ROUNDUP, Macron

Macron in Politikkrise unter Druck - EU blickt nach Paris

05.12.2024 - 16:40:20

PARIS/BRÜSSEL - Die schwere Politikkrise in Paris bringt nicht nur PrĂ€sident Emmanuel Macron zunehmend unter Druck, sondern schreckt auch die EU in BrĂŒssel auf.

(Neu: Details)

PARIS/BRÜSSEL (dpa-AFX) - Die schwere Politikkrise in Paris bringt nicht nur PrĂ€sident Emmanuel Macron zunehmend unter Druck, sondern schreckt auch die EU in BrĂŒssel auf. Macron empfing am Vormittag Premier Michel Barnier, der nach dem Sturz seines Mitte-Rechts-Kabinetts als der Regierungschef mit der kĂŒrzesten Amtszeit in der jĂŒngeren französischen Geschichte nach nur drei Monaten den RĂŒcktritt einreichte. GeschĂ€ftsfĂŒhrend bleibt er aber zunĂ€chst im Amt.

Die populistischen KrĂ€fte am linken und rechten Rand des Parlaments, die am Mittwochabend Barnier im Streit um einen Sparhaushalt zu Fall brachten, nehmen nun Macron ins Visier und reden von dessen RĂŒcktritt und einer vorgezogenen PrĂ€sidentschaftswahl. Am Abend will sich der PrĂ€sident in einer Ansprache an die Nation Ă€ußern - das dĂŒrfte Aufschluss darĂŒber geben, wie es jetzt weitergeht. Einen RĂŒcktritt hatte er stets ausgeschlossen.

Regierungssturz setzt Macron massiv unter Druck

Nicht nur die Opposition wirft Macron vor, die Politikkrise in Frankreich mit unklaren MehrheitsverhĂ€ltnissen im Parlament mit vorgezogenen Wahlen im zurĂŒckliegenden Sommer ausgelöst, zumindest aber verschlimmert zu haben. Nun steht Macron unter erhöhtem Druck auch aus den eigenen Reihen, möglichst zĂŒgig einen neuen Regierungschef zu ernennen, der die zerstrittenen Lager im Parlament insofern eint, als der lĂ€ngst ĂŒberfĂ€llige Haushalt verabschiedet und wichtige Vorhaben auf den Weg gebracht werden können.

Der Rechtsnationale Marine Le Pen und dem Altlinken Jean-Luc Mélenchon wird aus dem Regierungslager wÀhrenddessen vorgeworfen, die politische Krise in Frankreich anzufachen. Ihnen gehe es darum, Macron vorzeitig zu Fall zu bringen, um dann selbst bei einer vorgezogenen PrÀsidentschaftswahl anzutreten. Macron kann nach zwei Amtsperioden nicht erneut kandidieren.

Der Ausweg aus der Krise fĂŒr den PrĂ€sidenten

Nach Medienberichten ist Macron daran gelegen, möglichst zĂŒgig einen neuen Premier zu ernennen. Dies könnte ihm helfen, seine angeschlagene Position zu stĂ€rken, seine verbleibende Amtszeit bis 2027 zu retten und RĂŒcktrittsrufe zu dĂ€mpfen.

Je schneller eine neue Regierung die Arbeit aufnimmt, desto schneller könnte sich auch die französische Haushaltskrise konsolidieren und könnte es beruhigende Signale in Richtung Wirtschaft und FinanzmÀrkte geben.

Wie es nun weitergeht

Macron fĂŒhrte ab dem Mittag bereits GesprĂ€che, um auszuloten, wer als kĂŒnftiger Premier infrage kommen könnte. Dabei muss nicht nur das Profil des Kandidaten passen.

Angesichts der schwierigen KrĂ€fteverhĂ€ltnisse im Parlament, in dem weder das LinksbĂŒndnis noch Macrons Lager und auch nicht die Rechtsnationalen eine Mehrheit haben, muss der kĂŒnftige Premier möglichst einen Draht zu allen Blöcken im Parlament haben. Namen kursieren bereits, ohne dass sich zunĂ€chst erkennbar Favoriten abzeichneten.

