Mrd, Euro

Österreich: 2,5 Mrd. Euro unbezahlte Überstunden im Jahr 2025

Veröffentlicht am: 09.09.2026 um 20:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de

AK und ÖGB fordern kürzere Wochenarbeitszeiten, während Wirtschaftsvertreter auf Kosten, Produktivität und die Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe verweisen.

AK und ÖGB verlangen neue Arbeitszeitmodelle mit Lohnausgleich
Ein leerer, moderner Büroarbeitsplatz in der Abenddämmerung mit Blick auf die Stadt, der die Debatte um Arbeitszeitmodelle symbolisiert. Illustration mit AI erstellt.

In einer gemeinsamen Initiative haben die Arbeiterkammer (AK) und der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB) am 8. September 2026 eine tiefgreifende Reform der Arbeitszeitmodelle gefordert. Im Zentrum der Kritik steht die 40-Stunden-Woche, die von den Arbeitnehmervertretern als nicht mehr zeitgemäß eingestuft wird.

Angesichts einer durchschnittlichen tatsächlichen Arbeitszeit von 40,7 Stunden pro Woche bei Vollzeitbeschäftigten nimmt Österreich im EU-Vergleich eine Spitzenposition bei der zeitlichen Belastung ein.

Argumente für eine Arbeitszeitverkürzung

Die Forderungen der AK und des ÖGB umfassen eine generelle Reduktion der Wochenarbeitszeit bei vollem Lohnausgleich sowie die Rücknahme des 12-Stunden-Tags. Zudem sprachen sich die Organisationen für die Durchführung von Pilotversuchen zur Einführung einer 4-Tage-Woche aus.

AK-Präsidentin Anderl verwies darauf, dass die Normalarbeitszeit von 40 Stunden bereits seit 50 Jahren unverändert bestehe. Während dieser Zeit habe sich die Produktivität pro geleisteter Arbeitsstunde im Vergleich zu den 1970er-Jahren jedoch verdoppelt.

Den Angaben der Arbeitnehmervertreter zufolge korrespondiert die politische Forderung mit den Wünschen der Belegschaften: Demnach streben 80 % der Beschäftigten kürzere Arbeitszeiten an. Neben der physischen und psychischen Entlastung führen die Organisationen auch ökonomische Gerechtigkeitsaspekte an.

Milliardenverluste durch unbezahlte Mehrarbeit

Ein wesentlicher Kritikpunkt der Arbeitnehmervertreter betrifft das Ausmaß unbezahlter Mehrarbeit. Laut Daten für das Jahr 2025 leisteten Beschäftigte in Österreich insgesamt 45,9 Mio. Mehr- und Überstunden, für die keine Vergütung erfolgte. Dies entspreche einer Summe von entgangenen Entgelten in Höhe von 2,5 Mrd. Euro.

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In diesem Zusammenhang wird die Bedeutung rechtlicher Unterstützung betont. Die AK Kärnten konnte zuletzt für eine Mitarbeiterin im Servicebereich eine Nachzahlung von 2100 Euro erstreiten. Dabei handelte es sich um Forderungen für über Jahre hinweg nicht bezahlte Mehrstunden inklusive der entsprechenden Zuschläge. AK-Präsident Günther Goach empfahl Arbeitnehmern in diesem Kontext ausdrücklich eine lückenlose eigene Dokumentation der geleisteten Arbeitsstunden.

Widerstand von Arbeitgeberseite und Wirtschaftsvertretern

Die Forderungen stießen auf deutliche Ablehnung bei Vertretern der Wirtschaft. WKV-Direktor Julian Fässler wies die Pläne zur Arbeitszeitverkürzung zurück und verwies auf eine Statistik, wonach die tatsächlich geleistete Arbeitszeit im Jahr 2025 lediglich bei 29,4 Stunden pro Woche gelegen habe. Dies stelle einen Rückgang gegenüber dem Niveau vor der Pandemie dar. Fässler forderte stattdessen Maßnahmen zur Steigerung der Produktivität, anstatt das gesamte Arbeitsvolumen weiter zu reduzieren.

Ähnlich positionierte sich der Unternehmer Karl Mayr (Fussl) im Rahmen einer politischen Diskussion. Er plädierte für eine Beibehaltung oder Rückkehr zur 40-Stunden-Woche anstelle der vielfach üblichen 38,5 Stunden. Als Begründung nannte er die stark gestiegenen Kosten; in seinem Unternehmen seien die Lohnkosten im Vergleich zu 2019 um 40 % angewachsen. Zudem forderte er eine Senkung der Lohnnebenkosten, um die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern.

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Beschäftigungssituation älterer Arbeitnehmer und Industriestrategie

Flankiert wird die Debatte um die Arbeitszeit durch die Kritik an der Anhebung des Pensionsalters auf 67 Jahre. Die AK Oberösterreich und Landeshauptmann Doskozil wiesen auf die schwierige Lage älterer Arbeitssuchender hin.

Im Juli waren in Österreich 26.300 Menschen über 60 Jahre arbeitslos gemeldet. Besonders drastisch stellte sich die Situation bei 61-jährigen Frauen dar, deren Arbeitslosigkeit um 356 % anstieg, was fast 3.000 Personen entspricht.

Der ÖGB, der die Interessen von 1,2 Mio. Arbeitnehmern vertritt, verknüpft die Arbeitszeitdebatte zudem mit einer langfristigen Industriestrategie 2035. Die Organisation fordert, dass staatliche Fördergelder künftig streng an Standortgarantien, die Sicherung von Arbeitsplätzen sowie die Einhaltung hoher arbeitsrechtlicher Standards und Qualifizierungsmaßnahmen gebunden werden müssen.

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