welchem Zeithorizont sich das praktisch materialisiert", heißt es aus Regierungskreisen. Deutschland schiebt seit Ende August wieder StraftĂ€ter in das von den radikalislamischen Taliban regierte Afghanistan ab. Der erste Flug wurde mit Hilfe von Katar organisiert.

"Perle des Orients": Kulturprogramm zum Auftakt

Seinen Besuch in Samarkand, auch "Perle des Orients" genannt, begann Scholz gleich nach seiner Ankunft mit einem Gang ĂŒber den Registan, einen der prĂ€chtigsten PlĂ€tze Asiens. Dort war auch ein Besuch der Tilla-Kori-Moschee aus dem 17. Jahrhundert geplant.

Das Land mit seinen gut 36 Millionen Einwohnern öffnet sich seit Jahren stĂ€rker dem Westen. Unter dem PrĂ€sidenten Schawkat Mirsijojew hat es eine Vielzahl liberaler Reformen durchgezogen, Teile seiner Staatswirtschaft privatisiert und so auch Investoren angelockt. Allein in diesem Jahr wird ein Wirtschaftswachstum von ĂŒber fĂŒnf Prozent erwartet - auch dank der engen Handelsbeziehungen zu China und Russland.

Zentralasien-Gipfel in Kasachstan

Am Montag reist Scholz weiter nach Kasachstan, in das grĂ¶ĂŸte und wirtschaftsstĂ€rkste Land Zentralasiens. Dort ist ein Gipfeltreffen mit allen fĂŒnf Staaten der zwischen Russland und China gelegenen Region geplant, zu denen auch noch Kirgistan, Turkmenistan und Tadschikistan zĂ€hlen. Scholz will die Beziehungen zu diesen LĂ€ndern ausweiten und hat dazu vor einem Jahr in Berlin mit ihnen bereits eine strategische Partnerschaft mit den Schwerpunkten Wirtschaft, Energie, Klima und Umwelt vereinbart. Diese soll nun mit Leben gefĂŒllt werden.

Die fĂŒnf zentralasiatischen Staaten haben zusammen knapp 80 Millionen Einwohner und damit etwas weniger als Deutschland. Ihre FlĂ€che ist aber elfmal so groß wie Deutschland und entspricht ungefĂ€hr dem Gebiet der gesamten EuropĂ€ischen Union mit ihren 27 Mitgliedstaaten. Lange Zeit stand die Region aus deutscher Sicht im Schatten der beiden GroßmĂ€chte China und Russland, auf die sich das Interesse der deutschen Wirtschaft konzentrierte.

Der russische Angriff auf die Ukraine hat das geÀndert. Russland fÀllt als lange Zeit wichtigster Energielieferant Deutschlands aus. Und die wirtschaftliche AbhÀngigkeit von China soll vor allem wegen der schlechten Erfahrungen mit Russland nun ebenfalls verringert werden. Die Bundesregierung will deswegen in Afrika, Lateinamerika und Asien bestehende Partnerschaften zu weniger wirtschaftsstarken LÀndern vertiefen und neue Partner finden.

Rohstoffreichtum und Menschenrechtsverletzungen

In den zentralasiatischen Staaten sind die Rohstoffvorkommen fĂŒr Deutschland besonders interessant. So versorgt Kasachstan als wirtschaftsstĂ€rkstes Land der Region jetzt schon die Raffinerie im brandenburgischen Schwedt mit Öl und gleicht die Kappung der russischen Lieferungen aus. Die Bundesregierung ist zudem an den Gasvorkommen in der Region interessiert. Kasachstan verfĂŒgt aber auch ĂŒber Uran, Eisenerz, Zink, Kupfer oder Gold und gilt als potenzieller Partner fĂŒr die Produktion von Wasserstoff, der aus erneuerbaren Energien gewonnen wird.

Die autoritĂ€r gefĂŒhrten Staaten der Region stehen allerdings wegen MenschenrechtsverstĂ¶ĂŸen international in der Kritik. Das gasreiche Turkmenistan etwa gilt als eine abgeschottete Diktatur Ă€hnlich wie Nordkorea. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch forderte Scholz vor der Reise auf, MissstĂ€nde offen anzusprechen. "Die Bundesregierung kann nicht so tun, als seien engere Beziehungen zu Zentralasien ohne eine deutliche Verbesserung der Menschenrechtslage in der Region möglich", sagte Regionaldirektor Hugh Williamson.

Scholz will Umgehung von Sanktionen "angemessen ansprechen"

FĂŒr die zentralasiatischen Staaten ist die Intensivierung der Beziehungen mit dem Westen ein Spagat. Einerseits sind sie wirtschaftlich eng mit Russland verflochten. Andererseits betonen sie, dass sie das Sanktionsregime der westlichen Staaten gegen Russland unterstĂŒtzen. Wie ernst es zum Beispiel Kasachstan damit meint, ist aber fraglich.

Exporte von dort nach Russland sind seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine teils deutlich angestiegen. Das nĂ€hrt den Verdacht, dass Unternehmen westlicher Staaten gezielt versuchen, Wirtschaftssanktionen gegen Russland auf dem Umweg ĂŒber diese LĂ€nder zu umgehen. Kasachstan hat eine 7.000 Kilometer lange Grenze zu Russland.

@ dpa.de