Das Pariser Haushaltsproblem

Die öffentliche Schuldenlast ist in Frankreich immer mehr aus dem Ruder gelaufen und wegen einer zu hohen Neuverschuldung betreibt die EU-Kommission ein Defizitverfahren gegen Frankreich. Der Sparhaushalt, an dem Barniers Regierung zerbrach, ist bittere Notwendigkeit.

Im laufenden Jahr erwartet Frankreich ein Haushaltsdefizit von 6,1 Prozent, das damit weit entfernt ist vom europÀischen Grenzwert von drei Prozent.

Zwangslage bremst Frankreichs Wirtschaft aus

Angesichts der politischen HÀngepartie in Frankreich ist das Vertrauen in- und auslÀndischer Unternehmen gestört. Mit Investitionen wird gezögert, der Wirtschaftsstandort droht Schaden zu nehmen.

Die Industriestaatenorganisation OECD warnte, dass ohne eine Haushaltseinigung das erwartete Wirtschaftswachstum in Gefahr gerate und sich Steuereinnahmen verringerten. Die politische InstabilitĂ€t werde höhere RisikoaufschlĂ€ge auf staatliche Kredite und zusĂ€tzliche Milliardenlasten fĂŒr das Land bedeuten, hatte Barnier gewarnt.

Auswirkungen auf EU-Politik noch unklar

Wie sich das Chaos in Frankreich auf die EU-Politik auswirken wird, ist noch unklar. Nach EinschĂ€tzung von Diplomaten in BrĂŒssel wird vieles davon abhĂ€ngen, wie es in den nĂ€chsten Wochen und Monaten in Paris weitergeht.

Problematisch könnte es demnach vor allem dann werden, wenn EU-Entscheidungen getroffen werden mĂŒssen, die neue finanzielle Verpflichtungen Frankreichs erfordern - zum Beispiel fĂŒr neue Hilfen fĂŒr die Ukraine. Derzeit ist dies zwar nicht konkret absehbar. Als großer Unsicherheitsfaktor gilt allerdings der im Januar anstehende Regierungswechsel in den USA mit der Frage, ob der neue US-PrĂ€sident Donald Trump die EU zu einer Übernahme von mehr Verantwortung zwingen wird.

Spielt Regierungssturz Mercosur-BefĂŒrwortern in die Karten?

Daneben wird in BrĂŒssel auch darauf verwiesen, dass der Zeitpunkt des Misstrauensvotums gegen Barnier fĂŒr BefĂŒrworter der PlĂ€ne fĂŒr eine riesige Freihandelszone mit der EU und dem sĂŒdamerikanischen Staatenbund Mercosur eine am Ende sogar gute Sache gewesen sein könnte.

Hintergrund ist die Annahme, dass die zustĂ€ndige EU-Kommission möglicherweise keinen Abschluss der Verhandlungen an diesem Freitag angestrebt hĂ€tte, wenn das Risiko bestanden hĂ€tte, dass sie dann fĂŒr den Sturz der französischen Regierung mitverantwortlich gemacht wird. Mit dem Vorhaben fĂ€llt sie auch Barnier in den RĂŒcken, der das Abkommen wie viele andere in Frankreich in der derzeitigen Form ablehnt.

Keine drÀngenden europapolitischen Entscheidungen

Mit Blick auf große offene europapolitische Fragen, wie die Finanzierung des nĂ€chsten langfristigen EU-Haushalts, wird in BrĂŒssel darauf verwiesen, dass darĂŒber ohnehin frĂŒhestens im zweiten Quartal des nĂ€chsten Jahres GesprĂ€che begonnen werden können.

Frankreich sei nicht das einzige große Land in Europa, dass derzeit keine wirklich handlungsfĂ€hige Regierung habe, heißt es mit Blick auf die Bundesregierung. Große richtungsweisende Zukunftsentscheidungen werde es in der EU erst dann geben, wenn im bevölkerungsreichsten und wirtschaftsstĂ€rksten Land gewĂ€hlt worden sei.

@ dpa.de